"Jetzt sagen wir nicht mal mehr PC"

Christine Riley, Leiterin des People and Practices Research Lab von Intel, im Interview mit Technology Review über die soziale Dimension von Technik, den unterschiedlichen Blick von Usern respektive Ingenieuren und das Problem der Informationsüberflutung.

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Inhaltsverzeichnis

Christine Riley ist Leiterin des People and Practices Research Lab von Intel. Bevor die Psychologin zu Intel kam, arbeitete sie 18 Jahre lang in der Telekommunikationsindustrie. Technology Review sprach mit Riley über den Einfluss ihrer bunten Truppe auf die Produktstrategie des Chipgiganten Intel.

TR: Sie haben sich selbst als Geisteswissenschaftlerin bezeichnet – eine Geisteswissenschaftlerin bei Intel ist doch mindestens ein wenig exotisch. Was tun Sie unter all diesen Geeks?

Christine Riley: Von der Ausbildung her bin ich Psychologin. Und um ehrlich zu sein, ich bin seit 30 Jahren in der IT-Industrie – also bin ich in an diese Kultur gewöhnt. Wir haben eine interdisziplinäre Gruppe von Gesellschaftswissenschaftlern bei Intel: Psychologen, Anthropologen, Kommunikationswissenschaftler, Soziologen und so weiter. Wir konzentrieren uns auf die menschliche Seite, die mit dem Gebrauch von Technologie verbunden ist, und – was vielleicht noch wichtiger ist – wir versuchen zu verstehen, was den Menschen wirklich wichtig ist, was sie schätzen. Wir tun das, um Möglichkeiten zu entdecken, die gewöhnliche Marktforschung nicht entdecken kann.

TR: Können Sie mir ein Beispiel geben?

Christine Riley: Sicher! Im Wesentlichen geht es darum, dass die Leute nicht nach etwas fragen, das sie sich noch gar nicht vorstellen können. Vor über zehn Jahren beispielsweise haben wir uns die Computernutzung in durchschnittlichen amerikanischen Mittelklasse-Haushalten angesehen. Diese Nutzung war immer noch sehr – sagen wir mal – bürozentriert. Und wenn wir die Leute gefragt haben, was die Maschine in Zukunft können sollte, haben sie von Ausbildung gesprochen, möglicherweise auch von Unterhaltung. Aber die Antworten waren immer noch sehr stark von der Idee des PC bestimmt: Dieser Kasten, der da auf dem Schreibtisch steht.

Wir haben uns die typischen Aktivitäten im Haushalt angeschaut und uns überlegt, wie könnte Technologie da reinpassen. Viele der Ideen, die wir damals hatte, waren zu der Zeit nur ein Fake – jetzt sind sind sie real. Wir haben uns beispielsweise überlegt, wie es wäre, wenn man eine Art Tablet-PC hätte, und zur selben Zeit auf der Couch sitzen könnte. Man könnte die E-Mail durchsehen und gleichzeitig mit den Kindern interagieren. Es ist nicht schwierig zu verstehen, wenn man es auf diese Weise betrachtet: Die Leute finden soziale Interaktion wichtig, das Zusammensein, und sie sind in der Lage, mehrere Dinge gleichzeitig zu tun – während es auf der anderen Seite eine Art antisoziales Verhalten ist, sich in seiner Höhle vor dem PC zu verkriechen. Wie kann man also Technologie schaffen, die zu solchen Verhaltensmustern passt?

Aber wenn man die Leute gefragt hätte, hätten sie nicht gesagt: Ich möchte Technik, die es mir ermöglicht, meine Arbeit zu erledigen und gleichzeitig mit meiner Familie zusammen zu sein. Was das dann für ein Unternehmen wie Intel bedeutet hat, war – und ich erzähle diese alte Geschichte, weil es heutzutage sehr viel schwieriger zu sehen ist, was letztendlich dabei herauskommt –, dass wir gesagt haben: Die Leute wollen nicht zur Technologie hingehen, sie wollen, dass die Technologie zu ihnen kommt. Und ein notwendige Bedingung dafür ist eine allgegenwärtige drahtlose Verbindungstechnologie. Wissen Sie, wir saßen zwar mitten unter den anderen, galten aber als ziemlich weit draußen. Aber in einer Art Partnerschaft mit den Kollegen von der Abteilung Communications Technolgy haben wir argumentiert: Wirklich einfach verwendbare, kostengünstige Kommunikationstechnologie, drahtlose Vernetzung; das würde eine Menge Gebrauchsszenarien ermöglichen – die wir ja heute sehen.

Ein anderes Beispiel, wo wir Dinge möglich machen, ganz einfach indem wir die Realität normaler Menschen in die Diskussion einbringen – was übrigens mittlerweile sehr geschätzt wird – ist zu sagen: Nicht jeder sieht die Welt so, wie unsere Ingenieure die Welt sehen. Und wir müssen eine Menge unserer grundsätzlichen Annahmen über die Welt infrage stellen.

Wir haben also vor sechs Jahren angefangen, sich entwickelnde Märkte anzusehen. Wir haben dieses Projekt mit einem Community-PC – ein Kiosk-System, mit dem ein Dorf online gehen kann. Und es gab eine Menge Annahmen über die Schwierigkeiten, die es machen würde, dafür das User-Interface zu gestalten. Tasächlich ist es nicht so, dass alle hundert Menschen in einem Dorf diesen PC besitzen – der Besitzer ist ein Unternehmer. Und dieser Unternehmer bildet das User-Interface. Die Leute, die gewohnt sind, einfach an einem Keyboard zu tippen, denken nicht an so etwas. Es gibt Menschen, die bereit sind, bestimmte Rollen einzunehmen, und man muss darüber nachdenken, welche Möglichkeiten das eröffnet – die Dinge von einer anderen Perspektive aus betrachten.

TR: Kommen wir aber zurück zu westlichen Gesellschaften. Sie haben von Konnektivität gesprochen – der Möglichkeit, ständig online zu sein. Das ist heutzutage Realität. Sehen Sie eine Gefahr darin? Die Gefahr der Überladung mit zu viel Informationen?