"Das Gesamtbild des Klimawandels wird immer alarmierender"
Tim Flannery, australischer Biologe und Umweltexperte , Autor des neu erschienen Buches "Wir Wettermacher", im Interview mit TR über seinen Wandel vom Skeptiker zum Mahner und die fragwürdigen Positionen der Kioto-Gegner.
- Niels Boeing
Der australische Biologe Tim Flannery veröffentlicht heute sein Buch "Wir Wettermacher" in Deutschland. In Australien, das das Klimaschutzprotokoll von Kioto bislang noch nicht unterzeichnet hat, macht er sich seit längerem für eine aktive Klimaschutzpolitik stark. Er berät die australische Regierung in Umweltfragen und ist Principal Research Scientist am Australian Museum in Sidney.
TR: Herr Flannery, wie kommt es, dass Sie als Biologe ein Buch über den Klimawandel geschrieben haben?
Tim Flannery: Als studierter Biologe habe ich mich von einem historischen Standpunkt schon immer für das Erdklima interessiert. Denn es ist eine der treibenden Kräfte der Evolution. Als ich vor fünf Jahren von der australischen Regierung zum Vorsitzenden eines Beratungsgremiums zu Wissenschaft und Umwelt ernannt wurde, begann ich die wissenschaftliche Literatur genauer zu studieren. Was ich in den wissenschaftlichen Journalen fand, war alarmierend. Dabei war die öffentliche Wahrnehmung des Klimaproblems in Australien damals nicht sehr ausgeprägt. Also beschloss ich vor zwei Jahren, dass ich ein Buch schreiben muss, um der Öffentlichkeit Informationen zu liefern.
TR: Wie schlimm ist der gegenwärtige Klimawandel?
Tim Flannery: Vor fünf Jahren war ich eher skeptisch. Doch dann begann ich, die Klimaveränderungen, die ich in meiner Arbeit als Biologe beobachtet hatte, angesichts der wissenschaftlichen Befunde neu zu bewerten. Ich war nach kurzer Zeit überzeugt davon, dass der Klimawandel das größte Problem ist, mit dem die Menschheit heute konfrontiert ist. Die Klimaforschung, die belegt, dass der Wandel real ist und wir die Verursacher sind, ist ziemlich solide. Die Computermodelle zeigen, dass sich die globale Erwärmung in der Zukunft sogar beschleunigen wird. Und es gibt verdammt viele Studien, die die Folgen darlegen. Es herrscht zwar eine gewisse Unsicherheit über die Details, aber das Gesamtbild wird immer klarer – und alarmierender.
TR: Wie beurteilen Sie die so genannte Kontroverse, ob der Klimawandel vom Menschen verursacht ist oder nicht?
Tim Flannery: Ich war anfangs deshalb skeptisch, weil es in der Vergangenheit immer wieder Perioden des Klimawandels gegeben hatte. Doch mir war da nicht klar gewesen, in welchem Ausmaß und wie rasch der gegenwärtige Klimawandel sich vollzieht. In Australien und den USA gibt es nur eine Handvoll Skeptiker. Einige sind tatsächlich Forscher, die in der einen oder anderen wissenschaftlichen Frage anderer Meinung sind. Die andere Gruppe wird von der Industrie bezahlt, um die Öffentlichkeit irre zu führen. Das Ganze ähnelt ziemlich der Situation, die wir vor 20 Jahren mit der Tabakindustrie hatten.
TR: Einige Wissenschaftler wie Hans von Storch bemängeln aber, dass die Klimaforscher politische Aussagen treffen, die über Forschungsergebnisse hinausgehen.
Tim Flannery: Es besteht tatsächlich die Gefahr, dass einige zu politisch werden. Besonders problematisch ist es, wenn Forscher die Daten zu großzügig interpretieren. Manchmal stellen sie ihre Ergebnisse auch zu populärwissenschaftlich dar, indem sie die Unsicherheiten und die Komplexität mancher Fragen ausblenden.
TR: Ist der IPCC, der Klimaforschungsbeirat der Vereinten Nationen, zu weit in seinen Schlussfolgerungen über den menschgemachten Klimawandel gegangen?
