Kolumne: Mann, ist die Firma gewachsen! (verhältnismäßig)
Die Software-Firma Inubit aus Berlin schießt in Sachen Erfolg durch die Decke. Jedes Jahr meldet sie Steigerungen um 80 %, 90 % oder sogar 100 %, mal beim Umsatz, mal beim Gewinn, mal beim Auftragseingang. Die Berliner sind "DIE PROZENT-PROTZER".
Lieber Inubit-Chef Dr. Torsten Schmale,
großartig, ganz großartig! In der Flut der Berichte über schlechte Unternehmenszahlen (Intel, Sony, Logitech, AMD etc.) kommen Sie mit einer Super-Erfolgsmeldung daher. In der vergangenen Woche jubelten Sie in einer Presseinfo: "BPM-Anbieter Inubit steigert den Auftragseingang im letzten Geschäftsjahr um mehr als 90 Prozent". Wow, 90 Prozent, dachte ich, als ich die Mitteilung las, das ist wirklich viel! Danach dachte ich: 90 Prozent Steigerung beim Auftragseingang ist zwar klasse. Aber Leben tut man nicht vom Auftragseingang – Leben tut man von bezahlten Rechnungen. (Starker Satz, ne? Wenn Sie ihn zitieren, bitte Quellenangabe "Damian Sicking" nicht vergessen.)
Aber ich will nicht miesepetrig sein. Immerhin hat Inubit, wie Sie sagen, "auch im Jahr 2008 die geplanten Unternehmensziele übertroffen". Das ist toll, wer kann das heute schon von sich behaupten? Sie müssen stolz sein. Allerdings habe ich mit Ihrer Aussage ein Problem: Ich weiß nicht, ob ich ihr glauben soll. Ich denke nicht. Nein, nachdem ich mir die Inubit-Erfolgsgeschichten der Vergangenheit angesehen habe, glaube ich nicht, dass Sie Ihre geplanten Unternehmensziele übertroffen haben. Zumindest nicht alle. Das kauf ich Ihnen einfach nicht ab.
Nehmen wir mal den Umsatz. Den haben Sie nach Ihren Angaben im vergangenen Jahr um 25 Prozent steigern können. Eine absolute Zahl wäre interessant, aber die verraten Sie nicht. Das tun Sie nicht aus böser Absicht oder aus Vergesslichkeit, sondern aus Tradition. Auch in den Vorjahren hatten Sie nie absolute Umsatzzahlen genannt, von Ertragszahlen ganz zu schweigen. Daher spiele ich jetzt einfach mal Finanzamt und schätze den Umsatz: 8 Millionen Euro! Aber zurück zu der 25-prozentigen Umsatzsteigerung und der Behauptung, Sie hätten alle Ziele übertroffen. Eine Umsatzsteigerung um 25 Prozent ist sicher nicht schlecht, und viele Unternehmen wären froh darüber. Viele, aber doch nicht Sie, lieber Herr Dr. Schmale! Sie sind anderes gewohnt. Im Vorjahr, also 2007, konnten Sie noch einen Umsatzanstieg um um 80 Prozent feiern. Und 2006 haben Sie den Umsatz sogar um 100 Prozent ausweiten können, umgerechnet also sogar eine Verdoppelung. Und angesichts dieser Wachstumsraten in der Vergangenheit wollen Sie uns weismachen, dass Sie sich für 2008 lediglich eine Steigerung um 25 Prozent zum Ziel gesetzt hatten? Mann, wer soll Ihnen das glauben? Das sind sicher nicht die "Wachstumssprünge", die Sie bei der Bekanntgabe der 2007-Ergebnisse für die kommenden Jahre angekündigt hatten.
Noch etwas anderes ist komisch. Auf der einen Seite sagen Sie, dass Inubit "TROTZ der weltweit eher schwierigen Wirtschaftslage" ein gutes Geschäftsjahr 2008 hingelegt hat. Und auf der anderen Seite sagen Sie, dass Inubit WEGEN der Wirtschaftskrise ein gutes Geschäftsjahr 2009 hinlegen wird. Ja, was denn jetzt? Erschwert die Wirtschaftskrise Ihr Geschäft oder kommt es ihm entgegen? Oder finden Sie die Frage unanständig?
Ich gebe Ihnen in einem Recht. Sie schreiben: "Viele Unternehmen bewegt die wirtschaftliche Krise zum Umdenken. Sie erkennen die Notwendigkeit, ihre Prozesse flexibel und effizient zu gestalten." Sehe ich auch so. Ein Anbieter von Software zur Prozessoptimierung wie Inubit kann von dieser Situation durchaus profitieren – sollte sogar von ihr profitieren können. Prozessoptimierung ist ja derzeit ein Riesen-Thema, vor allem bei Gericht: Es gibt viel zu viele Prozesse, und die dauern alle auch noch zu lange (außer dem Zumwinkel-Prozess, der ging ganz schnell). Okay, kleiner Scherz am Rande. Nun wieder ernsthaft. Vor wenigen Tagen fragte ich Markus Adä, Vertriebschef beim Distributor Ingram Micro in Dornach bei München, was sich im Jahr 2009 gut verkaufen lasse. Adä antwortete: "Alles, was beim Kunden einen kurzfristigen ROI hat und was ihm dazu verhilft, effizienter zu werden." Neben Virtualisierung kann Prozessoptimierung DAS Thema 2009 werden.
In diesem Sinne blicke ich der nächsten Veröffentlichung der Inubit-Geschäftsergebnisse mit freudiger Erwartung entgegen und verbleibe bis dahin mit
besten Grüßen
Weitere Beiträge von Damian Sicking finden Sie im Speakers Corner auf heise resale. ()