Der Schlaftracker

Ein neues System ĂĽberwacht, wie ein Patient zuhause die Nacht verbringt. Ob es den Schlaf verbessert, bleibt allerdings abzuwarten.

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Von
  • Emily Singer

Wenn sie mich am heutigen Morgen gefragt hätten, wie häufig ich vergangene Nacht aufgewacht bin – meine Schätzantwort wäre wohl vier oder fünf Mal gewesen. Doch laut dem Zeo, einem neuen Gerät, das den Schlaf seines Trägers überwacht, waren es beunruhigende 15 Mal. Ich bekomme außerdem offenbar deutlich weniger Schlaf, als ich dachte – zwischen sechs und sieben Stunden statt der sieben bis acht, die ich bislang immer geschätzt hatte.

Der Zeo Personal Sleep Coach, wie das 400 Dollar teure Gerät mit vollständigem Namen heißt, wurde von einem Start-up aus dem amerikanischen Newton entwickelt und ist das erste für Heimanwender gedachte Gerät, das es dem Träger erlaubt, seinen Schlafrhythmus über einen längeren Zeitraum zu erfassen. Mit seinem einfach gestalteten Stirnbandaufzeichnungssystem ist der Zeo eine hübsche Erfindung. Er trifft auch ganz bestimmt auf eine Marktlücke: Jeder, dem ich von dem Gerät erzählt habe, wollte es gleich testen – ein Zeichen dafür, wie besessen wir alle vom Schlaf (oder unserem Mangel davon) doch sind. Noch ist unklar, ob die Idee den Benutzern tatsächlich hilft, ihren Schlaf zu verbessern. Aus Sicht der Schlafforschung ist es jedenfalls eine neue Chance, endlich einmal die Variationen zu untersuchen, die in der Bevölkerung beim Schlafverhalten vorkommen – und zwar wesentlich billiger und weitgehender als das bislang in einem Schlaflabor möglich war.

Der Zeo ist dabei eine vereinfachte und automatisierte Version der Technik, die Profis verwenden. (Der Hersteller betont allerdings, dass es sich nicht um ein medizinisches Gerät handelt und es keine Schlafkrankheiten diagnostizieren kann.) Während des Schlafes tragen die Nutzer ein mit Sensoren beladenes Stirnband, das die elektrische Aktivität des Gehirns misst. Diese Daten werden dann drahtlos auf ein Anzeigegerät übertragen, das an einen Wecker erinnert.

Jeden Morgen liefert sein Display eine Zusammenfassung des Schlafverhaltens der vergangenen Nacht – wie lange geschlafen wurde, wie oft man aufgewacht ist und die Zeit, die man in bestimmten Schlafphasen verbrachte. Eine kleine Speicherkarte innerhalb des Anzeigegeräts sichert die Daten, die sich so auch auf einen Rechner übertragen und auf eine spezielle Website hoch laden lassen. Dort kann man dann seinen Schlaftrend einsehen und erhält Tipps, wie man ihn verbessert.

"Ich sehe es eher als Zustandsbewertung der eigenen Physiologie an, wie man es von einem Blutdruckmessgerät für den Hausgebrauch oder einer Badwaage her kennt", meint Phyllis Zee, Schlafforscherin an der Northwestern University in Chicago, die Zeo wissenschaftlich berät. "Schlaf ist eigentlich das nächste interessante Vitalzeichen."

Ein ständig wachsender Berg an Forschungsarbeiten zeigt, wie wichtig guter Schlaf für den Menschen ist – und dass er mit zahllosen gesundheitsrelevanten Bereichen des Körpers in Verbindung steht, vom Gedächtnis bis zum Gewicht. Ein typischer Nachtschlaf enthält einen sich wiederholenden Zyklus mehrerer Phasen. Die ersten bestehen aus leichtem Schlaf gefolgt von einer Tiefschlafphase, die von langsamen Gehirnwellen geprägt ist. Daran schließt sich die REM-Phase an – die Zeit, in der wir träumen. Diese Phasen wechseln sich ab, während jeder dieser Zyklen sich mit fortschreitender Nacht verkürzt. "Die Dauer dieser Zyklen und die Anzahl der Zyklen sind Indikatoren für die Schlafqualität", sagt Michael Twery, Direktor des nationalen Zentrums für die Erforschung von Schlafstörungen, das Teil der US-Nationalinstitute für Gesundheit im amerikanischen Bethesda ist.

Welche Technik zur Schlaferfassung Zeo genau verwendet, will die Firma nicht verraten. Die größte Innovation liegt aber in den verbauten Sensoren und dem Algorithmus, mit dem die ermittelten Informationen verarbeitet werden. In Schlaflaboren wird die Gehirnwellenaktivität mit einer Anzahl von Elektroden aufgezeichnet, die auf der Kopfhaut aufgebracht sind – mit der so genannten Elektroenzephalografie (EEG). Weil dieser Ansatz sehr empfindlich ist, müssen die Elektroden an genau festgelegten Bereichen des Kopfes platziert werden, um optimal aufzuzeichnen. Normalerweise wird außerdem ein leitendes Gel zwischen Haut und Elektroden aufgetragen, um den Signalfluss zu verbessern. Die Forscher bei Zeo haben eine neue Technik entwickelt, die trockene, mit Silber überzogene Stoffelektroden nutzt, die man auf der Stirn befestigt. (Normalerweise gilt diese nicht als guter EEG-Messpunkt.)

