Wenn das Traum-Konto im Minus ist

Wer zu wenig schläft, träumt die Nacht darauf mehr. Daran kann man sich vielleicht später nicht mehr erinnern - doch dieses "REM Rebound"-Phänomen wurde inzwischen von der Forschung zweifelsfrei nachgewiesen.

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Träumen ist schon eine ziemlich merkwürdige Fähigkeit unserer Spezies: Jede Nacht fantasieren wir uns in unserem Schlaf bizarre Welten zurecht, aus denen wir dann nicht selten pünktlich am nächsten Morgen wieder erwachen – vielfach, ohne uns erinnern zu können, an was wir uns da im Schlaf wieder abarbeiten mussten. Wie die Wissenschaft heute weiß, wird in der Traumphase am Tage Erlebtes verarbeitet, Gelerntes vertieft und abgespeichert; auch eine Problembearbeitung findet statt, ohne die es unserer Psyche sicherlich deutlich schlechter ginge.

Doch wussten Sie eigentlich, dass der Mensch eine Art Traum-Konto besitzt, das auch ins Negative rutschen kann? Inzwischen wurde dies von Schlaf- und Gehirnforschern zweifelsfrei nachgewiesen, wie der "New Scientist" in einem lesenswerten Beitrag schreibt. Soll heißen: Wenn wir uns zu regelmäßig zu wenig aufs Ohr legen, schlägt unser Gehirn in den nächsten Tagen knallhart zurück – die Träume werden wilder, intensiver, subjektiv "mehr".

Genannt wird das Phänomen "REM Rebound" – die fehlende REM-Phase, die sich der Körper später zurück holt. Man kann das zählen. Üblicherweise existieren REM-Phase (in der sich die Augen schnell bewegen und in der wir träumen) und vier verschiedene Nicht-REM-Phasen. Das Träumen beginnt normalerweise erst nach einiger Zeit des Nicht-REM-Schlafs, danach erst fünf Minuten, später bis zu 40 Minuten am Stück, unterbrochen immer wieder von Nicht-REM-Phasen. Am längsten träumen wir, kurz bevor wir aufwachen.

Problem ergen sich nun beispielsweise, wenn man zu viel Alkohol und Zigaretten konsumiert: Beides kann die REM-Phasen reduzieren, auch Antidepressiva unterdrĂĽcken die REM-Phasen. Zu wenig REM-Schlaf kann sogar lebensbedrohlich sein: Im Laborversuch starben Ratten ohne die Traumphasen nach vier Wochen, ohne dass die genaue Todesursache feststand. (Allerdings wurde dies wohlgemerkt bei keiner weiteren Spezies nachgewiesen.)

Normalerweise sind die Auswirkungen nicht so dramatisch: Fehlt es an REM-Phasen, erläuterte der Schlafforscher und Psychologe Tom Nielsen, wächst der Druck, später in die REM-Phase zurückzukehren. Es kann dann sogar passieren, dass man sofort nach dem Einschlafen losträumt. Laut einer Studie aus dem Jahr 2005 reicht es aus, nur 30 Minuten REM-Schlaf zu verlieren, um 35 Prozent mehr REM-Phasen in der nächsten Nacht zu haben. Zusätzlich stieg auch die Intensität der Träume.

Wer also nachts Alpträume bekommt, in denen er schon wieder den Abgabetermin für die neue Software versemmelt hat, die Präsentation vor dem Vorstand oder was auch immer grade wieder höllisch wichtig ist, sollte sich vielleicht einfach ein Extra Mütze voll Schlaf gönnen. Das beseitigt nicht nur die Augenringe. (wst)