Keine Hinweise auf atomares Waffenprogramm

Interview mit Götz Neuneck, Physiker, Mathematiker und Leiter der interdisziplinäre Forschungsgruppe Abrüstung, Rüstungskontrolle und Risikotechnologien an der Universität Hamburg.

vorlesen Druckansicht
Lesezeit: 8 Min.
Inhaltsverzeichnis

Der Physiker und Mathematiker Götz Neuneck leitet am Institut für Friedensforschung und Sicherheitspolitik (IFSH) der Universität Hamburg die interdisziplinäre Forschungsgruppe Abrüstung, Rüstungskontrolle und Risikotechnologien. Technology Review wollte vom langjährigen Vorsitzenden der Arbeitsgruppe "Physik und Abrüstung" der Deutschen Physikalischen Gesellschaft wissen, wie hoch es das Risiko einschätzt, dass der Iran Atomwaffen entwickelt.

TR: Herr Neuneck, gestern ist eine Meldung durch die Medien gelaufen, in der es hieß, der Iran könne nach Erkenntnissen des BND innerhalb einiger Monate Atomwaffen bauen. Sie beschäftigen sich nun schon sehr lange mit den Zusammenhängen zwischen Physik, Technologie und Rüstung. Wie schätzen Sie diese Gefahr ein? Und welche Technologie ist überhaupt notwendig, damit ein Land eine Atombombe bauen kann?

Götz Neuneck: Im Wesentlichen gibt es zwei Pfade. Das eine ist die Anreicherung von Uran, bis hin zur Produktion von hochangereichertem Uran. Der zweite Weg ist die Erzeugung von Plutionium – Plutonium fällt ja zum Beispiel an, beim Betrieb von Atomreaktoren, aber für den Bombenbau geht es um waffenfähiges Plutonium. Der dritte, wichtige Schritt – wenn man das waffenfähige Material hat – ist das entsprechende Design, beziehungsweise die Konstruktion eines Nuklearsprengköpers.

Der Iran selbst verhandelte bis vor kurzem mit den Europäern insbesondere über die Urananreicherung. Das ist quasi das Schlüsselproblem. Wobei man sagen muss, dass beim Aufbau der erstmal zivil geplanten atomaren Infrastruktur im Iran eben auch beispielsweise ein Schwerwasserreaktor entwickelt werden kann.

Die Meldungen, der BND sähe eine Möglichkeit, dass der Iran wesentlich schneller als in der von anderen Geheimdiensten auf fünf Jahre geschätzten Zeit Atomwaffen entwickeln könne, müsste der BND substanziieren. Aus den Pressemitteilungen habe ich entnommen, dass man Satellitenfotos gezeigt hat. Aus den Satellitenfotos kann man nicht entnehmen, wie weit ein Land tatsächlich ist. Bisher gibt es keine Hinweise, dass der Iran ein von der zivilen Nutzung unabhängiges atomares Waffenprogramm hat. Wenn Agenturen zu der Erkenntnis gelangt sind, dass es da mehr Aktivitäten – auch geheime – Anlagen und insbesondere Schlüsselaktivitäten gibt, dann ist es meiner Auffassung nach die Pflicht dieser Behörden, damit auch an die Öffentlichkeit zu treten. Ich verweise darauf, dass insbesondere die westlichen Geheimdienste sich in den letzten Jahren einige male schwer geirrt haben: Stichwort Massenvernichtungswaffen im Irak, Stichwort mobile Bio-Labore.

TR: Warum ist ein Schwerwassser-Reaktor bedenklich?

Neuneck: Der Schwerwasser-Reaktor, den der Iran bauen will, dient in erster Linie der Herstellung von Isotopen für medizinische oder industrielle Zwecke. Das Problem ist, dass die Brennstäbe – so sie denn existieren zu diesem Zeitpunkt – relativ kurz im Reaktor bleiben und dass Plutionium entsteht. Also hätte der Iran auch die Möglichkeit Plutonium zu erzeugen. Was der zweite Weg zur Herstellung einer Nuklearbombe ist.

TR: Nun ist die Technologie der Atombombe an sich nicht neu, sondern gute fünfzig Jahre alt. Worin liegt also die besondere Schwierigkeit, heutzutage eine Atombombe zu bauen? Seit Jahren geistert ja auch die Legende durch die Gegend, man könne Pläne zum Bau der Bombe aus dem Internet bekommen.

Neuneck: Ja, das geistert. Ich habe bisher im Internet aber noch kein reales Design einer Atombombe gesehen. Es ist sicherlich richtig, dass die prinzipiellen physikalischen Bedingungen fĂĽr den Bau einer Atombombe bekannt sind. Die ingenieurwissenschaftlichen Details, insbesondere das Design der Bombe, sind aber nicht bekannt.

Dennoch kann man natürlich auf Grund von Forschungen relativ gut zurückschließen sehen, wie ein Atomsprengkopf aussehen könnte. Man muss aber auch sehen, dass es da viele verschiedene Möglichkeiten gibt. Es ist relativ einfach, mit waffenfähigem Material eine nukleare Kettenreaktion auszulösen. Das ist aber noch keine militärisch verwendbare Atombombe.

Die Technologie der Urananreicherung ist aber eine zivile Technologie, die von Konzernen wie Urenco beispielsweise betrieben wird. Und man muss darauf verweisen, dass der Vater der pakistanischen Bombe, Abdul Qadir Khan, diese Pläne praktisch entwendet hat. Und aufgrund dieser Kenntnisse – in diesem Fall über Gaszentrifugen – das pakistanische Atomwaffenprogramm aufgebaut hat.