Eine Software, die mit Hilfe der Analyse neuronaler Netzwerke entstand, verarbeitet die chaotischen elektrischen Informationen und bestimmt automatisch die Schlafphasen des Trägers. (In einem Schlaflabor beobachtet ein Techniker die Aktivität in Echtzeit und teilt sie dann die Phasen ein.) "Der Algorithmus ist so aufgebaut, dass er die Arbeit eines Schlaflaborexperten imitiert", sagt John Shambroom, Vizepräsident für Forschung bei Zeo. Ein Vergleich des Geräts mit einer regulären Schlafuntersuchung habe bei gesunden Menschen ein ähnliches Ergebnis gezeigt.

Mein eigenes Schlafmuster scheint aktuell leicht aus dem Gleichgewicht zu sein. Ich bekomme zwar viel REM-Schlaf, rund 25 Prozent, dafür aber nicht genügend Tiefschlaf, nur 10 Prozent statt der durchschnittlichen 20. Der Tiefschlaf ist die Phase, von der man am schwersten erwacht. Er wird mit bestimmten Gedächtnisaktivitäten in Verbindung gebracht und eine aktuelle Studie legt nahe, dass zu wenig Tiefschlaf die Insulinempfindlichkeit beeinflussen kann – ein Risikofaktor für Typ 2-Diabetes.

Ein Abendbier schien dagegen keinen Einfluss auf mein Schlafmuster zu haben, doch eine Benzodiazepin-Schlaftablette durchaus. Wie schon bei diversen Studien festgestellt, reduzierte das den Tiefschlaf weiter – auf nur noch 5 Prozent. "Schlaf ist ein wesentlich aktiverer und dynamischer Vorgang als die meisten Menschen glauben", sagt Shambroom. "Unsere Technik erlaubt dem Nutzer, zu verstehen, wie empfindlich er jeweils auf Koffein und Alkohol reagiert." (Ich bin selbst sehr koffeinempfindlich, weswegen ich keinen Coffeeshop-Ausflug am Nachmittag riskiert habe – auch nicht für die Wissenschaft.)

Was das alles für mich bedeutet, lässt sich schwer abschätzen. Nur eines: Ich werde vermutlich von diesen Schlaftabletten wegbleiben. Die Experten, mit denen ich sprach, wollten keinen Kommentar abgeben, was mein breiteres Schlafmuster für meine Gesundheit bedeutet – vor allem deshalb, weil der Zweck der verschiedenen Schlafarten noch immer heiß umstritten ist. (Es gibt einige Methoden, den Tiefschlaf ganz gezielt zu verlängern – beispielsweise durch die Erhöhung der Körpertemperatur vor dem Schlafzyklus.) Die meisten Ratschläge von Zeo stammen aus dem Bereich der altbekannten "Schlafhygiene" – Vermeiden von Koffein, Alkohol und stimulierenden Aktivitäten vor dem Schlaf. Ich verwendete das Gerät allerdings nur einige Nächte, so dass ich nicht testen konnte, wie das mitgelieferte Online-Coaching-Programm funktioniert. Darüber kann man auch E-Mails erhalten, in denen auf den eigenen Schlafrhythmus eingegangen wird. Northwestern-Forscherin Zee meint, der Lackmustest sei, "wie sie sich unterm Tag fühlen".

Wie bereits erwähnt betont man bei Zeo, dass das Gerät nicht als medizinische Komponente gedacht ist. Es kann beispielsweise keinen Atemstillstand im Schlaf diagnostizieren – die Schlafkrankheit, die am stärksten verbreitet ist. Auch Störungen wie ständige Bewegungen der Gliedmaßen oder Anfälle werden nicht erfasst. Einige Experten fürchten, dass diese Warnungen von den Kunden nicht ernst genommen werden könnten. "Wenn man gewöhnliche Schlafstörungen hat, wäre Zeo völlig okay", meint Jerome Siegel, Direktor des Schlaflabors an der University of California, Los Angeles. "Das Gerät würde bestätigen, dass man Schlafstörungen hat und eine Methode liefern, die Schlafmuster zu quantifizieren und zu bestätigen, während man sie mit konventionellen Methoden behandelt." Das grundsätzlichere Problem sei aber, dass die schwersten Krankheiten mit diesem Gerät nicht entdeckt würden und Menschen dann womöglich nicht mehr zum Arzt gingen.

Siegel und andere sind aber durchaus an Zeo als Forschungsgerät interessiert. Wissenschaftler haben bereits diverse Aspekte des Schlafes untersucht – darunter die Auswirkungen von Drogen, Alterserscheinungen und Krankheiten wie Depressionen. Diese Studien sind aber üblicherweise enorm teuer – eine Nacht im Schlaflabor kostet in den USA rund 1000 Dollar. Ein relativ billiges Heimgerät könnte Forschern erlauben, die Variabilität bei Schlafmustern bei einer wesentlich größeren Gruppe von Testpersonen festzustellen. "Es ist einfach zu verwenden und kann täglich abgefragt werden. Das war bislang immer das Problem auf unserem Forschungsgebiet – das Aufzeichnen des tagtäglichen Schlafs."

Obwohl ein Schlaflabor deutlich genauere Informationen liefert, könnte Zeo einen Weg eröffnen, bessere Durchschnittswerte zu erfassen – etwa Veränderungen aufgrund von Jahreszeiten, meint Siegel. "Das ist extrem interessant. Vieles, was in der Forschung bislang viel zu teuer war, könnte jetzt ganz praktisch umgesetzt werden." (bsc)