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In sozialen Netzwerken geben die Nutzer freiwillig große Mengen an Informationen über sich preis. Ist man altmodisch, wenn man das merkwürdig bis gefährlich findet?
Neulich schrieb ein bekannter US-Blogger, die aktuell ultra gehypte Vernetzungsplattform Facebook sei "das neue AOL". Bei diesem Kommentar musste ich ein bisschen grinsen, kann ich mich doch noch gut an jene alten Zeiten erinnern, als es so genannte "Online-Dienste" (Compuserve! MSN! Europe Online!) gab, bei denen der Zugang zum damals als Wildwest aufgefassten Internet höchstens optional bzw. gegen Aufpreis möglich war.
Heute ist das ganze umgekehrt: Zwar finden jene Plattformen allesamt im Internet statt, doch um teilnehmen zu können, bedarf es einer eigenen Zugangskennung. Die habe ich noch nie besonders gemocht. Wenn irgendeine Zeitung (meinetwegen auch kostenlose) Accounts vorschreibt, um auf Inhalte zuzugreifen, nervt das nicht nur, sondern weckt in mir immer auch das äußerst negative Gefühl, da blicke mir jemand beim Lesen über die Schulter. Schließlich muss ich mich ja auch nicht mit Namen und Adresse bei meinem Stammkiosk ausweisen, bevor ich in irgendeinem Magazin blättern darf. Zum Glück kann man sich in diesem Fall dagegen wehren.
Bei Social Networks sieht das schon anders aus - ohne personalisierte Anmeldung ist man ein Niemand, kann keine "Freunde" hinzufügen, keine Anwendungen nutzen und sieht ganz grob nur den Login-Schirm, wenn man von irgendwoher einen Link auf das Netzwerk erhält.
Ich kann verstehen, wie attraktiv diese Abtrennung vom Rest des Internet für die Anbieter ist, die Erfassung ist wesentlich genauer und für Werbetreibende attraktiver möglich, als das jedes Cookie von Doubleclick & Co. könnte. Daneben lassen sich die Eingaben, die so viele freiwillig bei Facebook & Co. machen, ebenfalls wunderbar zur Werbe-Bespielung verwenden - zunächst aggregiert, eines Tages dann aber hyperpersonalisiert.
Ich weiß trotzdem nicht, ob dass noch dem Ursprungsgedanken eines freien Netzes entspricht. Man bewegt sich von einem Angebot aus einer riesigen Informationswelt hin in eine von einzelnen Unternehmen kontrollierte Nische, so toll es auch sein mag, dass dort dank APIs hübsche Code-Spielereien möglich sind.
Und bin ich zu altmodisch, wenn ich es unangenehm finde, meinen Beziehungsstatus, meine politische Haltung, meine sexuelle Ausrichtung und meine Hobbys einer "Plattform" mitzuteilen, die womöglich merkwürdige Vorstellungen zum Thema Privatsphäre hat? Viele Leute haben damit offensichtlich keine Probleme. Liegt es daran, dass wir uns vor unseren leuchtenden Bildschirmen so wohlig warm eingerichtet haben und es hübsch cleane Sites irgendwie so harmlos wirken? Virtualisieren wir unsere Privatsphäre? Das mag schon sein. Aber zum Glück können wir ja (noch) alle frei entscheiden, was wir den Netzwerken mitteilen und was nicht. (wst)