Virtuelle Traumrealität
Der finnische Psychologe Antti Revonsuo glaubt, den Grund dafür gefunden zu haben, warum der Mensch träumt: Das Gehirn gehe im Schlaf Bedrohungsszenarien durch, um Reaktionen zu trainieren - als Simulation, die unseren Vorvätern beim Überleben half.
Noch immer ist sich die Wissenschaft uneinig darüber, warum der Mensch träumt und welche konkreten Auswirkungen der nächtliche "Ausnahmezustand des Gehirns" auf Körper und Geist tatsächlich hat. Der finnische Psychologe Antti Revonsuo hat eine neue Traumtheorie entwickelt, die erstaunlich einfach klingt: Demnach trainiert das Gehirn im Schlaf den Menschen, mit Gefahrensituationen besser umzugehen - eine Simulation, die unseren Vorfahren beim Überleben geholfen haben könnte. Die Theorie würde auch erklären, warum Albträume häufiger vorkommen, als es vielen Menschen bewusst ist.
Revonsuo ist Dozent am Zentrum für kognitive Neurowissenschaften der Universität Turku. Sein Spezialgebiet liegt in der Erforschung des menschlichen Bewusstseins. Im Gespräch mit Technology Review erläutert er seine Theorie einer "virtuellen Traumrealität".
Technology Review: Herr Revonsuo, könnten Sie Ihre Traumtheorie bereits wissenschaftlich beweisen?
Antti Revonsuo: Es gab zumindest in letzter Zeit viele neue Indizien, die sie stützen. Wir haben Methoden entwickelt, mit denen wir die Anzahl bedrohlicher Ereignisse in Traumberichten objektiv quantifizieren können. Die Ergebnisse zeigen, dass solche Sequenzen sehr häufig vorkommen – bei jungen Erwachsenen in 60 bis 70 Prozent aller Fälle.
Im Durchschnitt sind Bedrohungsszenarien im Traum deutlich häufiger anzutreffen, als es das reale Leben der befragten Personen vermuten lassen würde. Kommen solche Menschen dann doch einmal in eine lebensbedrohliche Lage, steigern sich die entsprechenden Traumsequenzen nochmals dramatisch. Diese neuen Ergebnisse existierten noch nicht, als ich meine Theorie entwickelt habe – sie sagte sie also korrekt voraus.
TR: Können Sie Beispiele für solche Träume nennen?
Revonsuo: Ich habe hier zwei typische Einträge aus den Traumtagebüchern zweier Versuchspersonen. Der erste beschreibt ein eher primitives Bedrohungsszenario, der zweite ein "modernes", das eine direkte Beziehung zu seiner Lebenswirklichkeit hat, aber übertrieben ist.
Der Eintrag "Die Flucht" stammt von einer 22-jährigen Frau. Hier ist er: "Ich befand mich in dem Viertel, in dem ich auch wohne. Da war eine andere Person mit mir zusammen. Ich sah einen Panther, der mir folgte. Ich hörte das Rascheln von Heu, während ich mich nach vorne bewegte. Ich blieb stehen. Der Panther kam immer näher. Ich musste also über diesen Zaun springen. (Warum bin ich nicht einfach weggelaufen?) Kaum war ich über den Zaun gekommen, griff der Panther an. Er rannte auf mich zu. Als ich schließlich aufwachte, klingelte das Telefon und ich vergaß den Rest des Traumes. Ich wusste nur, dass mich ein Panther in der Nähe meiner Wohnung verfolgt hatte. Und dass es Sommer war, denn alles war grün. Diese Flucht machte mir große Angst. Sie muss länger gedauert haben, als ich das hier aufgeschrieben habe."
Der Eintrag "Die Befragung" wurde von einem 24-jährigen Mann aufgezeichnet: "Ich befand mich in einem Vorlesungssaal, in dem mich dieser Anatomieprofessor über die verschiedenen Teile des Rückenwirbels befragte. Er drohte mir, mich für jede falsche Antwort mit einem Stock zu schlagen. Ich war voller Panik, doch glücklicherweise kannte ich die korrekten Antworten."
