"Nicht wissenschaftlich begrĂĽndet"

Europäisches Bioethanol kann bis zu vier Mal mehr CO2 einsparen als bisher angenommen, so eine neue Untersuchung. Nils Rettenmaier, federführender Autor der Studie, hält andere Anwendungen von Biomasse aber weiterhin für sinnvoller.

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Inhaltsverzeichnis

Nils Rettenmaier ist Experte fĂĽr Ă–kobilanzen und nachwachsende Rohstoffe am Institut fĂĽr Energie- und Umweltforschung Heidelberg (Ifeu) und federfĂĽhrender Autor der Studie "Bioenergie aus Getreide und ZuckerrĂĽben", die das Ifeu fĂĽr den Verband "Landwirtschaftliche Biokraftstoffe e.V." (LAB) durchgefĂĽhrt hat.

Technology Review: Biokraftstoffe hatten in der letzten Zeit eine ziemlich schlechte Presse. Es gibt mittlerweile einen breiten Konsens in der Öffentlichkeit darüber, dass Biokraftstoffe mehr Probleme schaffen als sie lösen. Müssen wir nach Ihrer aktuellen Studie umdenken?

Nils Rettenmaier: Jein. Generell stehen wir Biokraftstoffen weiterhin skeptisch gegenüber, weil andere Nutzungen der Biomasse – zum Beispiel die stationäre Strom- und Wärmeproduktion – zu größeren CO2-Einsparungen führen. Andererseits bleibt gerade bei solchen Anwendungen – oder auch bei Biokraftstoffen der zweiten Generation wie Biomass-to-Liquid – außer etwas Asche oder Schlacke am Ende wenig Verwertbares übrig. Bei Biokraftstoffen der ersten Generation wie Biodiesel oder Bioethanol entsteht aber meistens eine beträchtliche Menge Futtermittel als Nebenprodukt. Diese ersetzen dann beispielsweise Sojaschrot, das ansonsten aus Brasilien importiert werden müsste. Dafür müssen Biokraftstoffe der ersten Generation eine gewisse Gutschrift in der Ökobilanz bekommen.

TR: Der Gedanke klingt trivial. Ist denn zuvor niemand auf die Idee gekommen, Nebenprodukte in die Ă–kobilanz mit einzubeziehen?

Rettenmaier: Nebenprodukte sind in allen Ökobilanzen berücksichtigt, die vom IFEU und nahezu allen anderen seriösen Ökobilanzierern weltweit in den letzten 15 Jahren angefertigt wurden. In der aktuellen Studie haben wir aber zusätzlich mit einbezogen, dass man Flächen, die durch die Nutzung von Nebenprodukten frei werden, anderweitig nutzen könnte, beispielsweise indem man weitere Energiepflanzen anbaut. Dadurch fallen die Bilanzen zum Teil deutlich besser aus als ohne diese Flächeneffekte.

TR: Ist das insgesamt nicht ein Nullsummenspiel? Biokraftstoffe der zweiten Generation, bei denen die gesamte Pflanze verwertet wird, haben zwar keine Nebenprodukte, aber dafür eine höhere Energieausbeute.

Rettenmaier: Biokraftstoffen der zweiten Generation eilt der Ruf der Heilsbringer voraus. Studien haben aber gezeigt, dass diese nicht von vornherein mehr Energie und CO2 einsparen als die der ersten Generation. Ethanol aus ZuckerrĂĽben etwa kann sogar zu besseren Ergebnissen fĂĽhren als Biomass-to-Liquid.

TR: In der Nachhaltigkeitsverordnung fĂĽr Biokraftstoffe (s. TR 04/08) schneidet Ethanol aus ZuckerrĂĽben bei der CO2-Einsparung am schlechtesten ab. Die Zahlen dazu stammen ebenfalls vom IFEU. Wie passt das zusammen?

Rettenmaier: Bei Ökobilanzen gibt es verschiedene Möglichkeiten, die Nebenprodukte zu bewerten. Bei der von uns und den meisten anderen Ökobilanzierern angewandten Substitutionsmethode schaut man, welche herkömmlichen Produkte durch ein Nebenprodukt ersetzt werden. Die vermiedenen Aufwendungen für diese Produkte gehen als Gutschrift in die Ökobilanz ein.

Allerdings gelten die Ergebnisse dann nur für eine bestimmte Annahme, etwa dass ein entstehendes Futtermittel wie Dickschlempe Sojaschrot ersetzt. Wenn sich Marktverschiebungen ergeben, gelten sie nicht mehr. Zum Beispiel ersetzte das Glyzerin, das bei der Biodieselproduktion anfällt, früher petrochemisch erzeugtes Glyzerin. Mittlerweile überschwemmt Glyzerin aus der Biodieselproduktion den Markt, so dass es auch weniger hochwertige Produkte ersetzt. Das verändert natürlich auch die Ergebnisse der Ökobilanzen.

TR: Und wie wird bei der Nachhaltigkeitsverordnung mit den Nebenprodukten umgegangen?

Rettenmaier: Bei der Nachhaltigkeitsverordnung kam die so genannte Allokationsmethode zum Einsatz. Bei dieser wird die für den Prozess benötigte Energie zwischen Haupt- und Nebenprodukt aufgeteilt. Für die Aufteilung gibt es verschiedene Kriterien – etwa nach der Masse, nach dem Marktpreis oder nach dem Heizwert. Bei der Nachhaltigkeitsverordnung hat man sich am Heizwert orientiert.

Das hat Nachteile insbesondere für die europäischen Ethanolpfade, weil das Nebenprodukt Dickschlempe fast gar keinen Heizwert besitzt. Fast alle Aufwendungen für die Ethanol-Produktion werden also dem Hauptprodukt Ethanol selbst zugerechnet. Bei der Ethanol-Produktion aus Zuckerrohr kann das Nebenprodukt, die so genannte Bagasse, hingegen verbrannt werden. Das erklärt das gute Abschneiden von Ethanol aus Lateinamerika.

TR: Die Allokationsmethode ist also deutlich zu pessimistisch, und die Substitutionsmethode zu optimistisch. Wie kann man nun zu einem Konsens finden, welche Biokraftstoffe es sich zu fördern lohnt und welche nicht?

Rettenmaier: Man kann nicht sagen, die eine Methode ist zu optimistisch und die andere zu pessimistisch. Beide haben ihre Vor- und Nachteile und führen zu teilweise recht unterschiedlichen Ergebnissen. Die Politik fordert, dass die Treibhausgasbilanzen auch vor Gericht standhalten. Das spricht eindeutig für die Allokationsmethode, beispielsweise auf Basis des Heizwertes, da dieser eine feste physikalische Größe ist. Aus Sicht der Wissenschaft wäre jedoch die Substitutionsmethode vorzuziehen, da sie die Realität besser abbildet.