Peer-to-Peer jenseits von Datei-Tauschbörsen
Die P2P-Technik taugt fĂĽr weit mehr als den Betrieb von Datei-Tauschnetzen: Sie kann Telefonieren, wissenschaftliches Arbeiten, Sicherungskopien und die Spam-Abwehr erleichtern
- Simson Garfinkel
Trotz ständiger Versuche, die Technologie grundsätzlich als negativ zu verdammen, gewinnen Peer-to-Peer-Netze immer mehr an Boden. P2P hat bekanntlich einen schlechten Ruf, weil die Technik die riesigen, zumeist illegalen Dateitauschbörsen wie Kazaa und Morpheus antreibt. Aber P2P kann auch zum Guten eingesetzt werden - so ermöglicht es beispielsweise, das Internet besser vor Terrorattacken zu schützen oder dass kleine Anbieter ihre Informationen an die Massen verteilen können. P2P dient darüber hinaus zum Schutz kontroverser Informationen vor Zensur und Unterdrückung.
Was ich vor einem Jahr noch nicht für möglich gehalten hätte sind die Telefonieanwendungen, die zur wichtigsten P2P-Applikation geworden sind. Mit dem Dienst Skype ist es so gekommen. Das Internet-Telefonie-System hat seit seinem Start im August 2003 ohne zentrale Infrastruktur 1,7 Milliarden Minuten Anrufe vermittelt.
Skype ist nur eines von mehreren aufstrebenden neuen P2P-Systemen. Ein weiteres ist LionShare, ein Projekt der Penn State University, das von der Mellon Foundation finanziert wird. Bei LionShare werden eine Reihe von Netzwerken aufgebaut, die Bildungsinhalte unter Akademikern verteilen sollen. Das System lässt Einzelpersonen ihre Dateien indizieren, um sie anschließend über ein P2P-Netz anderen zur Verfügung zu stellen.
"Viele Lehrer, Professoren, Forscher und Bibliothekare im Hochschul-Bereich verfügen über versteckte Reservoire an digitalen Inhalten in ihren Netzwerken und auf ihren Festplatten, die sie für Lehre, Forschung und Beratung benutzen", steht im Förderantrag zu "LionShare". Das Ziel sei es, diese Inhalte in einem US-weiten Suchsystem aufzubereiten, über das man dann mit einer einzigen Abfrage an alle verfügbaren Inhalte gelangt. Universitätsangehörige sollen Bilder, Töne, Lehr-Videos und sogar PowerPoint-Präsentation miteinander teilen können - in einem Maße, wie das bislang noch nie möglich war.
Natürlich könnten die Professoren ihre Materialien auch auf Websites stellen und die Sucharbeit Google überlassen. Aber ist es möglich, Google beispielsweise nach zeitgenössischen Bildern viktorianischer Häuser in Neu England zu fragen, die von Architektur-Experten als authentisch bezeichnet werden und für akademische Publikationen kostenlos nutzbar sind? Kaum. Das Problem dabei ist, dass Google schlecht mit Metadaten und anderen Kataloginformationen zurechtkommt - Dinge, die man im universitären Betrieb unbedingt braucht. LionShare wird den Forschern ein Werkzeug an die Hand geben, mit dem sie ihre eigenen Sammlungen katalogisieren können, um sie dann an die gesamte Wissenschaftsgemeinde weiterzugeben.
Es gibt weitere interessante P2P-Systeme mit viel Potenzial. BitTorrent von Bram Cohen wurde geschrieben, um es kleinen Software-Vertreibern zu ermöglichen, ihre Programme an ein großes Publikum zu verteilen. Statt gefragte Downloads auf extrem teuren Serverfarmen zu lagern, repliziert BitTorrent die Dateien über Hunderttausende von individuellen PCs. Es ist eine Art Akamai des kleinen Mannes: Theoretisch sollte es kein Problem darstellen, Dateien auf mehrere Maschinen zu kopieren, die man nicht besitzt, so lange sie nur digital signiert wurden. Unglücklicherweise scheint das Projekt derzeit zu stocken, außerdem wird die Software auch zur Verteilung von illegalen Kopien genutzt. Die Grundidee ist aber sehr solide und dürfte in den nächsten Jahren weiter wachsen.
Ein cleveres Peer-to-Peer-System ist auch Vipul's Razor, das dazu benutzt wird, Spam zu bekämpfen. Ein kleiner Software-Agent läuft dabei auf jedem Rechner, der an das Netzwerk angeschlossen ist. Der Agent entdeckt, wenn E-Mails ankommen. Die Theorie ist, dass es sich bei einer Mail um Spam handelt, wenn sie an vielen verschiedenen Orten mehr oder weniger zur gleichen Zeit eintrifft. Dieser Ansatz ergänzt Filter-basierte Anti-Spam-Systeme hervorragend - die Filter erkennen Spam, der nach Spam aussieht, während Razor ihn ohne Ansicht des Inhalts identifizieren kann. Die Razor-Unterstützung ist inzwischen im populären Anti-Spam-Produkt SpamAssassin integriert.