Die Weltuntergangsuhr tickt weiter
Das Bedrohungsgefühl der Menschheit wächst. Doch Reichtum mindert die Sorgen, deutet eine japanische Umfrage an.
- Martin Kölling
Entwarnung: Es ist noch nicht fünf vor zwölf, glaubt man der 16. Umweltuntergangsuhr der japanischen "Asahi Glass"-Stiftung vom September, die ich beim Aussortieren meines Altpapiers wiedergefunden habe. Die Zeiger stehen genauer gesagt auf 9 Uhr und 31 Minuten, hat die Stiftung in einer weltweiten Umfrage zur Wahrnehmung der Umweltprobleme ermittelt. Ein Trost ist das nicht, denn die Zeit vertickt immer schneller. Nachdem die Uhr 1997 erstmals neunmal schellte und damit in den Bereich "extrem besorgt" vorrückte, schlenderte der Minuten-Zeiger bis 2006 auf 9 Uhr 17, um dann in diesem Jahr um sage und schreibe 14 Minuten vorzuspringen.
Die größten Sorgen bereitet den Menschen weltweit die globale Erwärmung mitsamt steigender Wasserstände, fand die Studie heraus. Das verwundert eigentlich nicht, denn die Klimaschutzaktivisten haben im vergangenen Jahren die Öffentlichkeit erobert: Da waren der UN-Klimareport, der Film "Eine unbequeme Wahrheit" vom ehemaligen US-Vizepräsidenten Al Gore und natürlich die Klimadiskussion auf dem G8-Gipfel, bei dem selbst der Öl-Mann George Bush sich zu einem Lippenbekenntnis zur Reduzierung von Treibhausgasen durchrang.
Noch weniger wundern daher vielleicht die Unterschiede im subjektiven Bedrohungsgefühl zwischen den verschiedenen Weltregionen. In Ozeanien steht die Untergangsuhr bereits auf 10 Uhr 27 (plus 69 Minuten gegenüber dem Vorjahr), weil die Klimaerwärmung dort buchstäblich "Land unter" bedeuten wird. In Afrika mit seinen Dürren und Wüstenausdehnungen steht die Uhr auf 10 Uhr 02. Danach folgen die Golfstaaten (9 Uhr 41, mit minus 24 Minuten deutlich weniger besorgt, wohl weil der Ölpreis so stark steigt), die USA und Kanada (9 Uhr 40, plus 22 Minuten – durch den Gore-Effekt?!), Lateinamerika (9 Uhr 38, plus 7 Minuten) und Japan (9 Uhr 34, plus 19 Minuten). Das vermeintlich zu Weltuntergangsszenarien neigende West-Europa sieht die Uhr demnach erst bei 9 Uhr 23 (plus 15 Minuten) stehen, Osteuropa bei 9 Uhr 20 (plus 13 Minuten).
Ich vermute, dass das vergleichsweise geringe Gefährdungsgefühl in Europa und Japan an den Faktoren Geographie und Wohlstand liegt. Zum einen hoffen die Völker in den gemäßigten Regionen dieser Erde weniger negativ von der globalen Erwärmung betroffen zu sein – und wer weiss, vielleicht sogar etwas zu profitieren – Stichwort: Mittelmeer-Sommer an der Ostsee (wenn die dann nicht umkippen sollte). Auch Japan kann hoffen, dass der Regen nicht ausbleibt und das Land weiter gedeiht.
Zum anderen sind die Regionen reich und wähnen sich daher ökonomisch besser in der Lage, mit den Veränderungen irgendwie klarzukommen. Doch besonders in Japan sollte dieser Optimismus überraschen, denn das Herz des Landes, Tokio, liegt am Meer und damit nur knapp über dem heutigen Meeresspiegel in einem Gebiet, in dem in der Steinzeit noch der Ozean hin und her schwappte.
Ein Beleg für die These von der Verbindung von Reichtum und Umweltangst liefert die Uhrzeit Asiens, einer Region mit den meisten dreckigen Städten und rasant fortschreitender Umweltverschmutzung. Die aufstrebenden Volkswirtschaften am süd-östlichen Rand der eurasischen Landmasse drehten die Weltuntergangsuhr um sieben Minuten auf 9 Uhr 10 zurück. (wst)