Die andere Bildung
die ihrer Ansicht nach auch Fachfremde beantworten können sollten. Wer das bei der Mehrzahl der 50 ausgewählten Fragen schafft, dürfte bei den meisten wissenschaftlichen Debatten kompetent mitreden können.
Der große TR-Wissenstest
Für die 22-jährige Germanistik-Studentin aus Kiel war ihr lila lackierter Opel Kadett B kein Kandidat für eine Youngtimer-Karriere, sondern einfach ein anspruchsloses Fortbewegungsmittel. Über das Ausmaß dieser Anspruchslosigkeit hatte sie allerdings eigene Ansichten: „Wieso den Ölstand kontrollieren? Ich dachte, mit dem Öl ist es wie mit dem Benzin: Erst wenn es aufgebraucht ist, muss ich nachfüllen.“ Nicht immer schlägt sich der Wert eines gewissen technischen Verständnisses potenziell so unmittelbar in Heller und Pfennig nieder wie in diesem Fall (auch wenn die weitere Laufleistung des Kadetts nicht überliefert ist).
Doch Vertreter von Wissenschaft und Wirtschaft betonen immer wieder, dass mangelnde naturwissenschaftliche Bildung auch für eine Gesellschaft teuer werden kann. „Wenn wir nicht mehr Kinder von Technik und Wissenschaft begeistern können, werden wir einen Fachkräftemangel bekommen, der dasWachstum unserer Wirtschaft begrenzt“, sagt etwa Hans-Jörg Bullinger, Präsident der Fraunhofer-Gesellschaft. Die Pisa-Studien geben ihm zumindest teilweise recht: In der 2006er Untersuchung zur naturwissenschaftlichen Kompetenz lagen die deutschen 15-Jährigen zwar über dem Durchschnitt aller teilnehmenden Staaten. „Allerdings gibt es in Deutschland“, schreibt das Pisa-Konsortium, „einen erheblichen Anteil von hochkompetenten Jugendlichen (in einer Größenordnung von 44 Prozent), der sich relativ wenig für Naturwissenschaften interessiert.“
Kein Wunder – das Prestige der Naturwissenschaften ist bescheiden: „Niemand würde sich öffentlich damit brüsten, dass er keine Ahnung hat, was Goethe geschrieben hat. Es gilt aber als schick zu betonen, dass man in Mathematik ganz schlecht war“, sagt Bullinger. In seinem Bestseller „Bildung. Alles, was man wissen muss“ wird der 2004 verstorbene Anglist Dietrich Schwanitz noch deutlicher: „So bedauerlich es manchem erscheinen mag: Naturwissenschaftliche Kenntnisse müssen zwar nicht versteckt werden, aber zur Bildung gehören sie nicht.“ In seiner Replik „Die andere Bildung“ erwidert der Wissenschaftshistoriker Ernst Peter Fischer zwar süffisant: „Er erklärt einfach das zur Bildung, was seinen Horizont nicht übersteigt.“ Doch bemerkenswerterweise geben selbst viele Bio-, Chemie- und Physiklehrer Schwanitz recht. In einer Studie der Bildungsforscher Isabell van Ackeren und Klaus Klemm zählen von 122 befragten NaturwissenschaftLehrern nur rund 44 Prozent Biologie, 32 Prozent Physik und 15 Prozent Chemie zu den fünf wichtigsten Fächern der Allgemeinbildung.
Die Ursache für die Diskrepanz zwischen gefühlter und wirtschaftlicher Wichtigkeit reicht zurück bis zu Wilhelm von Humboldt (1767 bis 1835). In seiner Reform des preußischen Bildungswesens von 1809 grenzte er „Bildung der Gesinnung und des Charakters“ gegen reine Standes- oder Berufsbildung ab. „Dabei ging es letztlich darum, Führungskräfte für den preußischen Staat auszubilden. Deshalb spielen die Naturwissenschaften keine Rolle“, sagt Hans E. Fischer, Physik-Didaktiker an der Uni Duisburg-Essen und Leiter der Forschergruppe Naturwissenschaftlicher Unterricht. Zweihundert Jahre später sind die Gräben zwischen Natur und Geisteswissenschaften allenfalls notdürftig kaschiert. „Man geht einander höflich aus dem Weg und bedenkt die andere Seite mit einer Mischung aus offiziell zur Schau getragener Bewunderung und heimlicher Verachtung“, umschreibt der Pädagogik-Privatdozent Werner Kutschmann in seinem Buch „Naturwissenschaft und Bildung“ die Lage.
Befürworter der humanistischen Erziehung im Sinne Humboldts argumentieren, dass Bildung zu moralischem Verhalten führen solle und dass die wertfreien Naturwissenschaften dazu nicht geeignet seien. Diese Trennung zwischen dem Schönen, Guten, Wahren auf der einen und der nackten Nützlichkeit auf der anderen Seite haben auch die Vertreter der ... (kd)