Alter Schwede
Nachhaltige Entwicklung mal ganz anders: Helium3-Bergwerke auf dem Mond betreiben, AtommĂĽll direkt in die Sonne schieĂźen und Sonnenenergie fĂĽr die ganze Welt direkt im All erzeugen.
Helium3-Bergwerke auf dem Mond betreiben, Atommüll direkt in die Sonne schießen und Sonnenenergie für die ganze Welt direkt im All erzeugen – ich muss ehrlich zugeben, als ich die Pressemitteilung zu einer Veröffentlichung des schwedischen Politologen Rasmus Karlsson angelesen habe, dachte ich zuerst: Was trinken die da eigentlich in Lund in ihren langen, dunklen Schwedennächten?Karlsson schlägt ganz ernsthaft eine Industrialisierung der Raumfahrt im großen Stil vor. Die Grundvoraussetzung allen ökologischen Pessimismus – die Begrenzheit und Abgeschlossenheit des Systems Erde – würde so auf einen Schlag verschwinden: Die Menschheit würde über völlig neue materielle und energetische Ressource verfügen.
Auf den zweiten Blick ist das gar nicht so versponnen, wie es zunächst klingt. Denn wenn die Voraussetzung stimmt, dass wir zumindest in der industrialisierten Welt auf Kosten nachkommender Generationen leben, kann die Lösung eigentlich nur darin bestehen, das Rad Moderne ein Stück zurückzudrehen – eine Welt, in der zehn Milliarden Menschen auf dem Konsumniveau des durchschnittlichen Mitteleuropäers leben (von den USA wollen wir an dieser Stelle mal gar nicht reden), ist schlicht weder möglich, noch wünschenswert.
Verblüffenderweise, so argumentiert Karlsson, nehmen aber mehr oder weniger alle politischen Theoretiker diese Tatsache als unabänderlich hin, denn der naive Fortschrittsoptimismus des frühen zwanzigsten Jahrhunderts – in dem solche Weltraum-Eroberungspläne ja durchaus vorgekommen sind – gilt mittlerweile als überholt und ist zudem verdächtig, das ökologische Schlamassel zumindest mit herbeigeführt zu haben. Daraus ergibt sich allerdings, sagt Karlsson, eine fatalistische Grundhaltung, die nicht in der Lage ist, eine aktive Perspektive gegenüber den Problemen einzunehmen.
Auch wenn ich Schwierigkeiten habe, mir ein Szenario vorzustellen, das mich ein wenig an Heftroman-Science-Fiction aus meiner Jugend erinnert (inklusive einer Weltregierung), kann ich dem Mann an dieser Stelle nur applaudieren. Denn erstens ist das Bewusstsein dafür, dass politische und ökonomische Umstände veränderbar sind (und nicht per Naturgesetz festgeschrieben) leider bei vielen Menschen gar nicht mehr vorhanden. Und zweitens ist das in vielen Fällen sicherlich berechtigte Misstrauen gegenüber Wissenschaft und Technik auch nach meiner Überzeugung die Achillesferse des ökologischen Denkens. Guter Stoff also – alter Schwede. (wst)