Strategien für den Umgang mit dem Klimawandel

Wenn das Meer durch die Erderwärmung steigt, müssen ganze Landbereiche aufgegeben werden. Neuartige Vorhersagemodelle aus dem Computer sollen helfen, die richtigen Entscheidungen zu treffen.

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Von
  • David Talbot

Ein neues multidisziplinär erstelltes Computermodell kommt zu dem Schluss, dass bestimmte Landbereiche im kalifornischen Sacramento-Delta bei der nächsten größeren Überflutung aufgegeben werden müssen. Die Untersuchung ist ein Vorbild für ähnliche Land- und Infrastrukturschutzprojekte, die in den nächsten Jahren angesichts von steigendem Meeresspiegel und Klimawandel notwendig werden dürften. Ein genaueres Modell gab es für diese Region noch nie.

"Solche Projekte sind immer schwierig und stets umstritten", meint Jay Lund, Professor für Umweltwissenschaften an der University of California in Davis, der zu den Leitern der Studie gehörte. "Diejenigen Landbesitzer im Delta, denen man bislang immer geholfen hatte, werden zu Verlierern. Es gibt aber keine andere Möglichkeit. Die Politik des Bundesstaates muss so sein, dass die meisten von uns nicht zu Verlierern werden."

Das Sacramento-Delta ist jener Bereich, in dem der Sacramento River und der San Joaquin River zusammenfließen und auf Salzwasser aus der Bucht von San Francisco treffen. Der Bereich ist eine wichtige Trinkwasserquelle für die Landwirtschaft und mehr als 20 Millionen Kalifornier. Innerhalb des Deltas wurden im Laufe des vergangenen Jahrhunderts Landgewinnungsmaßnahmen durchgeführt, die vor allem den Bauern nutzten. Erddeiche, die zusammengenommen mehr als 1600 Kilometer lang sind, halten das Salzwasser aus dem Gebiet heraus und das gewonnene Land trocken.

Doch eine Kombination aus Zersiedelung, steigendem Meeresspiegel und der Gefahr, dass Deiche durch Erdbeben brechen, bedroht die Region seit langem. 2004 brach ein erster wichtiger Deich unerwartet zusammen. Die Reparatur kosteten Kalifornien und die US-Bundesregierung mehr als 75 Millionen Dollar – für Land, das nur 22 Millionen Dollar wert gewesen war. "Viel Geld in die Hand zu nehmen, um geringwertige private Güter zu schützen, sollte man im Sinne des Steuerzahlers nicht besonders häufig tun", meint Richard Howitt, Ökonom an der University of California, Davis, der an der Studie teilnahm. "Unser Ziel war es, möglichst viel Energie in die Erstellung einer Tabelle zu stecken, was wo wann passieren könnte. Wenn dann ein Deich bei einer Insel zusammenbricht, können wir sagen, dass wir das schlimm finden, aber wir werden ihn nicht wieder reparieren und das Land leer pumpen. Die Menschen müssen sich dann der neuen Ökologie anpassen." (Mit "Inseln" meint Howitt niedrig gelegene Landbereiche, die durch Deiche vom umliegenden Wasser geschützt werden.)

Die Studie, bei der Disziplinen vom Bauingenieurwesen über die Klimawissenschaften, die Wirtschaftswissenschaften, die Wasserkunde bis hin zur Biologie vertreten waren, legt eine genaue Grenze fest, was geschützt werden sollte und was nicht. Sie empfiehlt außerdem, einen lange erwogenen Plan umzusetzen: Den Bau eines Kanals, der die Wassergewinnungsgebiete verlagert, denn die derzeitigen Bereiche werden auf lange Sicht nicht vor Eindringen von Salzwasser geschützt sein. Eigentlich sollte ein solcher Kanal bereits 1982 gebaut werden, doch ein entsprechendes Referendum scheiterte aufgrund von Umweltschutzbegehren. Doch genau die seien bald nicht sowieso passe – aus dem schlichten Grund, dass das Eindringen von Salzwasser das Ökosystem völlig umkrempelt, wie Lund meint. Das steht so auch in der Studie: "Die Empfehlungen für das Delta sind ein Beispiel dafür, wie der Klimawandel lange für sinnvoll gehaltene Ansichten in den Bereichen Umweltmanagement und Nachhaltigkeit durcheinander bringt." "Wenn wir uns nicht ernsthaft an die Erstellung guter Modelle machen, werden wir diese Veränderungen niemals beherrschen. Wir können dann nur noch reagieren", meint Lund.

Die Studie untersuchte sogar die Auswirkungen, die die topografischen Veränderungen auf die Fischpopulation haben werden – und welche Kosten das mit sich bringt. "Die Fischbiologie ist ein sehr kompliziertes Geschäft, doch wir haben uns mit 37 Fachleuten zusammengesetzt, sie zu einem netten Essen eingeladen und sie dann intensiv befragt. Dabei heraus kam ein ordentliches statistisches Verteilungsmodell, welche Spezies unter welchen Bedingungen überlebt und welche nicht. Damit ließ sich dann ein wirtschaftliches Entscheidungsmodell erstellen", sagt Howitt. "Wir sind nicht die einzigen, die das machen, aber wahrscheinlich die, die es am breitesten tun." Dabei sei eine quantitative Verbindung der verschiedenen Disziplinen unausweichlich.

Diese und andere Analysen werden ernüchternde Auswirkungen haben. Andere Computermodelle müssen bei der Entscheidung helfen, ob teure Infrastrukturinvestitionen zum Küstenschutz erfolgen – und das nicht nur in New Orleans, in den Everglades, in den Niederlanden oder in Bangladesch, sondern an vielen anderen Orten auf der Welt.

Hinzu kommt, dass der Klimawandel deutliche Auswirkung auf die Wasserversorgung haben dürfte. Längere Dürreperioden, wechselnde und stärkere Regenphasen und weniger Schnee auf den Gipfeln sind nur einige Indikatoren. "Kritisch dabei ist, dass sich unsere Planungsparadigmen ständig verändern. Die Informationen, die wir zur Entscheidungsfindung nutzen, wandeln sich", meint Richard Palmer, Bauingenieur und Wasserversorgungsexperte an der University of Massachusetts in Amherst, der die kalifornische Studie lohnt. Nur die richtige Planung führe dazu, dass die Trinkwasserversorgung genauso problemlos funktionieren werde wie bisher. Mehr Studien, die interdisziplinär aus allen Bereichen schöpfen, seien dafür notwendig. (bsc)