Respekt vor komplexen Systemen
Warum uns die Zukunftsvisionen der Fünfziger und Sechziger heute so befremden - und was wir von ihnen lernen können.
Wann immer ich in ein Antiquariat komme, schaue ich nach Zukunftsbüchern aus den 50er bis 70er Jahren. Bei diesen Werken kann man die Vorhersagen praktischerweise sofort an der Wirklichkeit überprüfen und muss nicht, wie bei zeitgenössischen Prognosen, erst eine halbe Ewigkeit warten. Sich darüber lustig zu machen, wie sehr die Autoren mit ihren Visionen daneben lagen, ist natürlich billig. (Obwohl, seien wir ehrlich: das macht ja gerade den Spaß aus.)
Doch etwas anderes ist viel interessanter: Der Geist, der etwa aus einer populärwissenschaftlichen Vorausschau aus den frühen Siebzigern auf das Jahr 2000 atmet, scheint aus einer andern Welt zu stammen. Und damit meine ich nicht eine Vorliebe für geschwungene Formen in mutiger Farbgebung oder die Allgegenwart von fliegenden Autos.
Was genau ist es, das uns an den Zukunftsvisionen von damals so befremdet? Ich glaube, es ist der mangelnde Respekt vor komplexen Systemen. Die Sahara ist zu trocken? Kein Problem, wir baggern einem Fluss mit ein paar Atombömbchen ein neues Bett und leiten ihn um. Venen und Arterien verkalken? Im Jahr 2000 nicht mehr, da werden die Blutgefäße des Menschen routinemäßig durch Plastikschläuche ersetzt. Wohnungsnot in der Stadt? Wir bauen den Menschen ein gigantisches Hochhaus und stellen ein paar Parkbänke dazu, damit die Bewohner miteinander kommunizieren – fertig ist das vertikale Dorf. Die Beispiele stammen zugegebenermaßen aus dem dümmsten Buch meiner Sammlung, sind aber authentisch.
Wann kippte dieser Glaube an die totale Planbarkeit und Berechenbarkeit der Welt? Es muss irgendwann Mitte der siebziger Jahre gewesen sein. Aus dem Erdkunde-Unterricht erinnere ich mich an das Beispiel des Assuan-Staudamms, der zwar die Überschwemmungen des Nils verhinderte, damit aber auch gleichzeitig die Düngung der Felder durch den Nilschlamm. Wäre ein solches Beispiel in einem Erdkundebuch Anfang der Siebziger erschienen, würde es etwa folgendermaßen interpretiert werden: Wenn ein solches Großprojekt in die Hose geht, war es eben nicht ausreichend durchdacht und geplant. Künftig muss man eben mehr Berechnungen anstellen, dann klappt das schon. In meinem Erdkundebuch klang das, wenn ich mich recht entsinne, anders: Wer in ein komplexes System eingreift, muss damit rechnen, dass unvorhergesehene Nebenwirkungen auftauchen.
Diese Erkenntnis klingt heute so trivial, dass ich sie kaum weiter ausführen mag. Dass man nicht ungestraft in Ökosystemen herumpfuscht, dürfte sich herumgesprochen haben. Ist ein System intransparent und komplex und sind die Maßnahmen irreversibel – Finger weg! Doch es ist noch gar nicht so lange her, da war von solchen Gedanken nichts zu spüren. Das Blättern in alten Zukunftsvorhersagen zeigt: Es gibt doch einen Lernprozess. (wst)