Rätselraten über Ausbreitung der Vogelgrippe
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Anders sieht es mit der Ostroute aus: Der Weg von Rotmilanen, Graugänsen aus der Türkei, oder Weißstörchen führt direkt über die Länder hinweg, in den das Virus den Geflügelbestand bereits dezimierte: Die Türkei, Kroatien und Rumänien. "Die können sich natürlich bei kranken Tieren anstecken"; sagt Conraths. Aber auch das hänge wiederum von weiteren Faktoren ab. Vogeltyp, die Wetterlage, Länge der Aufenthalten in bereits betroffenen Gebieten, Anzahl der infizierten Tiere, die bis über die Grenze kommen. "Störche und andere Segler mit großer Flügelspannweite, können nur bei Tag fliegen", erklärt der Tierarzt aus Wusterhausen. Sie benötigen die Wetterverhältnisse bei Tag, um sich Richtung Nordeuropa tragen zu lassen. Trotzdem würden sie möglichst schnell zu ihren angestammten Brutplätzen zurückkehren und nur kurze Pausen einlegen, schätzen Experten. Das verringert das Risiko einer eingeschleppten H5N1-Infektion.
"Anders sieht es wieder aus, wenn die Tiere auf Schlechtwetterfronten stoßen", so Conraths. Dann würden Schwalben, die gewöhnlich über Sizilien und Italien nach Deutschland kommen, unter Umständen einen Umweg über Rumänien in Kauf nehmen. Die Aufenthalte in den betroffenen Ländern würden sich verlängern. Und überhaupt müssten aktive flatternde Vögel viel häufiger rasten, als ihre großen Brüder und Schwestern. "All diese Faktoren lassen maximal Denkmodelle über mögliche Ausbreitungswege zu, aber keine genauen mathematischen Prognosen", fasst er zusammen. Einzig in Österreich wurden Risikozonen festgelegt. "Weil sich durch die geografische Lage abschätzen lässt, wo die Tiere sich niederlassen werden", erklärt ein Sprecher aus dem österreichischen Bundesministerium für Landwirtschaft. Lediglich der Neusiedler- und der Bodensee, sowie einige kleinere Gewässer in der Landesmitte, seien Aufenthaltsplätze für Zugvögel. Die schon im Herbst verordnete Stallpflicht für Geflügel, gilt in Österreich nur in diesen Gebieten.
Doch wenn das Virus erstmal in Deutschland ist – dann greifen Ausbreitungsmodelle wieder. Dann gibt es viel weniger Zufälle, die eintreten können, um vorher zu sagen, wie viel des Federviehs dahingerafft wird. Auch wenn sich das Virus mutiert und Menschen untereinander infiziert, könnten mathematische Formel den Hergang der Seuche sehr gründlich erfassen. "Das hängt vom Reproduktionsintervall des Erregers und seinem Infektionspotential ab", sagt Klaus Stöhr, Chef des Influenza-Programms der Weltgesundheitsorganisation. Bei einer gewöhnlichen Grippe gehe bis zu einem bestimmten Zeitpunkt von zwei bis drei Ansteckungen pro Erkrankten aus.
Wie schnell sich Viren heute ausbreiten können, hat spätestens die Lungenkrankheit SARS (Severe Acute Respiratory Syndrom) gezeigt. Denn nicht nur wer in welcher Zeit wie viele Menschen ansteckt, zeichnet die Infektionsroute aus. Sondern vor allem, wo sie ausbricht und wie die Menschen dort leben. Dank der globaler Vernetzung können sich Krankheitskeime heute rasend schnell über die ganze Welt ausbreiten. Flugzeuge transportieren Viren genauso schnell und sicher zu neuen Plätzen, wie ihre Träger. "Die Hongkong-Grippe aus dem Jahr 1957 hat noch sechs Monate benötigt bis sich der Virus auf allen sieben Kontinenten auszubreitete", so Stöhr, "heute benötigen die Erreger weniger als die Hälfte der Zeit", fügt er hinzu. Und weiter sechs Wochen in jedem Land eines Kontinents aufzutauchen.
Dirk Brockmann vom Max Planck Institut für Dynamik und Selbstorganisation hat gemeinsam mit seinen Kollegen ein Computermodell entwickelt, dass Geschäfts- und Urlaubsreisen in die "Flugroute" der Viren mit einbezieht. In diesem Simulator sind nicht nur das Verbreitungsverhalten, die so genannten Diffusionsprozesse, zwischen einzelnen Personen erfasst. Vielmehr haben die Wissenschaftler auch 95 Prozent des weltweiten Flugverkehrs erfasst, um das Wanderverhalten möglichst genau zu voraus sagen zu können. "Denn das Reiseverhalten der Menschen entspricht ziemlich genau der Infektionsdynamik", so Brockmann. Bei SARS konnten sie nicht nur die Ausbreitung genau rekonstruieren, sondern auch vorhersagen, welchen Erfolg potenzielle Impf- und Kontrollstrategien haben würden. Und käme es tatsächlich zum Supergau und das gefährlich Vogelgrippe-Virus H5N1 passt sich an den Menschen an, sei man in der Lage die weitere Verbreitung schnell vorauszusagen und würde den Regierungen und Gesundheitsorganisationen einen kleinen Vorsprung verschaffen, um Notfallmaßnahmen einzuleiten. Für die Vögelzüge eignet sich das Modell allerdings nicht.
Derzeit aber geht es noch darum, das europäische Federvieh vor dem verheerenden Virus zu schützen. "Die Niederländer haben noch vor drei Jahren noch vorgemacht, dass es möglich ist"; sagt Stöhr. Damals grassierte ein andere gefährlicher Vogelgrippe-Virus unter dem Geflügel im Nachbarstaat. Alle kranken, verdächtigen Tiere wurden schnellstmöglich geschlachtet. "Etwa ein Viertel das gesamten niederländischen Bestandes", so Stöhr. Ob jedoch auch in der Türkei und in Rumänien so rigoros gegen den Erreger vorgegangen wird, bezweifelt auch Stöhr. Und schließt sich ebenfalls Susanne Glasmacher an: "Bei Tierseuchen landet man in einer Sackgasse. Man kann sie einfach nicht erfassen."
Von Edda Grabar (wst)