Was war. Was wird. Von Mäusen und ... Menschen?
Die Katze lässt das Mausen nicht, ist sich Hal Faber recht sicher. Dabei gibt es doch herrliche Urlaubslektüre: Bedienungsanleitungen für NSA-Software, unverständliche Abstimmungszettel, Sensordaten. Dann lieber eine mausende Katze.
Wie immer möchte die Wochenschau von Hal Faber den Blick für die Details schärfen: Die sonntägliche Wochenschau ist Kommentar, Ausblick und Analyse. Sie ist Rück- wie Vorschau zugleich.
Was war.
*** Nun ist er da, wie in der letzten Wochenschau vom Rande der norddeutschen Herdplatte geschrieben. Der nette Herr Graulich ist als Sonderermittler von der Bundesregierung berufen worden und berichtet dieser, während das Parlament zu kuschen hat. Es scheint, dass da ein aufrechter Jurist sich an die "Selektorenliste" setzt, der anders als der amtierende Justizminister weiß, was ein Grundgesetz ist, wenn er im Interview erklärt:
"Es gibt keinen akzeptablen Grund für die Vorratsdatenspeicherung, sie ist ein unverhältnismäßiger Eingriff in die Persönlichkeitsrechte. Wir durchsuchen auch nicht den Hausmüll aller Bürger, weil sich dort Hinweise auf Straftaten verbergen könnten. Außerdem ist das Risiko für einen Missbrauch der gespeicherten Daten viel zu groß.
*** Allerdings hat es Herr Graulich nicht so mit den Computern. Er weiß zwar, dass es diese Krypto-Partys gibt, aber Verschlüsseln, das ist dem bekennenden Buddhisten viel zu kompliziert. Vielleicht in einem anderen Leben. Die Haltung ist schade, muss der Mann doch nach Verbindungsdaten suchen und die zugehörigen Bestandsdaten ermitteln. Sollten diese dann im Ausland liegen, etwa in den USA, dann war's das schon. Es sei denn, es gibt einen eSuperman im schicken Hemdchen und dem berühmten Teledurchblick, der als Spindoktor zu Hilfe eilt. Jawohl, als Spindoktor. Erklärbärchen wie Bruce Schneier sind nicht erwünscht:
"Die Prüfung könnte schnell an einen Punkt kommen, an dem wir mehr Daten, mehr Kontextwissen brauchen. Das geht wahrscheinlich nicht ohne die Amerikaner. Es muss auf der US-Seite eine Art Spindoctor für die Selektoren geben. Ich glaube nicht, dass mit der Einsicht in die Selektorenliste die Aufklärung schon erledigt sein wird."
*** Es ist alles eine Frage der Identität, das wusste schon US-Präsident Kennedy, der als Clark Kent verkleidet Superman zum Geburstag gratulierte. So und nicht anders muss das Verhältnis zur Presse gesehen werden! Ein Präsident, der sich schützend vor Superman stellt! Eine Angela Merkel, die sich als Tilo Jung verkleidet zur Bundespressekonferenz aufmacht! Doch ach, wir haben nur einen Geheimdienstkoordinator, der in der US-Botschaft seine Instruktionen abholt und auf Wunsch der CIA und NSA seinen Stellvertreter "ins Archiv" versetzte. Womit wir mindestens lernen, dass es mehr gibt auf dieser Welt als wir uns träumen ließen: Selektorenlisten, geheime Archive von Geheimdienstkoordinatoren, da geht noch was, da kann Herr Graulich über Aktenberge wandern wie in seinem geliebten Himalaya.
*** Aber es mit dem Computer zu haben, das ist nicht nur das Problem von Herrn Graulich. Es ist ja auch ein Kreuz, wenn man nicht mehr weiß, was denn überhaupt ein Computer ist. Früher, in den Zeiten des großen Eisens, da musste man das noch gar nicht wissen als normaler Mensch. Und konnte es auch nicht, da alle Computer der Welt (so acht, neun Stück) in großen, gut gekühlten Hallen versteckt waren. Später aber konnte man sie leicht erkennen: So hässliche graue Kisten gab es sonst nirgends, wurde man einer ansichtig, konnte es nur ein Computer sein. Und jetzt? Da reden die Experten schon vom Internet der Dinge, wo Otto Normaluser noch nicht mal wirklich weiß, was er mit seinem Smartphone alles anstellt. Dabei greifen die Experten selbst zu kurz: Ist ihr Internet der Dinge doch nicht mehr als der rudimentäre Anfang einer intelligenten Umgebung. Wieder einmal ist die Technik weiter als die Gesellschaft, die noch gar nicht gelernt hat, mit der vorhergenden Version umzugehen. Ich freue mich auf die schöne neue Welt, ehrlich. Aber vielleicht wäre es doch ganz gut, wir jammerten nicht nur über die gar erschröklichen Algorithmen, sondern verständigten uns darauf, wie die Zukunft in einer intelligenten Umgebung realiter aussehen soll.
