Peer-to-Peer jenseits von Datei-Tauschbörsen

Seite 2: Peer-to-Peer jenseits von Datei-Tauschbörsen

Inhaltsverzeichnis

Peer-to-Peer-Systeme sind außerdem ein interessantes Feld für akademische Forschung. Dabei konzentriert sich die Aktivität auf so genannte verteilte Hash-Tabellen ("Distributed Hash Tables", DHT), Datenbanken, die über zahlreiche Rechner im Internet verteilt sind. Die besten dieser Systeme finden automatisch die Rechner im Netz, die Teil der DHT sind, speichern Daten redundant auf mehreren Maschinen, nutzen digitale Signaturen und Verschlüsselung um Informationen zu schützen und enthalten sogar verteilte Reputations- und Bezahlsysteme, um die Teilnehmer ehrlich und motiviert zu halten. Dies klingt eigentlich nach Technologien, die Anbieter wie Kazaa großartig finden sollten. Merkwürdigerweise ist dem nicht so - die MP3-Netze halten sich bislang von den akademischen DHTs fern und installierten lieber ihre eigenen Systeme.

Glücklicherweise versuchen viele Forscher, ihre Arbeiten in Anwendungen für die echte Welt zu überführen. Im August fand in Zürich die vierte internationale Peer-to-Peer-Computing-Konferenz statt, die vom Institute of Electrical and Electronics Engineers (IEEE) veranstaltet wurde. Unter den hochgradig technischen Präsentationen gab es auch Arbeiten, die sich damit beschäftigten, wie man unstrukturierte Peer-to-Peer-Netze sehr groß gestalten kann, sie gegen Angriffe schützt, mehr Funktionalität aus weniger Bandbreite herausholt und P2P-Netze schafft, die sich an Veränderungen im darunter liegenden Internet anpassen. Selbst diese schwierigen Arbeiten sind interessanter Lesestoff, besonders wenn man ein Unternehmer ist, der nach einer neuen Geschäftsidee sucht.

Tatsächlich stecken zahlreiche weitere P2P-Anwendungen in den Startlöchern, die das Zeug haben, das nächste Skype zu werden. Vor einigen Wochen zeigte der MIT-Absolvent Tim Macinta eine erste Beta-Version des Programmes Magic Mirror Backup, eine P2P-Anwendung, die automatisch Sicherheitskopien zwischen den Rechnern zuhause oder denen im Büro erstellt. Die Idee dabei: Alle nicht benutzten Gigabytes auf den verschiedenen Festplatten sollen dazu benutzt werden, gegenseitig Backups zu erstellen. Sogar Microsoft mischt im Peer-to-Peer-Bereich mit - ein entsprechendes Entwicklerkit für Windows XP wurde im vergangenen Jahr veröffentlicht. Darin sind laut Microsoft "alle Programme enthalten, die notwendig sind, um dezentrale Anwendungen zu erstellen, die die kollektive Kraft PCs in einem Netz nutzen können". Bislang habe ich noch nichts von irgendwelchen Anwendungen auf dieser Basis gehört, aber vielleicht wird uns ja das nächste Jahr alle überraschen.

Die meisten Leute, die heute das Internet benutzen, sind daran gewöhnt, dass es günstige Client-Rechner auf dem Schreibtisch und teure Hochleistungs-Server in riesigen Rechenzentren mit sicherer Stromversorgung und massig Bandbreite gibt. Doch nichts in der Architektur und im Aufbau gibt es nicht, das inhärent nach diesem Client-Server-Modell verlangen würde. Private und kleinere Firmenkunden bekommen von den Internet-Providern zunehmend mehr Bandbreite zur Verfügung gestellt und auch die Festplattengröße steigt. Mit Sicherheit werden wir mehr Versuche sehen, Verwendung für diese teils verschwendeten Ressourcen zu finden.

Fazit: In Zukunft könnte die Peer-to-Peer-Technik die Norm sein. Die heutigen Client-Server-Systeme würden dann im Rückblick als eher merkwürdige und unverlässliche Übergangstechnologie betrachtet werden.

Von Simson Garfinkel; Ăśbersetzung: Ben Schwan. (sma)