Steve Jobs Vermächtnis?

Die Ankündigung, dass Apple das Konkurrenzbetriebssystem Windows ab sofort offiziell auf seine Intel-Macs zulässt, schlug ein, wie eine Bombe. Doch das könnte nur der erste Teil eines wesentlich größeren Plans sein.

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Die Nachricht schlug ein wie eine Bombe: Nach wochenlangen Internet-Basteleien, bei denen Hacker versuchten, Windows auf den nagelneuen Intel-Mac-Maschinen zu installieren, kommt Hersteller Apple nun selbst mit einer technischen Lösung.

Mac-Fans in aller Welt dachten an einen verspäteten Aprilscherz, als die Schlagzeile über den Ticker ging, Apple stelle seine Technik "Boot Camp" gratis zur Verfügung. Denn: Seit Mittwoch kann jeder, der es möchte, Intel-Macs auch mit Windows XP betreiben – ganz offiziell. Einzig eine Originalversion des Microsoft-Betriebssystems wird benötigt, umgeschaltet wird bei jedem Neustart.

Apple beweist damit, dass der Anbieter keinerlei Angst vor der Windows-Marktmacht hat. Ganz im Gegenteil, die Windows-Fähigkeiten sollen als weiteres Argument dafür herhalten, warum es sich lohnt, die wohldurchdachte Apple-Hardware zu kaufen. Eine Maschine, die alles kann: Das elegante und sichere Mac OS X und das für Computerspiele und mancherlei Nur-Windows-Anwendungen noch notwendige Microsoft-System.

Will Apple damit zu einem neuen Dell werden, ein weiterer PC-Hersteller, der sich nur durch das Design seiner Geräte unterscheidet? Keineswegs. Windows werde weiterhin offiziell nicht unterstützt, sagte Apple-Marketingchef Phil Schiller, "wir denken nur, dass "Boot Camp" es für Windows-Anwender noch verlockender machen wird, auf den Mac zu wechseln." Apple habe weder den Wunsch noch die Absicht, Windows zu verkaufen oder offiziell zu unterstützen.

Was Schiller nicht verrät: "Boot Camp" ist, so meinen zumindest Silicon-Valley-Insider, nur ein weiterer Schritt in einer Strategie, die die PC-Branche revolutionieren könnte. Robert X. Cringely, der renommierte IT-Kolumnist, glaubte bereits im vergangenen Sommer daran, dass sich Apple mit Intel zusammentun werde, um Microsoft zu attackieren. Seit der Mac-Hersteller offiziell Rechner mit Intel-Chips verkauft, rückt dieses Szenario näher.

Doch warum sollte Jobs Microsoft angreifen wollen, wenn es seiner Firma dank dem Megahit iPod und ansteigender Mac-Verkäufe so gut geht, wie noch nie? Die Antwort ist so größenwahnsinnig wie bescheiden: Jobs hatte vor gut zwei Jahren eine Erleuchtung. Damals war er an Bauchspeicheldrüsenkrebs erkrankt und sprang dem Tod nur um ein Haar von der Schippe. Dass Jobs fest daran glaubt, der Tod, dem niemand von uns entgehen kann, sei der größte Motivator des Menschen, kommt erschwerend hinzu.

Folgt man dieser Argumentation, wird schnell logisch, dass Jobs Microsoft erneut angreifen will – immerhin gilt es, eine Schande aus den Achtzigerjahren wieder wettzumachen (Mac vs. PC), die geknechtete Windows-Nutzerschaft – mit all ihren Viren, Würmern und Bedienproblemen – zu befreien und damit der Menschheit etwas Gutes zu tun. Und genau das könnte in der Heilslehre des Steve Jobs sein Vermächtnis sein.

Der Wechsel auf Prozessoren des Chip-Giganten Intel wäre dabei nur Schritt eins. Schritt zwei ist die nun erfolgte technische Lösung, Windows auf Macs zu holen, sodass diese das Microsoft-Betriebssystem quasi nebenher ablaufen lassen. Über die weiteren Schritte lässt sich nur spekulieren – doch der erste dürfte sein, Windows direkt innerhalb von Mac OS X ablaufen zu lassen. Virtualisierungstechnik würde dies möglich machen – und letzte Argumente, Mac OS X nicht als Hauptbetriebssystem einzusetzen, vom Tisch wischen.

Zu guter Letzt, und das wäre die dickste hier vorzutragende Spekulation, könnte Apple Mac OS X auch frei an PC-Besitzer verkaufen und nicht mehr an Mac-Hardware koppeln. Und genau zu diesem Zeitpunkt wäre dann die direkte Konkurrenz zu Microsoft da. Dass die Bill-Gates-Firma mit ihrem ständig verschobenen Windows Vista auf der Software-Seite stark schwächelt, käme Apple dabei hervorragend zupass.

Ben Schwan beobachtet die Mac- und IT-Szene seit ĂĽber 12 Jahren und ist Herausgeber des digitalen Mac-Wochenmagazins metamac magazin. (wst)