Rätselraten über Ausbreitung der Vogelgrippe

Selten waren sich Mediziner, Epidemiologen, Tierärzte und Physiker so einig. Vorhersagen, wie sie sich die Vogelgrippe ausbreiten wird sind zur Zeit nicht möglich.

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Von
  • Edda Grabar
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Geht nicht, gibt's nicht. Wenigstens in der Wissenschaft. Schließlich haben Forscher ein bisschen etwas von dem modernen Propheten – oder besser Visionären: Irgendwie ist immer alles irgendwann möglich. Doch diesmal? Selten waren sich Mediziner, Epidemiologen, Tierärzte und Physiker so einig. Vorhersagen, wie sie sich die Vogelgrippe ausbreiten wird? "Nein, das können wir derzeit gar nicht einschätzen", beginnt Susanne Glasmacher den Chor der Experten anzustimmen.

Für SARS, die Grippe, die Maul- und Klauenseuche, selbst für AIDS können Mediziner und Wissenschaftler Prognosen erstellen. Unter welchen Bedingungen sich die Keime unter Mann und Maus, Tier und Menschen wie schnell ausbreiten werden und wie viele überhaupt davon betroffen sein werden - Flugverkehr und globale Vernetzung inklusive. Selbst die Verbreitung der Pest im 14. Jahrhundert lässt sich dank statistischer Methoden, die sowohl Ansteckungs- und Überlebenseigenschaften der Pestbakterien als auch die Bewegung der damaligen Bevölkerung mathematisch berücksichtigen, rekonstruieren.

Bei der Vogelgrippe aber müssen die Experten passen. "Selbst wie heftig, wann oder ob überhaupt der H5N1-Virus deutsches Geflügel befallen wird, kann man nur sehr schwer abschätzen", fügt Franz Conraths, Leiter Epidemiologie am Friedrich Loeffler-Institut, dem des Bundesforschungsinstitut für Tiergesundheit, hinzu. Zu viele unkalkulierbare Faktoren und Eigenschaften, lassen die Vogelgrippe durch jedes noch so sauber gestrickte Maschennetz fallen. Erst, wenn das Virus tatsächlich eingeschleppt wurde oder sich auch zwischen Menschen überträgt stehen wieder komplexe Rechenmodelle zur Verfügung, die eine Ausbreitung sehr genau voraussagen können.

Grundsätzlich gibt es zwei Herangehensweisen, um Abzuschätzen wie sich Epidemien oder die weltumspannenden Pandemien entwickeln werden. "Die deterministische Methode lernt heute noch jeder in der Schule: Gleichungssysteme mit mehreren Unbekannten", so Conraths. Damit kann man lediglich beschreiben, was der Erreger anrichtet, wenn er einmal an einem von einer bestimmten Größe angelangt ist. Auf welchem Weg er dort ankommt, oder was für Bedingungen er dort vorfindet, um sich weiter auszubreiten, ließe sich so nicht vorhersagen, erklärt Conraths. Dafür haben Mathematiker die stochastische Modelle entwickelt. Sie berücksichtigen Zufallsfaktoren gleich mit.

Aber von denen gebe es bei der Vogelgrippe eben viel zu viele, "und dann landet man bei Kalkulationen, die überspitzt gesagt zwischen 0 und 100 Prozent liegen", so Conraths und erinnert an die Prognosen, mit denen das BSE-Risiko bei Rind und Mensch Anfang 2000 beziffert wurden. Zwischen 60 und über 100.000 Menschen sollten nach den verschiedenen Rechenexperimenten an den verseuchten Rindern in Deutschland infizieren – gröber können Schätzungen kaum sein. Doch selbst damit lagen die Statistiker falsch: Denn bislang hat sich bei niemanden das Hirn in einen löchrigen Schwamm verwandelt. Ähnlich variabel fallen die möglichen Szenarien für die Vogelgrippe aus.

Noch weiß man nicht einmal, ob überhaupt deutsches Gefieder jemals am H5N1-Virus sterben wird. Alles steht und fällt mit etwas, was kein Experte der Welt beeinflussen könnte: dem Vogelflug. Im Herbst machten sich die Tiere auf den Weg in die Sonne: Nach Afrika, Spanien Portugal, aber eben auch in die Türkei. In wenigen Wochen - Anfang März etwa - kommen sie wieder zurück. Graugänse und Kraniche, die in Südspanien und an der portugiesischen Küste überwintern, aber auch Bussarde aus Afrika, kehren über die so genannte Süd-Route nämlich Portugal Spanien wieder zurück. "Von ihnen geht kaum Gefahr aus", sagt Conraths. Denn sehr lange Strecken würden infizierte Tiere nicht überleben und im südwestlichen Europa gibt es bisher keine bekannten Vogelgrippe-Fälle.