"Alles aus einer Hand" - ein Modell von gestern?

Die drohende Karstadt-Pleite hat der Diskussion frische Nahrung gegeben, ob das Modell Warenhaus mit dem Konzept "Alles unter einem Dach" noch zeitgemäß ist. Auch im IT-Handel und im Systemhaus-Geschäft stellt sich diese Frage.

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Von
  • Damian Sicking

Computer-Compass-Geschäftsführer Dirk Henniges

(Bild: Fotoatelier Mentzel)

Lieber Dirk Henniges, Geschäftsführer des Systemhausverbundes Computer-Compass,

geht Karstadt pleite oder übernimmt Kaufhof-Mutter Metro das notleidende Warenhaus? Egal welche Option eintreten wird, das Modell "Alles unter einem Dach" scheint sich überlebt zu haben. Die Konsumtempel, die in früheren Jahren das Erscheinungsbild der Zentren unserer Großstädte bestimmten – Karstadt, Kaufhof, Horten, Hertie ... – sie verschwinden einer nach dem anderen. Kein Wunder, dass in diesen Tagen oft darüber diskutiert wird, ob sich das Modell des Warenhauses mit dem Kundenversprechen "Bei uns finden Sie alles, was Sie brauchen" und "Alles aus einer Hand" überlebt hat. Um es gleich vorweg zu sagen: Meiner Meinung nach ist die Idee des Konsumtempels heute noch genauso lebendig und funktioniert auch so gut wie früher – nur anders. Dazu später mehr.

Auch der IT-Handel wirbt traditionell mit dem Versprechen, bei ihm bekomme der Kunde "Alles aus einer Hand". Das sei so, weil der Kunde, vor allem der gewerbliche Kunde, dies so wolle. Und der Kunde wolle dies so, weil er keine Lust habe, von Pontius zu Pilatus zu rennen, wenn mal ein Drucker oder ein PC oder ein Server oder ein Monitor oder ein Faxgerät nicht funktioniere. Denn dann schiebe der eine Lieferant die Ursache der Störung auf das Produkt des anderen Lieferanten, der wiederum reiche den Schwarzen Peter ebenfalls weiter und am Ende des Tages sei der Kunde restlos bedient, nur eben anders als gewünscht. Daher alles aus einer Hand – ein Lieferant, ein Ansprechpartner. Vor allem die kleineren und mittelständischen Kunden wollten nichts anderes, hieß es immer. Und viele Händler und Systemhäuser hängten gern ihre Werbefahne "Bei uns gibt es alles aus einer Hand" aus dem Fenster.

Heute stellt sich die Frage ähnlich wie im Falle von Karstadt: Hat sich das Modell "Alles aus einer Hand" im IT-Handel ebenfalls überlebt? Meine Antwort ist die gleiche wie im Falle der Warenhäuser: "Alles aus einer Hand" funktioniert im IT-Handel bzw. Systemhausgeschäft noch immer – nur anders.

Kurzer Umweg wieder über die Warenhäuser: "Alles unter einem Dach" – das Prinzip ist heute von einer Frische und Lebendigkeit, die erstaunt. Allerdings nicht mehr im Warenhaus alter Prägung. Die neuen Konsumtempel sind die Shopping Malls, hier in München zum Beispiel das OEZ Olympiaeinkaufszentrum, das PEP Perlacher Einkaufszentrum, die Riem-Arkaden, das MIRA München Nordhaide oder – mitten in der City – das Kronjuwel unter Münchens Shopping Malls, die Fünf Höfe. In anderen Städten gibt es ähnliche Malls. Sie alle funktionieren nach dem gleichen Prinzip: Alles unter einem Dach, aber alles kleine, selbstständige Einheiten mit knallharter Profit-and-Loss-Verantwortung. Und aus Sicht der Kunden wichtig: alles Spezialisten in ihrem Bereich. Das Prinzip der Shopping Mall funktioniert und hat die klassischen Warenhäuser weitgehend abgelöst. Zumal auch die Einkaufsathmossphäre in den Malls tausend Mal angenehmer ist.

Zurück zur IT-Branche: Es mag noch eine Handvoll Händler oder Systemhäuser geben, die in der Lage sind, alles aus einer Hand zu liefern. Aber immer mehr müssen vor der zunehmenden Komplexität der Produkte und Lösungen kapitulieren. Nicht das Prinzip "Alles aus einer Hand" ist tot, aber die Generalisten sind es. Wer kann denn wirklich noch alles aus einer Hand liefern – und zwar zu einer Qualität, die auf dem Niveau von Spezialisten liegt? Das Gros der Systemhäuser ist dazu einfach nicht in der Lage. Geht ja auch gar nicht, weil sie dazu die entsprechenden teuren Spezialisten vorhalten müssten, die ihr Gehalt auch dann bekommen wollen, wenn man sie gerade nicht auslasten kann. Daher denke ich, dass die Zukunft des IT-Handels und vor allem des Systemhauses in so etwas wie Shopping Malls liegen könnte: Ein Verbund von hochkompetenten Spezialisten unter einem (virtuellen) Dach. Dieser Verbund organisiert sich entweder selbst oder stellt für die Koordination einen Manager ab (oder ein). Es gibt für den Kunden nur einen Ansprechpartner und einen Rechnungssteller. In dieses Modell lassen sich neben Infrastrukuranbietern – also klassischen Systemhausleistungen – sogar Anbieter von Branchensoftwarelösungen integrieren. Für den Kunden ein bedeutender Mehrwert zur heutigen Praxis. Einen Verbund wie die Compass-Gruppe mit 21 Systemhäusern und mehr als 2.500 Mitarbeitern könnte ich mir als Ausgangspunkt für eine derartige Transformation durchaus vorstellen.

Lieber Herr Henniges, natĂĽrlich handelt es sich hier nur um erste Ăśberlegungen. Die Frage lautet, ob es sich lohnt, noch mehr Gehirnschmalz in die Weiterentwicklung dieses Ansatzes zu investieren oder doch lieber eine Oper zu komponieren. Was meinen Sie?

Beste GrĂĽĂźe

Damian Sicking

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