Der Avatar shoppt mit
Seite 2: Der Avatar shoppt mit
Erste Bekleidungshersteller haben derartige Technologien zwar schon getestet. Das Konfektionshaus Weingarten etwa nutzt Bodyscanner in ihren Filialen in Köln und Wiesbaden sogar schon routinemäßig. Aber von der Vision der vollen Automatisierung sei man doch weiter entfernt als noch vor fünf oder sechs Jahren gedacht, sagt Michael Leifer, Leiter der Maßabteilung bei Weingarten.
„Für maßgefertigte Anzüge reichen die Daten noch nicht aus.“ Zudem nehmen Designer die Konfektionsdaten aus Reihenmessungen meist nur als Ausgangsmaterial, das sie dann im Schnittmuster nach eigener Handschrift abändern. Die Kunden zumindest haben kein Problem mit der neuen Technik: Hemmschwellen, zur Vermessung in einen Bodyscanner zu steigen, habe es nicht gegeben, sagt Leifer. Während für den Einzelhandel MassCustomization-Systeme derzeit eher ein „wichtiges Marketinginstrument“ sind, wie Leifer es ausdrückt, könnten sie für den Online-Versandhandel eine dringend nötige Innovation darstellen.
„Dessen großes Problem sind die Warenrücksendungen“, sagt Karim Khakzar, Informatiker an der Hochschule Fulda, „die liegen im Moment bei 50 Prozent.“ Andere Experten gehen gar von 80 Prozent Retouren aus. Kein Wunder: Was professionell fotografiert im Netz gut aussieht, entpuppt sich vor dem eigenen Spiegel zu Hause oft als schlecht sitzender Fummel.
Karim Khakzar entwickelt derzeit mit einem Projektkonsortium ein Avatar-System, das ursprünglich für Läden konzipiert war, zu einer Online-Lösung weiter, bei der die Kunden am Computer ihre Maße eingeben. „SiMaKon“ ist zunächst nur für Hemden gedacht. Die Kunden sollen den Avatar verändern können, indem sie 10 bis 15 Maße eingeben, wie Brustumfang oder Armlänge. Für Erstkunden wird eine Anleitung zum Maßnehmen bereitstehen, und mittels hochgeladenem Foto soll es sogar möglich sein, dem Avatar das eigene Konterfei zu verpassen. „Das Potenzial ist hier riesig“, sagt Khakzar, denn Bekleidung mache bereits jetzt den größten Umsatz im Onlinehandel.
Eine Vorstufe dazu ist die OnlineBeratung Zafu.com. Kundinnen können hier verschiedene Profile anlegen, in denen sie ihren persönlichen Stil anhand eines Fragebogens definieren und beispielsweise bei Jeans fünf Angaben machen, die für Schnitt und Größe relevant sind. Anschließend schlägt das System aus einem Pool von 30 Herstellern geeignete Modelle vor. Da Zafu selbst nichts produziert, kann man es am ehesten mit einem Jeans-Laden samt individueller Beratung vergleichen.
Für Frank Piller, den führenden deutschen Experten für Mass Customization, ist Zafu ein gelungenes Beispiel für ein sogenanntes MatchingKonzept. Bei dem muss noch kein Schnittmuster geändert werden – die Kundenvorlieben werden nur vorhandenen Standardangeboten zugeordnet. Die weitergehende Variante besteht darin, die Schnittmuster tatsächlich an ein digitalisiertes Maßnehmen anzupassen und das Resultat schließlich in der Fabrik umzusetzen.
Dass die Massen-Maßanfertigung bei Bekleidung noch nicht weiter fortgeschritten ist, wundert Piller allerdings ein wenig. „Die Technik ist nicht mehr das Problem“, sagt der Managementund Innovationsforscher, der an der RWTH Aachen und am Massachusetts Institute of Technology lehrt. Im Prinzip könne sich ein Hersteller bereits heute „mit recht wenig Aufwand“ in ein geschlossenes Mass-Customization-System einkaufen. Auf der Fabrikseite sei es kein Problem mehr, individualisierte Schnittmuster zu verarbeiten, die auf den Messdaten der Kunden basieren. Maschinen etwa des Herstellers Lectra, die Textilien mit Lasercuttern zurechtschneiden, könnten bereits in entsprechende Systeme integriert werden.
„Das größte Hindernis ist derzeit die gedankliche Umstellung in den Unternehmen“, urteilt Frank Piller. Die meisten hätten in den letzten Jahren Mass Customization getestet, weil sie zum Trend ausgerufen wurde. Gefehlt habe es aber an wirklich durchdachten Konzepten. Selbst ein Hersteller wie Levi’s, der bis 2004 zehn Jahre lang individualisierbare Größen angeboten hat, habe bis zum Schluss nicht begriffen, dass die erhobenen Kundendaten auch über den Kauf hinaus weitergenutzt werden könnten, um etwa die Schnitte zu verbessern.
Wie wichtig Mass-CustomizationKonzepte am Ende für die Modebranche werden, lässt sich derzeit noch nicht abschätzen. Ute Detering von der Hochschule Niederrhein glaubt allerdings, dass der Fertigungsansatz nicht bei der eher erzwungenen „maßtechnischen Optimierung“ der heutigen Produktion stehen bleiben wird. „Ich sehe die Zukunft eher im Co-Design durch den Kunden.“
Der Artikel erschien zuerst in der TR-Ausgabe 1/2009 und wurde anlässlich der Ergebnisse der Reihenmessung "Size Germany" aktualisiert. (nbo)