Der Avatar shoppt mit
Die Deutschen werden immer größer, kräftiger – und individueller im Geschmack. Die Modebranche will deshalb die Kleiderherstellung so automatisieren, dass sich selbst industriell gefertigte Massenware genau auf die Maße jedes Käufers abstimmen lässt.
- Niels Boeing
War das 20. Jahrhundert noch das Zeitalter der Massengesellschaft, scheint es heute regelrecht zur Pflicht zu gehören, möglichst individuell zu sein. Wer im Dauerwettbewerb der Egos punkten will, wirft sich nicht nur schick in Schale. Die Kleidung sollte am besten auch gleich auf den eigenen Leib geschneidert sein.
Davon, dass solche Individualität von der Stange nicht zu haben ist, profitiert Katja Waffenschmied täglich. Die Schneiderei, in der die Hamburgerin seit drei Jahren ihre eigene Kollektion verkauft, brummt: Gerade ist eine betuchte Kundin hereingeschneit und hat gleich mehrere elegante Stücke in Auftrag gegeben – angepasst an ihre eigenen Körpermaße, die sich nach einer Diät doch deutlich verändert haben.
„Die Kunden finden es toll, dass sie hier Sachen bekommen, die es sonst nirgendwo gibt“, sagt Waffenschmied. Das liegt nicht nur an ihrem eigenen Stil. Viele Kunden passen mit den überkommenen Konfektionsgrößen nicht mehr zusammen. „Die meisten haben heute längere Arme und sind größer“, weiß die Maßschneiderin, die deshalb aus langjähriger Erfahrung eigene Schnittmuster und Größen entwickelt hat, mit denen sie auf die neuen Kundenbedürfnisse reagieren kann.
Minilabel wie „Waffenschmied“, die in den Großstädten seit ein paar Jahren aus dem Boden sprießen und ihre Kollektionen selbst herstellen, sind aber nur eine Nischenlösung für das Problem, das man in der gesamten gehobenen Modewelt längst erkannt hat. Die Antwort der Branche lautet: „Mass Customization“, neudeutsch für indivdualisierte Massenproduktion. Ziel ist, den Produktionsprozess so zu automatisieren, dass sich Kleidung auch im industriellen Maßstab abgestimmt auf die Eigenheiten der Kunden herstellen lässt.
Denn inzwischen müssten etwa 60 Prozent der Konfektionskleidung in Deutschland nachträglich umgeändert werden, schätzt Ute Detering, Professorin am Fachbereich Textilund Bekleidungstechnik an der Hochschule Niederrhein in Krefeld. Die Daten, die den heutigen Standardgrößen und vielen Schnittmustern zugrunde liegen, sind längst veraltet: Bei Frauen gehen sie auf die letzte große Reihenmessung vor knapp 15 Jahren zurück, bei Männern gar auf fast 30 Jahre alte Daten.
Andererseits sind manche Hersteller dazu übergegangen, der Kundschaft mit nach unten verschobenen „Schmeichelgrößen“ zu suggerieren, eine Bombenfigur zu haben. Dieses Durcheinander sollen die gerade veröffentlichten Ergebnisse der neuen Reihenmessung „SizeGermany“ an 13.362 Männern, Frauen und Kindern beenden. Die zeigen: Die Bundesbürger sind nicht nur größer, sondern auch kräftiger geworden. Die Herren haben seit 1980 in der Länge 3,2 Zentimeter zugelegt, in der Hüfte 3,6 und beim Brustumfang gar 7,3 Zentimeter. Bei den Damen gibt es ebenfalls deutliche Änderungen: Sie sind heute etwa 1 Zentimeter größer als 1994, ihr Brustumfang nahm seitdem um 2,3 und der Taillenumfang um 4,1 Zentimeter zu.
Die neuen Daten stammen aus Körperscannern – in diesem Fall vom deutschen Marktführer Human Solutions aus Kaiserslautern. Die an futuristische Duschkabinen erinnernden Anlagen tasten einen Menschen mit Laserscannern in wenigen Sekunden ab und erzeugen auf dem Computerschirm eine Punktwolke der Körperform. Etwa 500.000 Punkte werden aufgenommen, die Auflösung liegt derzeit bei einem Millimeter. Zwar haben Schneider seit Jahrhunderten Maß genommen, indem sie einfach ein Maßband an verschiedenen Körperteilen auf die Haut des Kunden legen. Mit genügend Erfahrung konnten sie daraus schließen, welche Veränderungen jeweils am Schnittmuster nötig waren.
Dieses Vorgehen lasse sich aber nicht ohne Weiteres auf Bodyscanner-Daten übertragen, sagt Detering: „Für die Punktwolken benötigt man geeignete Algorithmen, um überhaupt verwertbare Basisdaten zu generieren.“ Mit der Auswertung dieser Daten ist jedoch erst ein Teil des Problems gelöst. Denn die so ermittelten Standardgrößen müssen in einer funktionierenden MassCustomization-Kette beim Kauf jedes Mal mit den individuellen Daten des Kunden abgeglichen werden. Und der möchte möglichst auch sehen, ob ihm das neue Kleidungsstück stehen würde.
Hierfür haben Experten in verschiedenen Forschungsprojekten sogenannte Avatare – virtuelle 3D-Figuren – entwickelt, die nach der Vermessung im Rechner mit dem virtuellen Kleidungsstück der Wahl angezogen werden. Auch dies ist keine triviale Aufgabe: Die Software soll den Sitz des neuen Stücks möglichst naturgetreu abbilden. „Die Modellierung des Faltenwurfs ist ausgesprochen schwer“, sagt Harald Preußer, Produktmanager der bayerischen Firma Assyst, die unter anderem mit dem Fraunhofer-Institut für Graphische Datenverarbeitung das System „Vidya“ entworfen hat.
Um einem Stoff im Rechner naturgetreue Falten zu verpassen, wird er zunächst auf einer Puppe abfotografiert. Anschließend wertet man die Bilddaten zusammen mit Materialkenngrößen wie Biegesteifigkeit, Gewicht, Dehnbarkeit oder Reibung aus und erstellt ein Modell des Stoffes. Die Vidya-Software enthalte derzeit rund 150 Standardmaterialien, sagt Preußer.
Nach den Mustern des Herstellers zugeschnitten, wird die virtuelle Kleidung dann einer Rechnerfigur übergestreift. Deren Maße können auf Körperscan-Daten beruhen. Oder der Designer konfiguriert einen Standard-Avatar am Computer per Hand um, nachdem er bei seinem Kunden die Körpermaße ganz traditionell bestimmt hat.