Sex und andere Marketingrafinessen

Gut, dass diese Rubrik nur Erwachsene lesen. Denn heute geht es um Sex, und da sollte man schon innerlich und charakterlich gefestigt sein, wenn man diese Kolumne liest. Ganz besonders, wenn man die in ihr enthaltenen Links anklickt.

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Lesezeit: 5 Min.
Von
  • Damian Sicking

Lieber Itelligence-Chef Herbert Vogel,

100 Euro, dass Sie das Interview mit der Schwedin Leona Johansson in der gestrigen Ausgabe der Süddeutschen Zeitung nicht gelesen haben. Das Interview stand etwas versteckt auf der Jugendseite "jetzt.de" (Seite 35). Leona Johansson ist 26 Jahre alt und betreibt zusammen mit ihrem Partner Tommy Hol Ellingsen die Seite fuckforforest.com. Ja, Sie haben richtig gelesen. Das Pärchen treibt es vor laufender Kamera und stellt die Bilder anschließend ins Internet. Zuschauen kann man für 15 Euro im Monat. Dieses eingenommene Geld investieren die Skandinavier in Regenwaldprojekte in Costa Rica und Ecuador. Fuckforforest.com, interessant, nicht wahr? Muss man erst mal drauf kommen. Zwei Fragen werden in dem Interview leider nicht beantwortet: 1. Wieviel Geld kommt auf diese Weise zusammen? Und 2. Wie finden Leonas Eltern das Engagement ihrer Tochter?

Warum schreibe ich Ihnen das? Nun, ich denke, es kann nicht schaden, wenn man im Marketing öfter mal einen Blick über den Gartenzaun wirft. Gerade im Marketing. Glauben Sie, dass unsere Schwedin viel Geld einsammeln würde, wenn Sie mit der Sammelbüchse durch die Innenstadt von Stockholm ziehen würde? Vermutlich ließen sich mit den Tageseinnahmen gerade einmal ein paar Büsche und Sträucher retten. Aber so... Ich meine, es geht doch immer um die gleichen Fragen: Wie kann ich die Menschen dazu bringen, mir etwas zu geben, was sie sonst nicht tun würden. Das kann Geld sein, das kann Aufmerksamkeit sein, das kann Zeit sein, ihre Adresse, die Angaben ihrer Hobbys und und und. Sex und andere aufregende Bilder sind da nicht das schlechteste Tauschmittel.

Können Sie sich noch an den Coup erinnern, mit dem der Media-Markt Anfang 2005 für Furore gesorgt hatte? Die zehn schönsten Media-Markt-Mitarbeiterinnen hatten im sogenannten Männermagazin Playboy die Hüllen fallen lassen. Der Media-Markt selbst hatte für die Aktion und das Playboy-Heft Reklame gemacht ("Unsere Mädels zeigen ihre Schnäppchen"). Das Heft kann bei Ebay noch heute ersteigert werden. Man muss die Aktion nicht gut finden. Die Wirkung und die Medienresonanz waren allerdings fulminant. Sogar die linke Tageszeitung taz brachte darüber eine große Geschichte. So bringt man sich ins Gespräch.

Ein weiteres Beispiel für kreatives Marketing: Der Eishockeyclub "Kölner Haie" hatte vor einigen Jahren das Problem, dass sich zu wenige Zuschauer für den Verein interessierten und zu den Heimspielen kamen. Nach intensiven Überlegungen und vermutlich einem Fässchen Kölsch kam die Vereinführung auf die Idee, dass das Publikum die Spieler nicht nur auf dem Eis, sondern auch unter der Dusche sollte bewundern können. Kein Witz. Im Internet sollten die muskulösen Traumbodys der Eishockey-Cracks von jedermann zu sehen sein. Damit wollte der Verein neue und zusätzliche Fans (vor allem Frauen) anlocken sowie die Bindung zu den bestehenden Fans festigen. Leider hatten die Kölner diese Idee dann doch nicht umgesetzt.

Lieber Herr Vogel, wir können es gut finden oder auch nicht, aber wir müssen damit leben: Es reicht schon lange nicht mehr, einfach nur gut zu sein. Man muss seine Leistung auch gut verkaufen können. Ich kann mir vorstellen, dass dies auch für ein Unternehmen wie Itelligence eine permanente Herausforderung ist. Ich habe den Eindruck, dass viele Firmen in dieser Hinsicht noch viel zu zaghaft sind und es ihnen an Mut und Originalität fehlt. Es muss auch nicht unbedingt irgendetwas mit Sex sein.

Mit nur geringfügigen Anpassungen ließe sich die Idee der "Kölner Haie" prima von jedem Unternehmen realisieren. Es muss ja nicht gleich die Kamera in der Dusche des Vorstandsvorsitzenden sein – der PR-Effekt wäre in diesem Fall wohl auch eher zweifelhaft. Aber warum nicht mal eine Vorstands- oder Aufsichtsratssitzung per Kamera ins Internet stellen? Ich kenne viele Kleinaktionäre, die bei solchen Meetings gerne Mäuschen spielen würden. Oder warum nicht die Öffentlichkeit daran teilhaben lassen, wenn der Chef einen seiner Untergebenen mal so richtig zusammenstaucht? Das vermittelt dem Kunden das gute Gefühl, dass in der Firma der nötige Zug in der Mannschaft ist. Toll wäre es auch, wenn man eine interaktive Komponente einbauen könnte: Warum nicht die Homepage-Besucher darüber abstimmen lassen, welcher Mitarbeiter das Unternehmen verlassen muss und welcher befördert werden soll?

Ich bin überzeugt davon, dass mit diesen einfachen und gar nicht teuren Mitteln die Attraktivität vieler Unternehmen für Kunden und (potentielle) Kapitalanleger enorm gesteigert sowie deren Identifikation mit dem Unternehmen signifikant erhöht werden kann. Gerade solche Firmen, die nicht im Scheinwerferlicht stehen, können davon profitieren. Heute noch ein Nobody, morgen schon ein Star mit einem dicken Konto auf der Bank und einem Ferrari in der Garage.

Sagen wir doch, wie es ist: Der Auftritt der meisten Unternehmen ist viel zu langweilig und zu dröge – offline und online. Die Firmen müssen endlich aufwachen. Wir leben im Zeitalter der Unterhaltung. Entertainment ist die Parole. Duschen, Pardon: Klappern gehört zum Handwerk. In diesem Sinne: Kamera an, Ton läuft, und Action!

Beste GrĂĽĂźe

Damian Sicking

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