Vollwarp voraus!
FĂĽr alle Geeks, die sich nicht mit dem Programmieren von Kernel-Modulen, dem Zubereiten von RĂĽhreiern ohne Pfanne zufrieden geben, gibt es immer noch richtige Herausforderungen. Zum Beispiel die Konstruktion von Ăśberlichtantrieben.
Für alle Geeks, die sich nicht mit dem Zubereiten von Rühreiern ohne Pfanne zufrieden geben wollen, gibt es immer noch richtige Herausforderungen. Eine davon wird am 15. November in London zu finden sein: Ein internationales wissenschaftliches Symposium zur Physik und Technologie der Warp-Antriebe. Das ist wirklich ernst gemeint: Seit dem ein theoretischer Physiker gezeigt hat, dass die Idee überlichtschneller Antriebe an sich durchaus mit Einsteins Relativitätstheorie kompatibel ist, darf man dazu offenbar auch wissenschaftliche Konferenzen durchführen, ohne sich damit gleich die Biographie zu versauen.
Möglicherweise findet sich unter den Teilnehmern ja auch ein Talentscout von der NASA oder ESA, schließlich versuchen diese Organisationen bereits seit Jahren ganz ernsthaft, Ideen aus der phantastischen Literatur abzugreifen – allerdings ohne zu realisieren, dass das beherrschende Thema der einigermaßen ernstzunehmenden aktuellen Science Fiction schon seit mindestens 30 Jahren nicht mehr ist, "fremde Welten zu entdecken, unbekannte Lebensformen und neue Zivilisationen". Die himmelsstürmende, welterobernde Luft ist vielmehr ziemlich raus aus dem Genre. Stattdessen dominieren Stilrichtungen wie der Steam Punk – eine Verknüpfung von Abenteuerromanen in viktorianischer Atmosphäre mit Parallelwelt-Szenarien aus der klassischen Science-Fiction, oder dem New Weird, dessen beherrschendes Grundmotiv das plötzliche Einbrechen des bedrohlichen Unbekannten in die alltägliche Welt ist.
Ironischerweise ist eine Literaturgattung zur Zeit eher rückwärst- oder weltabgewandt, die noch in den siebziger Jahren hier in Deutschland als utopisch technischer Roman verkauft wurde. Und ohne mich an dieser Stelle all zu weit aus dem Fenster zu lehnen, wage ich mal zu behaupten, dass sich daran in den kommenden sagen wir mal fünf Jahren nicht viel ändern wird. Denn auch dieses literarische Genre spiegelt eigentlich nur die Stimmung des Zeitgeistes wieder. Und der ist mehr von der Angst vor Veränderungen geprägt, als von der Lust auf neue Erfahrungen – wie auch Mary Shelley im "Frankenstein" die Angst vor den Möglichkeiten einer technisierten Welt gespiegelt hat. Umgekehrt kann man vielleicht sagen: Wenn es wieder möglich wird, aus Science Fiction die Entwicklung der Zukunft abzulesen, ist die gesellschaftliche Situation vielleicht reif dafür, dass diese Zukunft auch entsteht. Aber vielleicht ist diese Sichtweise der Dinge nicht nur zu pessimistisch, sondern auch zu westlich geprägt. Vielleicht sollte ich einfach mal anfangen, Science Ficion aus China zu lesen, aus Brasilien oder aus Indien. (wst)