Update eines Beatnik-Traumes
Die ungewöhnliche Nutzung eins Segway-Rollers verrät einiges über Amerika, Europa, Innovation und Freiheit.
- Niels Boeing
Es gibt nicht wenige Leute, die glauben, Hightech sei hektisch, entmündigend und unromantisch. Eine Ansicht, die man bestenfalls mit einem Mangel an Phantasie entschuldigen könnte. Es sind wieder einmal zwei Amerikaner, die dieses Klischee auf sympatische Weise widerlegen: Josh Caldwell und Hunter Weeks haben dem „On the Road“-Traum der Beatniks ein hübsches Hightech-Update verpasst – und sich mit einem Segway auf den Weg von Seattle nach Boston gemacht. 100 Tage rollten sie im Stehen auf dem zweirädrigen Elektroroller mit maximal 20 km/h auf einer knapp 7000 Kilometer langen Route durch die Weite Amerikas. Inzwischen touren sie mit der Filmdokumentation ihres Trips, „10 MPH“, durch US-Kinos.
In Europa wäre das nichts geworden: Weil der 2001 auf den Markt gekommene Segway laut EU-Recht als Elektrofahrzeug gilt, bräuchte er eine Betriebserlaubnis. Die hat das Gerät EU-weit bislang aber nicht, weil es offenbar durch alle Raster fällt. In den Niederlanden zum Beispiel darf der Segway seit Anfang des Jahres nur noch auf Privatgelände eingesetzt werden, weil er keine Bremsen hat. Gebremst wird nämlich mit Gewichtsverlagerung – so etwas ist in keiner Straßenverkehrsordnung vorgesehen. Auch hierzulande könnte man sich nicht einfach mit dem Teil auf Rollwanderung begeben, eingeschränkte Zulassungen für öffentliche Wege gibt es im Moment lediglich in Hamburg und München. Nur die Österreicher waren schlau und haben es einfach als Fahrrad eingestuft (aber das wird die EU leider bald korrigieren). In der Tiroler Gemeinde Serfaus-Fiss-Ladis werden sogar Bergwanderungen mit dem Roller angeboten – die hatten denselben Impuls wie die beiden Amerikaner.
Dass man den Segway so nutzen könnte, hat offenbar nicht einmal der Hersteller auf dem Zettel gehabt. Josh Caldwell sagte kürzlich in einem Interview mit CNET, Segway Inc. habe auf das Projekt zunächst ziemlich kühl reagiert und es bloß mit zwei Ersatzbatterien unterstützt. Das ist inzwischen natürlich ganz anders, erst recht, da „10 MPH“ auf dem East Lansing Film Festival den 1. Platz in der Kategorie Dokumentation gewonnen hat.
Dabei hat Segway-Erfinder Dean Kamen ziemlich viel Wind gemacht, als er das Gerät 1999 lancierte. Die US-Presse rätselte angesichts der Patentschrift, was für eine revolutionäre Erfindung das sein könnte, in die sogar Jeff Bezos und Steve Jobs investierten. „So wichtig wie das Internet“, wurde in einem Artikel geraunt. Später konnte ich dann selbst Dean Kamen auf einer Konferenz in Boston wolkig über Innovationen für Amerika referieren hören. Eine Stunde stand er auf dem Segway wie in einer beweglichen Kanzel und rollte auf der Bühne hin und her. Ein Hightech-Prophet erklärte seinen dümmlich glotzenden Schäfchen die Zukunft. Die bestand bislang allerdings darin, dass im wesentlichen Polizei und Sicherheitsdienste, etwa auf Flughäfen, das Gerät nutzen (Preis: gebraucht ab knapp 4000 Euro).
Doch eine der großartigen Seiten von Technik ist, dass die Menschen neue Technologien immer wieder ganz anders interpretieren, um damit ihre Freiheit zu vergrößern. Seit Sommer 2006 bietet Segway Inc. mit dem X2-Modell nun auch eine Offroad-Version an, die mit dicken Rallye-Reifen daherkommt. Da waren Coldwell und Weeks schon lange in Boston angekommen.
Kulturpessimisten könnten einwenden, dass dieser Roller ein weiterer trauriger Schritt auf dem evolutionären Weg vom drahtigen Savannenläufer zur beinschwachen Couch Potatoe sei. Ich habe leider noch nicht selbst auf einem Segway gestanden, vermute aber, dass man nach einigen Tagen auf der Piste durchaus Muskelkater haben könnte. Und ich hätte nichts dagegen, wenn sich das Ding – oder eine Weiterentwicklung davon – im Laufe der nächsten Jahrzehnte im Individualverkehr durchsetzen würde. Leise, gemächlich und ohne Abgase, und die Batterie nähme man zum Aufladen mit nach Hause. Vom Fahrrad zum Motorrad zum Auto und wieder zurück zum Roller - eine hübsche Fortschrittsschleife. Sonst gäbe es nur noch Fahrräder, Kleintransporter und RailCabs. So könnte vielleicht ein nachhaltiges Stadtverkehrssystem aussehen. (wst)