*** Aber das ist Zukunftsmusik. In jeder Beziehung. Dafür hat sich was getan in dieser heißen Woche, das man als Kernschmelze bezeichnen könnte. Auf 800 MByte kompromierte PDF-Dokumente über die Funktionsweise und Bedienung von XKeyScore wurden veröffentlicht. Jetzt kann sich jedermann im Strandkorb in die Bedienung eines Systems einarbeiten, das weltweit unamerikanische Umtriebe erschnüffelt. Jetzt enthüllt sich erst, wie das Herzstück der NSA-Datensammelei funktioniert. Nicht nur der NSA: Erinnert sei daran, dass unser toller Verfassungsschutz eine Testversion von XKeyScore installiert hatte, um selbst mal auszuprobieren, wie weit das Teil zur Wirtschaftsspionage zu gebrauchen ist. Wie nun Schutzchef Maaßen allen Ernstes erklären kann, dass es keine Anhaltspunkte für die NSA-Spionage gibt, wird sein Geheimnis bleiben. Eigentlich wäre brüllendes Gelächter fällig: "Hihi haha, hoho, wir haben XKeyScore ausprobiert, aber, hehehe, es ist nur eine hastig zusammengebaute Sammlung von Open Source-Programmen, kicher, mit der man mehr recht als schlecht bis zu 20 Terabyte am Tag in eine MySQL-Datenbank stopft. Diese zusammengeklöppelte Software von Hobbyisten ist doch keine ordentliche Spionage, haha. Wenn wir unsere erweiterte Fachunterstützung Internet ausbauen, dann benutzen wir doch nicht so ein Gefrickel wie XKeyScore." Liest man, was die erste Sichtung von XKeyScore ergibt, so steht fest, dass Open Source neben Open Intelligence (Opint) eine wichtige Stütze der Geheimdienste geworden ist:
"XKEYSCORE is a piece of Linux software that is typically deployed on Red Hat servers. It uses the Apache web server and stores collected data in MySQL databases. File systems in a cluster are handled by the NFS distributed file system and the autofs service, and scheduled tasks are handled by the cron scheduling service. Systems administrators who maintain XKEYSCORE servers use SSH to connect to them, and they use tools such as rsync and vim, as well as a comprehensive command-line tool, to manage the software."
*** Ja, da träumt man wie früher, dass die NSA Supercomputer wie früher den IBM Harvest oder die superschnellen Cray-Rechner einsetzt und dass ihre supersmarten Agenten mit Datenhandschuhen und Datenbrillen in den Objekten suchen wie in den Romanen von Michael Crichton, doch nun sind es hundsgewöhnliche Server, MySQL und ein paar simple Tabellen mit Nummern von Wissensarbeitern in deutschen Ministerien. Immerhin: die Frage vim oder emacs ist von der NSA gelöst worden, das ist schon was.
*** Was jetzt nach Fefe kommt, ist die Frage, ob eine Klausel gegen Geheimdienste die NSA und ihre VerbĂĽndeten davon abhalten kann, ein BĂĽndel aus quelloffenen Programmen einzusetzen, um weltweit Menschen, Unternehmungen und Regierungen zu beschnĂĽffeln. Jeder kennt wahrscheinlich die Antwort, die Richard Stallman fĂĽr die Freie Software gegeben hat (Nein!). So bleibt am Ende die Frage ĂĽbrig, ob die NSA daran gehindert werden kann, Fehlerberichte einzusenden und ihre unter der GPL entwickelten Programme geheim zu halten.
*** Wo bleibt das Positive? Es tut gut, dass es von unser aller Kanzlerin kommt und von der NSA mitgeschnitten wurde. Wir lesen eine Zusammenfassung, in der Merkel sagt, dass sie keine Ahnung hat, wie es mit Griechenland weitergehen soll und "ratlos" ist. Ich. Habe. Keine. Ahnung. Nicht gut ist es, dass diese Merkelsche Ratlosigkeit ein Griechenland betrifft, das nach Wochen hemmungsloser Desinformationskampagnen in Deutschland wie in Griechenland nun die Wahl hat. Pleitegriechen? Oxi! Nazi-Merkel? Nein! Wer die Propagandaschlachten in Deutschland wie in Griechenland gelesen hat, ist um eine Illusion ärmer, was den Journalismus anbelangt. Dieser geistige Sondermüll soll vom BND abgegriffen worden sein?
*** Die konzertante Aktion von Wikileaks, Berliner Aktivisten und deutschen Tageszeitungen wurden von einem ellenlangen offenen Brief von Julian Assange begleitet, der von Frankreich, ausgerechnet Frankreich, eine humanitäre Geste erwartete. Sein Leben sei direkt bedroht und müsste gerettet werden, schrieb Assange an Präsident Hollande, dessen Stab die Überfluggenehmigung für die Maschine des bolivianischen Präsidenten Evo Morales annullierte, weil man Edward Snowden in ihr vermutete. Immerhin: Durch den Brief erfuhr man, dass Assanges jüngstes Kind wie seine Mutter die französische Staatsbürgerschaft hat und Assange selbst von 2007 bis 2010 in Frankreich lebte, dem Land der großen Ideale. Durch die postwendende Antwort erfuhr man außerdem, dass Frankreich weiß, was ein europäischer Haftbefehl ist. Auf dieser Ebene funktioniert Europa.
Was wird.
Der Sommer ist da. Träge treibt Sammy, der Kaiman, im Baggersee, jederzeit bereit, das Sommerloch zu füllen, sollten die "verrückten Griechen" nicht noch verrückter werden. Der Chaos Computer Club hat seine Campingplatzgebühren veröffentlicht und ist drauf und dran, sich körperbetont zu geben, da zwischen Haftlagerstich und Germaniastich. Erinnerungen an ein früheres Sommerloch werden wach, als auf dem Camp der Start von Openleaks verkündet wurde und Mitglieder kurzfristig aus dem Club gefeuert wurden, weil sie Daten von Wikileaks gelöscht haben sollten. In einer kühlen Ziegelei dürfte es diesmal ruhiger zugehen als in erhitzten Zelten.
Halt! Stopp! Zum Sommer gehört bekanntlich das Sommerrätsel dieser Wochenschau all der Ereignisse, die im großen Strom der Nachrichten untergegangen sind. Vorschläge und Anregungen für Rätselfragen aller Art werden ab sofort dankbar entgegen genommen, während der Autor sich langsam dem flüssigen Aggregatszustand nähert. Selbst Katzen wissen besser mit der Hitze umzugehen. (jk)