Sicherheitstheater in der Praxis

Nach den 2006 verhinderten Anschlägen auf Flugzeuge in London gelten noch immer verschärfte Airport-Sicherheitsbestimmungen. Dabei sind diese technisch wie praktisch eigentlich vollkommen absurd. Ein Beispiel.

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Nein, zur Gruppe der Metrosexuellen gehöre ich eigentlich nicht – trotzdem hat man ja so seine Vorlieben, was die Körperpflege anbetrifft. Dazu gehört auch die regelmäßige Verwendung einer bestimmten Duschgel-Marke, die mir dann doch irgendwie ans Herz gewachsen ist. Und genau dieses Waschzeug sorgte bei einer Reise ins europäische Ausland neulich dafür, dass mir das aktuelle Sicherheitstheater (dieser hervorragende Begriff stammt von Bruce Schneier) an unseren Flughäfen einmal mehr voll bewusst wurde.

Es ist früher Morgen, zirka 5 Uhr. Meine Frau und ich fliegen in ungefähr 2 Stunden nach Amsterdam, um dann weiter nach Skandinavien abzuheben. Schon morgens in der Dusche fällt mir auf, dass mir das besagte Duschgel fehlt – das Zeug muss nach der letzten Reise, die wir erst den Tag zuvor abgeschlossen hatten, an einem anderen Ort stehen geblieben sein. Mit einem Fluch entschließe ich mich, mein Shampoo zum Einseifen zu verwenden – eine eher unangenehme Erfahrung bei so wenig Schlaf.

Schnitt ins Taxi zum Airport. Diese Duschgel-Geschichte macht mich schon etwas fertig – nicht nur, weil ich um diese Uhrzeit zunächst ohne Kaffee auskommen musste und mein Gehirn deshalb immer die gleiche Schleife dreht. Sondern weil es das Zeug vermutlich nicht an unserer Enddestination zu kaufen geben wird. Und nur mit Seife in skandinavischen Wassern...? (Okay, das klingt jetzt wirklich reichlich metrosexuell.)

Endlich angekommen, bietet der Flughafen um diese Zeit auch keine alternative Beschaffungsmethode: Die entsprechenden Shops sind noch geschlossen, gerade etwas Kaugummi und pampige Fastfood-Brötchen gibt's hier zum frühen Frühstück. Beim Check-In frage ich die verhältnismäßig freundliche Dame, ob ich vielleicht meinen Koffer bei unserem zweistündigen Zwischenstopp in Amsterdam aus der Maschine nehmen kann, um mein Duschgel dort zu erwerben und es dann in das gleich wieder aufzugebende Gepäck einzusortieren. Denn ich weiß ja: Duschgel über 100 Milliliter im Handgepäck = Terroralarm.

Die Airline-Dame meint, meine nachträgliche Duschgel-Beschaffungsaktion sei trotz des längeren Aufenthalts ein eher schlecht zu realisierendes Vorhaben. Es könne zeitlich knapp werden. Ich bedanke mich für diese Aussage und denke wie in einer Zwangsstörung beim Warten auf den Einstieg ständig an kaltes skandinavisches Wasser mit Kernseife. Erstmal Kaffee holen.

Verhältnismäßig glücklich in Amsterdam angekommen (die Maschine machte schon einen etwas angestaubten Eindruck), überlegen wir uns, was wir nun mit der freien Zeit anfangen sollen. Wir entscheiden uns, den Sicherheitsbereich zu verlassen und mal auf gut Glück in die Airport-Shopping Mall zu gehen. Und siehe da: Eine Kosmetikfiliale verkauft sogar mein mir so teures Duschgel. Ich frage die typisch niederländisch überaus freundliche Bedienung, ob es das Zeug vielleicht auch in einer Handgepäck-tauglichen Verpackungsabstufung gibt – so z.B. drei Mal 100 Milliliter?! Nein, sagt sie, leider nicht. Sie zeigt stattdessen auf ein Duschgel für Frauen, das man offensichtlich extra für solche Notfälle in diesen Mengen produziert. (Spaßigerweise darf man ja mehrere 100 Milliliter-Flaschen bis zu einem Liter in einer Tüte mit sich führen.) Hilft mir aber nix.

Wir gehen also langsam in den Sicherheitsbereich. Dort erwartet uns dann ein erstaunliches Paradies: Hier gibt es alle erdenklichen Formen von Gels und Flüssigkeiten, von Käse bis hin zu 1,5 Liter-Flaschen Wodka. Der Amsterdamer Flughafen hat nämlich, das muss man wissen, eine so genannte "See Buy Fly"-Maxime. Und die lautet: "Alles was Sie bei uns kaufen, können Sie an Bord mitnehmen." "Bei uns" heißt in diesem Fall: Im Duty-Free-Sicherheitsbereich - und "mitnehmen", dass man alles in einer hübschen, durchaus mehrere Kilos schweren verschweißten Plastiktüte im Handgepäck herumtragen darf. (Die Tüte ist natürlich weder reißfest, noch wird sie vor dem Boarding nochmals kontrolliert.)

Natürlich hat diese Geschichte kein Happy-End: Mein offensichtlich kurz vor der Einstellung stehendes Duschgel gab's nämlich auch im Amsterdamer Duty-Free-Paradies nicht. Dafür sah ich hier mein bislang schönstes Beispiel für das eingangs erwähnten Sicherheitstheater: Was zum Donnerwetter hindert denn bitte Terroristen daran, ihren Flüssigsprengstoff in dieses unendliche Duty-Free-Angebot einzuschmuggeln? Geht dieses gigantische Warenlager wirklich jemand Stück für Stück durch, bevor es ausgestellt wird? Und warum bekommt man hier Alkohole in großer Menge mit an Bord, deren Flambier-Qualitäten nahe an denen von Brennspiritus liegen?

Ich habe wirklich nichts gegen solche hervorragend ausgestatteten Duty-Free-Zonen. Doch dann sollte man so ehrlich sein, das Sicherheitstheater aufzugeben und Bürgern auch wieder erlauben, ihr verdammtes 330 ml-Duschgel im Handgepäck zu transportieren. Von den ungeschützten Plastikmülltonnen, in die die Sicherheitsbeamten die angeblich so hoch gefährlichen potenziellen Sprengstoffbestandteile einwerfen, die sie bei den Passagieren entdecken, ganz zu schweigen. Ist das, um es einmal gemein zu formulieren, alles vielleicht einfach eine Verschwörung der europäischen Flughafenbetreiber, die Verkäufe im Sicherheitsbereich anzukurbeln? Terrorangst kann ja so viel Geld bringen.

PS: In der skandinavischen Stadt, in der wir schlieĂźlich aufschlugen, gab es mein Duschgel dann. Okay, also doch ein Happy-End. (wst)