COS: "Mach dich mal nackig"

Es gibt Menschen, die finden die neuen Anzeigen vom Distributor COS ziemlich albern, blöd und geschmacklos. Und es gibt andere, die finden die Anzeigen zwar ebenfalls albern, blöd und geschmacklos, aber auch ganz schön genial.

vorlesen Druckansicht
Lesezeit: 4 Min.
Von
  • Damian Sicking

COS-Anzeigenmotive mit nackten Tatsachen

Lieber COS-Chef Michael Krings,

jeder von uns ist schon mal nachts aufgewacht und konnte nicht wieder einschlafen, weil ihn die Frage quälte, wie eine gute Zeitschriftenanzeige aussehen muss, in der ein Notebook mit vorinstalliertem MS-Office-Paket beworben wird. Und wir alle haben die Erfahrung gemacht, dass dies eine verdammt schwierige Aufgabe ist. Ich selbst habe es nur zu zwei nebeneinander liegenden Brötchen gebracht, von denen das eine in der Version "Natur", also unbelegt (= kein vorinstalliertes MS-Office), und das andere üppig belegt mit Käse, Schinken, Ei und Salat ist (= mit vorinstalliertem MS-Office). Oder die Alternative "weißer leerer Teller neben einem anderen mit richtig lecker Essen drauf". Ein bisschen schlapp, gell? In der Regel fallen wir bei unserem nächtlichen Brainstorming über diese wichtige Frage nach einiger Zeit vor lauter Erschöpfung wieder in einen unruhigen Schlaf.

So, und nun kommen Sie, lieber Herr Krings, und zeigen uns einmal mehr, wie es geht. Und wir lernen wieder einmal: Das Primitive – pardon: das Einfache – ist doch immer noch das Beste. Es gibt Menschen, die können mit Ihren Anzeigen, die vor kurzem in der Channel-Presse veröffentlicht wurden und die ich zur Anschauung hier abgebildet habe, nichts anfangen, sie verstehen sie nicht oder finden sie ganz einfach dämlich und geschmacklos. Das kann man verstehen, muss man aber nicht. Auch mein erster Eindruck war: wie blöd! Doch dann, nachdem ich noch einmal gründlicher darüber nachgedacht hatte, wurde mir klar: wie genial! Denn was macht eine gute Anzeige? Sie wirkt. Und Ihre Anzeige ist zwar komisch, aber sie wirkt. Also ist sie gut.

Inwiefern wirkt Ihre Anzeige? Zum Beispiel in der Form, dass nicht nur ich mich hier und jetzt mit ihr beschäftige, sondern auch mein sehr geschätzter Kollege Thomas Hafen in seiner wie so häufig lesenswerten Kolumne "Dr. T.´s Sprechstunde". Aber lieber Dr. T., Sie sind ein Gelehrter und Sie wollen daher immer den Sachen auf den Grund gehen und sie verstehen und all das. So fragen Sie auch hier, was alles COS dem Betrachter mit den Anzeigen sagen will. Ich bin auch zuerst in diese Falle gerannt. Zuerst fragte ich mich, wieso die Frau nackt ist. Etwa weil man mit einer nackten Frau genauso viel anfangen kann wie mit einem "nackten" Notebook (also einem ohne Software)? Aber nein, das kann nicht sein. Schließlich kann man mit einer nackten Frau genauso ein gutes Gespräch führen wie mit einer bekleideten (die Frage ist nur, ob man das will). Und warum ist der Mann nackt? Damit uns klar wird, wie wir aussehen, wenn wir ein Notebook ohne vorinstalliertes MS-Office von COS haben: ganz schön alt? Hm, auch nicht wirklich überzeugend. Und plötzlich fiel es mir wie Schuppen aus den Haaren: Alles unnütze Zeitverschwendung. Eine Sackgasse. Bringt nichts. Die einzige Botschaft dieser Anzeigen lautet: Kauf meine Produkte, jetzt sogar mit MS-Office vorinstalliert. Alles andere sind Eye-catcher und Provokationen nach dem Benetton-Prinzip ("Schockwerbung").

Eine Sache möchte ich an dieser Stelle – auch an die Adresse von Dr. T. – gerne noch klar stellen. Der nackte Mann in der einen Anzeige, das ist natürlich der sprichwörtliche nackte Mann, dem man nicht in die Tasche greifen kann, also ein Sinnbild für den IT-Fachhändler an und für sich. Und die junge und in der Tat gar nicht mal so hässliche Frau ist seine Tochter, die durch Aktaufnahmen das Familieneinkommen ein wenig aufbessern muss, weil das Geschäft ihres Vaters nicht genug abwirft. Ja, so sieht sie aus, die harte Realität des deutschen IT-Handels.

Beste GrĂĽĂźe

Damian Sicking

Weitere Beiträge von Damian Sicking finden Sie im Speakers Corner auf heise resale. ()