Microsoft legt die Karten auf den Tisch

Der Kartendienst "Virtual Earth" der Microsoft-Online-Tochter MSN wurde in den neuen Service "Windows Live Local" integriert und bietet neue Funktionen.

vorlesen Druckansicht
Lesezeit: 4 Min.

Im Juli stellte Microsoft "MSN Virtual Earth" vor. Der interaktive Karten- und Suchdienst bot erstmals auch Luftaufnahmen und sollte mit ähnlichen Diensten von Google und Yahoo konkurrieren. Inzwischen ist "Virtual Earth" in das neue Portal "Windows Live Local" integriert – ergänzt um lange versprochene Zusatzfunktionen. "Windows Live Local" ist das jüngste Mitglied in Microsofts neuer "Windows Live"-Familie, die Internet-Dienste und Software zusammenfasst, mit denen die Nutzer schnell Informationen abrufen und austauschen können sollen.

"Windows Live Local" soll Nutzern das präsentieren, was sie suchen und ihnen anschließend den Weg dorthin zeigen; finanziert wird der Dienst über Anzeigen. "Wir glauben, dass Windows Live Local einen Kartendienst zur Verfügung stellt, mit dem keine andere Firma konkurrieren kann", sagt Steve Lombardi, zuständiger Programmmanager bei Virtual Earth und Windows Live Local.

Online-Karten sind bereits seit Jahren verfügbar. Doch erst in den letzten sechs Monaten hat sich ein starker Wettbewerb entwickelt, die Öffentlichkeit (und Internet-Geographie-Fans) mit den besten Luft- und Satellitenbildern zu versorgen, die mit Suchfunktionen und diversen technischen Tricks verzahnt werden. Der Amazon-Dienst A9.com liefert Hausansichten von Geschäften in mehr als 20 Städten, Google Earth ermöglicht dem Betrachter einen virtuellen Flug durch Satelliten- und Luftbilder und Yahoo ergänzt seinen Kartendienst um eine Review-Funktion, mit der örtliche Geschäfte bewertet werden können.

Microsoft will sich nun durch die Ergänzung mehrerer neuer Features von der großen Konkurrenz absetzen. Das eindrucksvollste ist die so genannte Ansicht aus der Vogelperspektive ("Bird's Eye View"), ein Werkzeug, dass dem Benutzer einen 45-Grad-Blick auf Gebäude und Geographie von 11 US-Städten ermöglicht, darunter New York, Los Angeles, San Francisco, Boston und Seattle. Aufgenommen wurden die hochauflösenden Bilder mit Kameras, die auf Cessna-Flugzeugen montiert waren. Der Microsoft-Partner Pictometry International ließ die Maschinen in geringer Höhe über die Städte fliegen.

Mit der Vogelperspektive sei es Nutzern möglich, sich beispielsweise eine Kreuzung anzusehen, an der sie später abbiegen müssten – oder ein Hotel, das sie buchen möchten, bevor die Reservierung abgeschlossen ist, wie Lombardi erklärt. Letzteres zumindest von außen.

Mit einer weiteren neuen Funktion erhalten Nutzer Wegbeschreibungen, ohne eine spezifische Adresse eingeben zu mĂĽssen. Stattdessen klicken sie beispielsweise einfach auf einen Stadtpark oder ein Shoppingcenter, die dann zu Start- oder Zielpunkt werden.

Mit der Überholung von Windows Live ermöglichen es die Microsoft- Programmierer den Nutzern außerdem, Karten leichter mit Notizen zu versehen und die gesammelten dann Informationen mit anderen zu teilen. So kann man Markierungen ("Reißzwecken") an interessanten Orten setzen oder Notizen in einen Notizblock aufnehmen und diese Infos dann per E-Mail oder MSN Messenger an Freunde verschicken. Außerdem sind Weblog-Posts in Microsofts entsprechendem Dienst ("MSN Spaces") möglich. Mit Hilfe von Markierungen, Notizblock-Funktion und Vogelperspektive könnte man seinen Freunden so beispielsweise mitteilen, auf welcher spezifischen Bank in einem Park man sie treffen wolle, hofft Microsoft.

Schuyler Erle, Chefingenieur bei Locative Technologies und Autor des O'Reilly-Buches "Mapping Hacks", hält Windows Live Local für durchaus interessant – besonders die Vogelperspektive hat es ihm angetan: "Es war nur eine Frage derzeit, bis das jemand machen würde. Ich bin ziemlich beeindruckt." In anderen Bereichen habe der neue Service im Vergleich zu anderen Local Search-Diensten jedoch noch Defizite. "Die Features mögen nett sein, was jedoch fehlt sind wirklich nützliche Ergebnisse bei der lokalen Suche", so Erle. Die Algorithmen seien immer noch nicht besonders "menschlich". Eine Suche nach Kissenfüllungen brächte so beispielsweise gerne Zutaten für das Innere eines Thanksgiving- Truthahns.

Insgesamt glaubt Erle nicht, dass die neuen Funktionen Windows Live Local klar von Wettbewerbern wie Google Earth, Google Maps oder Yahoo Local absetzen: "Das Feld ist noch weit offen", meint er.

Von Kate Greene; Ăśbersetzung: Ben Schwan. (wst)