Anatomie der japanischen Handy-Kultur

Technology Review im Gespräch mit der Anthropologin Mizuko Ito über die japanische Handy-Kultur.

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Die Anthropologin Mizuko Ito hat die japanische Handy-Kultur studiert. Sie warnt davor, aus der dortigen Technik-Entwicklung direkte Lehren für andere Märkte zu ziehen. Bislang galt unter Mobilfunkforschern, dass man die Zukunft der Handy-Kultur in Japan, -- genauer bei der japanischen Jugend -- beobachten könne. Doch die Dynamik scheint anders zu verlaufen. Mag Japan auch noch so sehr ein Treibhaus für Innovationen im Mobilfunksektor sein -- wie die japanischen Kunden ihre Handys und anderen tragbare Gadgets verwenden, hat viel mit historischen und soziologischen Faktoren zu tun, die einzigartig für Japan sind.

Das sagt zumindest Mizuko Ito, eine der bekanntesten soziologischen Forscherinnen auf diesem Gebiet. Ito hat sich der vergleichenden Anthropologie und Soziologie der Mobiltechniknutzung verschrieben. Ihre Meinung: "Kein Land allein definiert den technologischen Fortschritt."

Ito arbeitet am Annenberg Center for Communication an der University of Southern California (USC) in Los Angeles und trat kĂĽrzlich einen zweiten Job an der Keio University in Tokio an. Sie ist auĂźerdem Herausgeberin des Buches "Personal, Portable, Pedestrian: Mobile Phones in Japanese Life" (MIT Press), das wissenschaftliche Betrachtungen zum Thema sammelt.

Technology Review: Wie lange untersuchen Sie die japanische Mobilfunknutzung bereits? Was interessiert Sie daran vor allem?

Mizuko Ito: Ich bin jetzt seit ungefähr sechs Jahren dabei. Ich hatte Ende der Neunziger Jahre während der Post-Doc-Arbeit ein Forschungsgebiet, in dem es um die Verwendung neuer Medien durch Jugendliche ging. Bei den Jungen wollte ich mich eigentlich vor allem mit Computerspielen beschäftigen. Zu dieser Zeit begannen der Handy-Hype gerade, Japan anzustecken -- und die Technologie wurde erstaunlicherweise vor allem von jungen Mädchen popularisiert. Teenagerinnen werden normalerweise eher nicht als sonderlich innovationsfreudig angesehen, was die ganze Sache zu einem interessanten Studienobjekt machte. Interessiert hat mich der Geschlechteraspekt und auch, wie sich diese Technologie vom Spielebereich unterscheidet.

TR: Sie haben derzeit zwei Uni-Jobs, der eine ist an der USC und der andere in Japan an der Keio University -- ideale Voraussetzungen, die Mobiltechnologie interkulturell zu untersuchen. Wie teilt sich Ihre Arbeitszeit auf?

Ito: Ich begann mit meinem Job an der Keio University, als ich in Japan gelebt habe. Dann zog ich vor gut drei Jahren wieder zurück in die USA und ging an das Forschungszentrum an der USC. Aktuell handhabe ich es so: Während des akademischen Jahres bin ich an der USC und im Sommer dann in Japan. Das klappt vor allem deshalb, weil ich sehr gute Kollegen in Japan habe, die sich um die Forschung kümmern. Außerdem arbeiten wir eng zusammen, dementsprechend bleibe ich auch informiert, während ich nicht vor Ort bin.

TR: In Ihrem neuen Buch schreiben Sie, dass die Handy-Nutzung in verschiedenen Ländern vor allem mit der jeweiligen Einführung der Technik und der Kultur eines Landes zu tun hat. Denken Sie, dass man die japanische Handy-Kultur im Ausland missversteht? Arbeiten Sie daran, falsche Vorstellungen zu korrigieren?

Ito: Wenn man über Technologie in Japan spricht, ist man schnell dabei, ihr besondere Werte zuzugestehen, die den Grund für ihre Annahme in der Bevölkerung darstellen. Über kulturelle Dinge redet man kaum. Gleichzeitig werden Unterschiede bei der Techniknutzung schnell auf die kulturellen Sonderbarkeiten der Japaner geschoben: Sie nutzen Handys anders als die Amerikaner, also muss das mit ihrer Kultur zusammenhängen. Ich bin Anthropologin und mag solche kulturellen Erklärungen natürlich auch. Aber es ist wichtig, sich etwa auch die historischen und wirtschaftlichen Faktoren anzusehen.

Es ist beispielsweise leicht, die Beliebtheit von Textnachrichten unter den Japanern auf ihre besondere Höflichkeit zu schieben, die von ihnen verlangt, ihre Umwelt nicht mit Anrufen zu belästigen. Das mag zwar eine Teilerklärung sein, doch es hat auch deutliche historische Gründe.

Dass es in Japan zuvor schon viele Text-fähige Pager gab, spielte in die Entwicklung der Mobiltelefone hinein. Es wäre ein bisschen zu einfach, wenn irgendeiner dieser Faktoren die Hauptrolle spielt. Ich will außerdem vermeiden, den Faktor Kultur als letzte Möglichkeit für ansonsten unerklärliche Phänomene zu verwenden.

TR: In ihrem Buch sind viele Darstellungen japanischer Wissenschaftler zu finden. Was treibt die soziologischen Forschungsarbeiten zum Thema Mobilfunk in Japan? Kommen aufgrund der Verwendung der Geräte durch Teenager und Erwachsene brennende soziale Fragen auf?