Tim Flannery: Ich glaube, der IPCC ist nicht weit genug gegangen. Er hat etwa 400 Mitglieder. Die mussten sich beim Verfassen der Schlussberichte auf jedes Wort einigen. Aber so bekommen Sie nicht sehr gute, sondern nur mäßige Wissenschaft, eine Art kleinsten gemeinsamen Nenner. Ein Regierungsvertreter des Erdöl fördernden Saudi-Arabien kann beispielsweise die Ergebnisse verwässern, indem er sich einfach weigert, bestimmte Formulierungen zu akzeptieren.
TR: Wie beurteilen Sie die Debatte um die Hockeyschläger-Kurve? Die zeigt eine überdurchschnittliche Erwärmung in den letzten Jahrzehnten gegenüber den vergangenen Jahrhunderten, ihre Datengrundlage wurde aber 2004 in Frage gestellt.
Tim Flannery: Die Hockeyschläger-Kurve war der erste Versuch, den Verlauf der Durchschnittstemperaturen auf der nördlichen Erdhalbkugel über die vergangenen tausend Jahre nachzuzeichnen und Projektionen für den weiteren Temperaturverlauf im 21. Jahrhunderts zu machen. Im Rückblick sehen wir, dass sie nicht perfekt war. Weil sie vom IPCC veröffentlicht wurde, ist sie sehr bekannt geworden. Das wichtigste an ihr ist meines Erachtens aber die Projektion, und über die ist nicht gestritten worden.
TR: Was halten Sie vom Kopenhagen-Konsens, den der umstrittene Umweltökonom Björn Lomborg 2004 initiiert hat? Danach ist der globale Klimawandel nur ein zweitrangiges Problem.
Tim Flannery: So wie ich Lomborg verstehe, hält er den Klimawandel schon für ein ernstes Problem, nur glaubt er, dass es zu schwierig zu lösen ist. Nach meinen Studien glaube ich hingegen, dass der Klimawandel andere Probleme verstärken wird. Trinkwasserverknappung zum Beispiel kann man nicht isoliert betrachten, ebenso gesundheitliche Probleme. Der Klimawandel liegt vielem zugrunde, so dass wir ihn angehen müssen. Deshalb glaube ich, dass Lomborg die falschen Prioritäten gesetzt hat.
TR: Welche Instrumente des Klimaschutzes befürworten Sie denn?
Tim Flannery: Ich bin kein Wirtschaftsexperte. Das Kioto-Protokoll hat sicher viele Fehler, aber es ist das einzige internationale Instrumente, das wir haben. Der Ökonom William Nordhaus hat kürzlich eine Kohlendioxid-Steuer vorgeschlagen. Für eine Reduzierung der Kohlendioxid-Emission scheint die sehr wirksam zu sein. Irgendwann wird das Kioto-Protokoll deshalb wohl angepasst werden und statt des Handels mit Emissionsrechten eine Kohlendioxid-Steuer vorsehen.
TR: Wie optimistisch sind Sie, dass die internationale Staatengemeinschaft am Ende doch an einem Strang ziehen wird? Die USA und Australien haben kürzlich eine eigene Initiative gestartet.
Tim Flannery: Dieser parallele Klimaschutzprozess ist ein hoffnungsloses Unterfangen. Die Treffen fanden hinter verschlossenen Türen statt, mit ein paar Vertretern aus Industrie, Forschung und Regierungen. Nicht nur der EU wurde der Beobachter-Status verweigert, auch den Klimaexperten der australischen Bundesstaaten! Diese parallele Initiative kann keinen Klimaschutzplan haben, wenn sie keinen Zeitplan, keine Ziele und wenig Forschungsgelder vorsieht. Es ist klar, dass Australien das Kiotoprotokoll am Ende akzeptieren muss. Es gibt keine Alternative. Politischer Druck ist deshalb ganz wichtig, und mein Buch hatte in Australien bereits eine gewisse Wirkung.
TR: Glauben Sie, dass die irdische Biosphäre sich besser an den Klimawandel anpassen kann?
Tim Flannery: Fossilien aus Perioden mit einer raschen Klimaveränderungen zeigen, dass diese mit massenhaftem Artensterben einhergingen. Es kam zu einem Verlust der biologischen Produktivität, und der Erholungsprozess ging langsam vonstatten. Aber ich glaube, dass die menschliche Zivilisation verwundbarer ist als die Biosphäre insgesamt. (wst)