Bloß nicht internationalisieren!

Warum amerikanische Original-Websites ihren lokalisierten Varianten normalerweise immer vorzuziehen sind - und andere Geschichten zum Thema internationale Spaltung des Netzes.

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Neulich wollte man bei Yahoo anscheinend den deutschen Nutzern etwas Gutes tun und hat seine populäre Fotoplattform Flickr für den hiesigen Sprachraum lokalisiert. Die Freude über den frischen schwarz-rot-goldenen Touch des Web-2.0-Pioniers währte allerdings nicht lange: Der Portalbetreiber hatte aus (offensichtlich reichlich irrealer) Angst vor dem deutschen Gesetzgeber die Filter auf dem sonst eher als harmlos bekannten Angebot verschärft. Und zwar so, dass man sie gar nicht mehr abdrehen konnte, wenn man deutscher Nutzer war.

Inzwischen wurde die Aktion zwar teilweise rückgängig gemacht, doch zeigt sie eines: Anpassungen an lokale Märkte haben im Web nicht nur positive Folgen. Man mag ja darüber klagen, dass durch ein amerikanisch dominiertes Netz das Lokalkolorit immer weiter zurückgedrängt wird - trotzdem ist man mit dem Original immer besser bedient als der Kopie. Da viele Web-Fans sowieso vernünftig Englisch können, ist das auch kein Problem: Man geht eben lieber zu Facebook als zu einem der deutschen Klone des Studentennetzwerks oder zu Twitter statt zu einem der hiesigen "Microblogging"-Nachahmer. Wenn es nach mir geht, können die großen Web-2.0-Angebote noch lange nur auf Englisch daherkommen. Irrwitzig mies übersetzte Lokalisierungen braucht kein Mensch.

Schlimm ist auch, dass man, sollte es eine deutsche Version eines US-Angebotes geben, häufig dazu gezwungen wird, sie auch zu nutzen. Ich will aber nicht lesen, dass "lonelygirl15" in meinem "erweiterten Netzwerk" ist. "Extended network" ist schon schlimm genug, vielen Dank. Selbst Google lenkt die Nutzer inzwischen vielfach auf lokale Angebote um, wenn man die korrekte URL-Verbiegung nicht kennt.

Am ärgerlichsten ist es aber, wenn man aufgrund der eigenen Herkunft (sprich: der deutschen IP-Adresse) daran gehindert wird, ausländische Angebote zu besuchen. Bestes Beispiel sind die inzwischen breiten und hervorragenden Video-Angebote amerikanischer TV-Stationen. Da gibt's kostenlose Originalfolgen populärer Dramas und Sitcoms im Streamingformat zu sehen, weil man erkannt hat, dass sich mit darin eingestreuten Werbeblöcken Geld verdienen lässt. Da man sich aber immer noch keine weltweiten Copyrights holt, wird auf "Geotargeting" gesetzt: Ist man nicht mit einer US-IP unterwegs, heißt es sofort draußen bleiben.

Auch Joost, der eigentlich lobenswerte Peer-to-Peer-TV-Anbieter, macht das so: In den USA gibt's bereits recht viel High-Quality-"Content", während man in Europa mit eher amateurhaften Programmen konfrontiert wird. Fazit: Erstaunlicherweise geht der Trend von einem internationalen, grenzenlosen Internet hin zu einem vermauerten. Dagegen sollten wir uns als Nutzer wehren. Schließlich war es die Durchlässigkeit, die das Netz so groß gemacht hat. (wst)