"...dass alles ständig hinterfragt wird"

In den 80er Jahren hat die Chaosforschung mit psychedelischen Computergrafiken die Ă–ffentlichkeit geradezu elektrisiert. Was ist ĂĽbrig geblieben vom Hype um die Pop-Mathematik? Eine ganze Menge, sagt der Mathematiker Heinz-Otto Peitgen.

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Früher ist er, zur Freude der Journalisten, auch schon mal in schwerer Lederkluft auf der Harley-Davidson vorgefahren. Mit psychedelischen Computergrafiken hat der Mathematiker Heinz-Otto Peitgen die Chaosforschung populär gemacht. Heute trägt er Anzug und Krawatte und leitet ein Institut, das Software für die medizinische Diagnostik entwickelt. Doch der distinguierte Herr mit der sanften Stimme bleibt dem Chaos treu.

TR: Sie haben in Ihren Büchern geschrieben, dass die Chaosforschung die Wissenschaft grundsätzlich geändert hat. War das mehr als ein Hype? Was ist dauerhaft übrig geblieben von der Chaosforschung?

Peitgen: Die Vorstellung von Chaosforschung, die Ihrer Frage zugrunde liegt, ist wahrscheinlich: Da entsteht ein neues Gebiet. Und dieses neue Gebiet gewinnt an Eigenständigkeit, und diese Eigenständigkeit wächst und wächst und wächst, so wie bei der Elektrodynamik oder der Quantenphysik. Das war nie so. Chaosforschung ist ein Querschnittsthema.

TR: Das heiĂźt?

Die Methoden, die die Chaosforschung zur Verfügung stellt, haben für viele Gebiete der Wissenschaft eine Bedeutung. Das hört sich jetzt an, als würde ich das nachträglich schönreden wollen. Aber das Ziel der Chaosforschung war zu verstehen, warum in Gegenwart von streng gültigen Gesetzmäßigkeiten manchmal die Möglichkeit der Prognose extrem gut gegeben ist und dann wieder überhaupt nicht. Also der Umgang mit Instabilität. Der Umgang mit Sensitivität. Das Wechselspiel von Zufall und Notwendigkeit. Das sind Querschnittsthemen. Die gelten genauso in der Geophysik wie in der Elektrodynamik, wie in der Astronomie, wie in der Ökologie. Oder das große System der Wetterbildung. Oder das viel spannendere Thema der Klimatologie.

TR:Ein viel zitiertes Ergebnis der Chaosforschung war, die Wettervorhersage sei ĂĽber einen Zeitraum von mehr als fĂĽnf Tagen eigentlich nicht wirklich machbar. Mittlerweile ist man bei acht Tagen.

Die große Frage ist, was ist eine Vorhersage? Also, wenn ich zum Beispiel die Vorhersage mache, in fünf Tagen ist das Wetter hier in Bremen, und zwar an dieser Stelle, wo wir heute sitzen, folgendermaßen: Um 12.00 Uhr mittags ist die gemessene Temperatur 13,5 Grad, die Windgeschwindigkeit ist acht Stundenkilometer aus Süd-Südwest, und die Luftfeuchtigkeit beträgt 13,7 Prozent. Wenn Sie das unter Wettervorhersage meinen, dann ist es völlig klar, dass das danebengehen wird. Oder anders ausgedrückt, die Wetterfrösche haben gelernt, unscharfe Vorhersagen zu machen.

TR:Die Wetterfrösche schummeln also absichtlich?

Die Aussagen sind nur unscharf – und zwar so, dass man natürlich schon im Rahmen des Zufalls eine gewisse Trefferquote hat. Und jetzt machen wir einmal eins der gemeinsten Experimente gegen die Meteorologie, das man machen kann. Ich habe hier einen schwarzen Kasten auf dem Tisch stehen, das ist mein Wettercomputer. Und ich sage Ihnen, dieser Wettercomputer kann das Wetter von morgen mit 65 Prozent Treffergenauigkeit vorhersagen. Ist das ein guter Computer, ja oder nein? Schreiben Sie bitte auf, wie das Wetter jetzt ist – auf einen Zettel. Ich mache den Kasten auf, und Sie geben den Zettel da rein, und jetzt rechnet der Computer. Ich nehme den Zettel heraus, und das Einzige, was ich mit dem Zettel mache,ist, ich ändere das Datum von heute auf das Datum von morgen. Das heißt, dieser Computer beruht auf der Annahme, dass das Wetter von morgen genauso ist wie das Wetter von heute.

Damit haben Sie schon 65 Prozent richtige Vorhersagen. Die numerischen Gleichungen, die das Wetter genauestens beschreiben, haben das Phänomen Chaos in sich. Daran besteht kein Zweifel. Und das heißt, dass unter gewissen Bedingungen bei sehr guter Beobachtung die Vorhersage in die Zukunft über ein paar Tage sehr robust ist und dass unter gewissen anderen Randbedingungen die Vorhersage für ein paar Tage so ist, als hätte man gewürfelt.

TR:Lässt sich denn das Klima modellieren?

Jetzt reden wir von Glaubenssachen. Es gibt Leute, die glauben – und viele von denen sitzen in hoch bezahlten Positionen in sehr bedeutenden Forschungszentren –, dass man das Klima modellieren kann. Ich zähle zu denen, die das nicht glauben.

Ich halte es für möglich, dass sich die mittlere Erwärmung der Ozeane in 50 Jahren mit einem bestimmten Fehler vorausberechnen lässt. Aber welche Wirkungen das auf das Klima hat, das ist eine ganz andere Geschichte.

TR:In den 80er Jahren gab es wilde Spekulationen, dass sich zum Beispiel das Verhalten der Börsenkurse mit Hilfe der Chaostheorie entschlüsseln lässt. Halten Sie das nach wie vor für möglich?

Ja und nein. Die Vorstellung, dass sich der Kurs einer Aktie für die Zukunft vorhersagen lässt, ist ebenso absurd wie die Vorstellung, man könne des Wetter vorhersagen. Das war immer absurd und ist auch so absurd geblieben. Daran hat sich nichts geändert, und keiner, der damals im Bereich der Chaosforschung tätig war, hat daran geglaubt und schon gar nicht daran gearbeitet. Leider, leider, leider gehört eine der großen Blödheiten auf dem Gebiet dazu, dass man darüber gesprochen – und jetzt komme ich zu dem zweiten Teil – und nicht aufgepasst hat, was man gesagt hat. Manche Dinge stehen eben auf der Spitze, und wenn man nicht aufpasst, kippen sie auf die falsche Seite.