TR: Wie hat die Forschungsgemeinschaft auf Ihre Theorie reagiert?
Revonsuo: Die Reaktionen deckten das gesamte Spektrum ab – von der hochgradig kritischen Sicht bis zur sehr positiven. Einige Forscher nahmen den Ansatz nicht ernst, andere versorgten mich mit weiteren Indizien. Seither konnten wir einigen kritischen Punkten gegenüber neue empirische Beweise gegenüberstellen. Mein Eindruck ist, dass viele Kollegen der Theorie zustimmen, was die Simulation von Bedrohungsszenarien anbelangt – weil sie zumindest einen Teil unserer Träume erklärt, schlechte Träume und Albträume. Seltener stimmt man mit mir überein, dass die Theorie auch die anderen Traumvarianten erklärt oder die Simulation von Bedrohungsszenarien tatsächlich die Hauptfunktion des Träumens ist.
TR: Gibt es neben Ihrer Theorie noch andere zusammenhängende Erklärmodelle für das Träumen? Oder bleibt das Feld weiterhin umstritten?
Revonsuo: Es ist und bleibt ein sehr verworrenes Forschungsgebiet, mit vielen vage formulierten und ungeprüften (beziehungsweise nicht überprüfbaren) Theorien. Eine der neurophysiologischen Haupttheorien sieht Träumen als eher bedeutungsloses "Rauschen" an, das vom schlafenden Gehirn erzeugt wird. Die psychologische Theorie sieht wiederum im Träumen eine der Grundlagen unserer geistigen Gesundheit, weil wir dabei Konflikte und emotionale Probleme bewältigen. Die alten Theorien von Freud und Jung finden ebenfalls noch einige Anhänger, aber sie sind heute vor allem aus historischer Perspektive interessant.
TR: Kommen Albträume häufiger vor als wir denken?
Revonsuo: In der Tat. Studien zeigen, dass Leute in Befragungen normalerweise schätzen, dass sie 1- bis 5-mal im Jahr wirklich schlecht träumen. Quantifiziert man diese Zahl jedoch systematisch mit Hilfe eines Langzeit-Traumtagebuchs, ergibt sich eine 10-mal so hohe Zahl. Laut einer Studie liegt sie eher bei 11- bis 42-mal im Jahr, je nachdem, wie man "Albtraum" definiert (11 wäre die Anzahl, bei denen der Träumer aufwachte, 42 enthält auch schlechte Träume, bei denen man weiterschläft). Gleichzeitig kommt es zu schwächeren Bedrohungsszenarien auch in Träumen, die man überhaupt nicht als Albtraum bezeichnen würde. Unsere eigenen Studien, bei denen wir möglichst alle dieser Ereignisse erfassen wollten, zeigen eher, dass solche Situationen in zwei von drei Träumen vorkommen.
TR: Hilft dieses "Training", wie Sie es nennen, dem modernen Menschen? Oder wäre es etwas, das nur für unsere Ahnen aus der Steinzeit sinnvoll war?
Revonsuo: Es würde helfen, wenn die Bedrohung, die wir im Traum simulieren, eine konkrete physische Reaktion verlangt, die wir dann darin viele Male wiederholen könnten. Wir haben aber auch festgestellt, dass der Träumer versucht, die Situation kognitiv zu lösen, in dem er über potenzielle Auswege nachdenkt – wir üben also offenbar auch das Denkvermögen unter "Überlebensdruck", um möglichst schnell eine Abwehrstrategie parat zu haben.
Andererseits leben wir heute in einer derart veränderten Welt und sind vor vielen archaischen Gefahren geschützt, die unsere Ahnen noch bedrohten. Es könnte also sein, dass unser Simulationssystem nicht gut genug an die Moderne angepasst ist und dementsprechend auch nicht mehr einen entsprechenden sinnvollen Input erhält. Deshalb passiert es auch, dass in unseren Träumen ganz leicht Situationen aus Horrorfilmen und dem Fernsehen auftauchen.