Fettarme Geschäftsmodelle

Während andere Gründer noch über Gesellschaftsrecht und Steuerakten brüten, denkt Holger Johnson schon über neue Gelegenheiten als Unternehmer nach. Eine Fallstudie.

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Der Fall: Mit gerade einmal 32 Jahren hat der Business Angel Holger Johnson bereits an der Gründung von rund zwei Dutzend Startups mitgewirkt.
Unternehmen: ebuero AG, simfy GmbH, SemiGator AG, myphotobook GmbH, wartemusik.de und weitere.
Standort: Berlin.

Holger Johnson besitzt, was man zum Arbeiten eben so braucht: ein Notebook, einen Blackberry und einen Schreibblock. Nur eines nicht: einen eigenen Schreibtisch, geschweige denn ein Büro. „Ich arbeite am liebsten im Café oder direkt bei Geschäftspartnern, und die Hälfte des Jahres bin ich sowieso unterwegs“, sagt der 32 Jahre alte Seriengründer.

Die karge Arbeitsausstattung spiegelt sein Geschäftscredo wider: bloß nicht konventionell denken, bloß keine unnötigen Strukturen aufbauen. Dieses Prinzip ließ Johnson bei der Gründung von mittlerweile rund zwei Dutzend Unternehmen einfließen, deren Gemeinsamkeit das Weglassen ist. Seine Rolle dabei ist unterschiedlich: Mal gründet er ein Unternehmen selbst, mal hilft er als Business Angel einem Gründerteam dabei, aus einer Idee ein Geschäftsmodell zu machen. Die Geschäftsideen sind für Johnson dabei gar nicht das Entscheidende – solange sie real bestehende Probleme lösen und nicht darauf vertrauen, dass sich das zur Lösung passende Problem schon finden wird. „Ich mache viele Sachen, die von außen betrachtet etwas unsexy sind“, gibt er zu, „mir geht es mehr um das Wie als um das Was.“

Um zu rekapitulieren, an wie vielen Gründungen er beteiligt war, greift Johnson zu Stift und Papier und schreibt Namen und Verzweigungen zu Tochtergesellschaften auf. „Es mag albern klingen, aber ich muss mich dafür wirklich konzentrieren“, sagt er. Sein erstes Unternehmen gründete er noch als Schüler mit 18 Jahren – eine Beratungsfirma mit angehängtem Hardware-Handel für den mobilen Austausch von Daten.

Das digitale Funknetz war damals ein neues, unerforschtes Gebiet, und Johnson, Sohn eines Informatikers und schon in der Zeit vor dem Commodore C64 mit Computern befasst, sah seine Chance. Das Geschäft ist heute längst in den Händen der großen Mobilfunkfirmen, doch Johnson hatte seinen Spaß am Gründen entdeckt: „Beim ersten Mal kommt einem noch alles wie eine unheimlich hohe Hürde vor. Doch als ich nach drei Monaten schon die ersten 30 000 Mark Umsatz gemacht hatte, habe ich gemerkt: Da geht doch was.“

Vor zehn Jahren hat Johnson das Prinzip des schlanken Unternehmens dann auf die Spitze getrieben: „Ich wollte ein Unternehmen gründen, das vollständig outgesourced ist, nur ein Produkt verkauft und dafür auch nur einen Vertriebskanal benutzt.“ Erst nachdem diese Eckpunkte gesetzt waren, suchte er nach einem geeigneten Produkt und fand es in Form einer CD mit Gema-freier Warteschleifenmusik. Die CD kann über die Website wartemusik.de (die konsequenterweise nur aus einer einzigen Seite besteht) bestellt werden und wird von einer freiberuflichen Mitarbeiterin gegen Umsatzbeteiligung verschickt. „Nach zwei Wochen war ich aus dem operativen Geschäft raus“, sagt Johnson. Seitdem bestand der einzige Pflegeaufwand im Wechsel von der D-Mark zum Euro.

Ein anderes Beispiel für fettarme Geschäftsmodelle ist das Musikportal Simfy, an dem Johnson beteiligt ist. Dort können Nutzer ihre Musik hochladen und sie angemeldeten Freunden per Online-Stream zur Verfügung stellen. Da diese Form des Austauschs legal ist und die Gefahr des Missbrauchs wegen der fehlenden Download-Möglichkeit begrenzt, hat Simfy keinen Ärger mit der Musikindustrie zu befürchten. Der entscheidende Dreh im Geschäftsmodell: Die gesamte Musik spielt auf angemieteten Amazon-Servern, die bei Bedarf schnell erweitert werden können. Das Unternehmen spart also nicht nur eigene Hardware, sondern auch ein eigenes Gebäude und eigene Servicetechniker. „Das ganze Unternehmen besteht aus Studenten mit Notebooks und UMTS-Karten“, sagt Johnson. 150 000 Nutzer zählt die Plattform mittlerweile, Geld soll durch Audio-Werbung hereinkommen.