Spion und Spion

Die Nachricht von den chinesischen Trojanern im Kanzleramt zeigt erneut, wie untauglich starre Konzepte zur exklusiven Ausbeutung geistigen Eigentums im Zeitalter globaler Vernetzung geworden sind.

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Das haben sie wieder fein gemacht, die Kanoniere am Sturmgeschütz der Demokratie: "Es war an einem Dienstag im Mai", weiß der Spiegel, "als die Bundesregierung vom Angriff auf Deutschland erfuhr". Fängt doch an wie ein Thriller – muss man einfach weiterlesen. "Diesmal aber stand ein Mann im Raum, eisgrauer Kinnbart, fester Blick, der nichts über islamistische Schläferzellen oder militante G8-Gegner zu berichten hatte. Hans-Elmar Remberg, Vizepräsident des für Spionageabwehr zuständigen Bundesamtes für Verfassungsschutz, legte einen Satz Folien auf den Projektor, und seine Erklärungen waren für die Runde ein Schock"... Wer den Krimi weiterliest erfährt, dass Sicherheitsexperten auf zahlreichen Computern im Kanzleramt und in einigen anderen Ministerien Trojaner entdeckt haben, die angeblich aus China stammen. IT-Spezialisten sollen nach der Entdeckung die Übertragung von 160 Gigabyte Daten verhindert haben - "die größte digitale Abwehrschlacht der Republik".

Doch der Reißer bleibt – seinem Genre entsprechend – merkwürdig halbdunkel: So ist der Spiegel-Meldung zwar zu entnehmen, dass die Trojaner aus den chinesischen Städten Lanzhou, Kanton und Peking kommen sollten. Unklar ist jedoch ob die Spur – wie das Nachrichtenmagazin andeutet – zu den chinesischen Geheimdiensten führt. Und keine einzige offizielle Quelle bestätigt die Vorwürfe: Keine Namen, Belege oder Zitate erhärten das ja eigentlich ungeheuerliche. Dem sich wohlig gruselnden Leser bleibt nur der Verweis auf einen vertraulichen Bericht des Verfassungsschutzes. Wieder mal wird das Bild der "gelben Gier" an die Wand gemalt – das Bild einer Nation, die nichts anderes im Sinn hat, als den Rest der Welt planmäßig und hemmungslos seines geistigen Eigentums zu berauben.

Doch eigentlich zeigt die Geschichte nur erneut, wie untauglich starre Konzepte zur exklusiven Ausbeutung geistigen Eigentums im Zeitalter globaler Vernetzung geworden sind: "Wer einen Tiger weckt, soll einen langen Stock benutzen", soll Mao mal gesagt haben – vielleicht sollten westliche Unternehmen in Kooperation mit den Chinesen mehr auf offene Standards setzen, statt auf proprietäres Wissen. Dann profitieren beide Seiten - und die Installation von Trojanern wird auch schwieriger. (wst)