Lesen bildet, Hören hält auf
Podcasts sind eine feine Sache. Automatisch wird man ständig mit interessanten Audioinhalten versorgt. Nach dem großen Hype um das neue Medium ist es inzwischen allerdings stiller geworden. Der Grund könnte in der mangelnden Informationseffizienz liegen.
Man kann dem Internet ja viel vorwerfen, doch zum Untergang des Mediums Schrift trägt es nur wenig bei. Während die Erdbevölkerung vor der Popularisierung des weltweiten Datennetzes dank zunehmendem TV-Konsums die Konfrontation mit Leseinhalten immer mehr einstellte, haben wir es jetzt mit einer Renaissance des Schriftlichen zu tun. Denn daraus besteht der Großteil des Netzes nun einmal!
Natürlich, das Internet ist ebenfalls voll mit Bilderschauen, die Online-Sprache unserer Kinder hat mit Literatur nur wenig zu tun und Videoinhalte werden Tag für Tag populärer. Doch das Grundgerüst des Web stellt immer noch der Text: Wer nicht lesen kann, findet online rein gar nichts, kann keine Suchmaschinen bedienen und auch keine E-Mails oder IM-Botschaften entziffern.
Das zeigt, wie unfassbar wichtig die Erfindung der Schrift für den Menschen bleibt - auch im digitalen Zeitalter. Das hat auch damit zu tun, dass die Mediengattung Text enorm effizient ist. Man kann Geschriebenes schnell erfassen, durchgehen und sich zu den wichtigsten Stellen vorkämpfen. Man kann dank Rechner mit wenigen Tastendrücken direkt in Texten suchen und das auffinden, was man braucht. Alles ist, bei ordentlicher Gliederung, auf nahezu einen Blick zu finden, selbst gut gesetzte Epen bleiben übersichtlich. (Dass wir beim Überfliegen von Texten dadurch natürlich auch zum Schludern bei der Informationsaufnahmen neigen, sei hier trotzdem nicht verschwiegen.)
Und die gute, alte Schrift spielt ihre Vorteile auch gegenüber neueren Medienformen aus. Ein gutes Beispiel sind Audio-Podcasts, die nach einem großen Hype zwar weiter Nutzer gewinnen, in der öffentlichen Wahrnehmung jedoch zu stagnieren scheinen. Meine Vermutung: Das Medium ist einfach nicht effizient genug.
Wenn ich einen 20minütigen Podcast vor mir habe, in dem vielleicht fünf Minuten für mich relevante Informationen stecken, muss ich ihn mir erst ganz anhören, bis ich zur passenden Stelle gelange. Parallel kann ich nichts anderes tun, ich muss mich auf die Stimme konzentrieren. (Was ja auch mal ganz schön sein kann, in einem von ADS-geplagten Menschen vollen Internet.)
Was für Podcasts gilt, gilt natürlich auch für Hörbücher, die dank Diensten wie Audible immer häufiger direkt aus dem Internet in unsere Gehörgänge gelangen, ohne den Umweg über CDs oder gar Kassetten nehmen zu müssen. Natürlich klingt es erst einmal bequem, einen 600 Seiten langen Schmöker nicht selbst lesen, sondern bequem auf einer ausgedehnten Autofahrt von Profis gelesen anhören zu können. Aber hat man wirklich die 8 bis 12 Stunden Zeit, die ein solches Werk gesprochen tatsächlich einnimmt?
Hinzu kommt: Auch hier kann man die Informationseffizienz nahezu vollständig vergessen - vielleicht sind noch Markierungen der einzelnen Kapitel gesetzt, das war's. Eine gewünschte Stelle lässt sich nur durch Vorspulen erreichen - wenn man weiß, wo man suchen muss. Und auch die Inhalteaufnahme ist über den Gehörgang eingeschränkt. Wer Inhalte wirklich verstehen will, liest sie nachher am besten noch einmal nach - gedruckt oder im Netz.
Es gibt jedoch Hoffnung für Freunde der Podcast-Informationseffizienz. Die kommt in Form von Spracherkennungstechnologie auf unsere Rechner. In wenigen Jahren dürfte es normal sein, dass ein Podcast automatisiert sofort auch als Text vorliegt, durch den man dann flott zu einer gewünschten Stelle navigieren kann, die man hören und nicht lesen möchte. (wst)