Aus dem Ohr gesprochen
Die US-Firma Think-A-Move hat ein Headset zum Telefonieren entwickelt, in dem das Mikrofon bereits in einen Ohrstöpsel integriert ist – das perfekte Gadget für Handyliebhaber, Sicherheitspersonal und Militär.
Seit es das Telefon gibt, hat sich fast alles geändert. Es gibt kein Fräulein vom Amt mehr, keine Wählscheibe, und auch das Telefonkabel ist auf dem Rückzug. Doch eines blieb immer gleich, ob beim Klapp-Handy oder beim Handkurbel-Fernsprecher: Das Mikrofon lauscht Richtung Mund, und in Ohresnähe hat nur der Lautsprecher etwas zu suchen. Die amerikanische Firma Think-A-Move will nun auch mit dieser Tradition brechen. Sie hat einen Ohrstöpsel entwickelt, der wie bei einem herkömmlichen Headset in den Gehörgang gesteckt wird und per Bluetooth oder Kabel mit der Außenwelt kommuniziert. Nur das Mikrofon fehlt – auf den ersten Blick zumindest.
Tatsächlich haben die Ingenieure von Think-A-Move mehrere Mikrofone im Gehäuse des Ohrstöpsel untergebracht. Sie sollen vom Gehörgang aus die Sprache ihres Trägers aufnehmen. Als Vorteil nennt das US-Unternehmen die völlige Abschirmung von Hintergrundgeräuschen. Zudem sei es möglich, auch lautlos geflüsterte Äußerungen klar zu empfangen. Eine Software zum so genannten „voice morphing“ überarbeitet das Signal, so dass der Output nach Angaben von Think-A-Move-Marketingmanager Ryan Morgan so klar und natürlich wie bei einem herkömmlichen Mikrofon klingt.
Das Ohrmikrofon ist derzeit noch ein Prototyp. Laut Morgan ist das Unternehmen aber in Gesprächen mit möglichen Abnehmern oder Lizenznehmern. Der aussichtsreichste Kunde dafür ist das US-Militär, von dem Think-A-Move bereits einen Forschungszuschuss erhalten hat. Denn die gesprochene Sprache ist eines der trivialeren Dinge, die Think-A-Move aus den Gehörgängen seiner Nutzer fischt. Ein größerer Teil der Entwicklungsarbeit besteht darin, Geräte über den Knopf im Ohr zu steuern. Dafür hat die Firma vier US-Patente erhalten.
Das Prinzip funktioniert folgendermaßen: Jede Bewegung der Zunge verursacht spezifische Luftdruckschwankungen im Rachen, die sich bis ins Innenohr fortsetzen und über das Trommelfell in den Gehörgang übertragen werden. Im Gehörgang sitzt ein Mikrofon von Think-A-Move, das diese Schwankungen erfasst und an einen Chip weiterleitet. Auf diesem Chip läuft eine Mustererkennungssoftware, die verschiedene Arten der Zungenbewegung auseinanderhalten kann. Das Ganze kann auch für das menschliche Ohr lautlos geschehen.
Um nun eine Verknüpfung zwischen Zungenbewegung und Befehl herzustellen, überlegt sich der Nutzer verschiedene Arten der Zungenübungen, die ihm leicht fallen und die sich möglichst stark voneinander unterscheiden. Als effektiv habe sich zum Beispiel, so Morgan, herausgestellt, die Zunge vom unteren Zahndamm nach oben an den Gaumen schnalzen zu lassen. Nun wird die Mustererkennungssoftware auf diese Bewegung trainiert. Dafür waren laut Morgan in frühen Stadien der Entwicklung 50 bis 100 Durchgänge nötig, aber mittlerweile könne es auch schon einmal mit 20 Wiederholungen funktionieren.
Mehr als vier verschiedene Zungenbewegungen sollten allerdings nicht eingegeben werden, da dann die Unterscheidbarkeit leidet. Aber durch die Kombination zweier Zeichen kann die Befehlspalette auf 16 erweitert werden. Die Zuordnung von Zungenbewegung und Befehl kann der Nutzer völlig willkürlich nach Belieben vornehmen. Das Militär reizt daran vor allem die Tatsache, dass eine einzige Technik für eine ganze Reihe von Anwendungen genutzt werden kann: Zur Kommunikation inmitten von Gefechtslärm oder bei Stille, wenn es um die Tarnung geht, sowie zur freihändigen Kontrolle von Robotern und anderen Geräten.
Am weitesten fortgeschritten ist die Anwendung zur Steuerung von elektrischen RollstĂĽhlen. Auch hierfĂĽr hat Think-A-Move einen Forschungszuschuss bekommen, dieses Mal vom National Institut of Health. Im Herbst 2005 hat Switch-It, ein Hersteller von Kontrollsystemen fĂĽr elektrische RollstĂĽhle, bekannt gegeben, die Think-A-Move-Technik einsetzen zu wollen. Die Versuche befinden sich Angaben des Unternehmens bereits in der klinischen Testphase.
Der Consumer-Markt ist Morgan zufolge noch etwas weiter entfernt: „Gerade bei den Headsets gibt es einen Riesenwettbewerb.“ Deshalb sieht er sinnvolle Anwendungen vor allem im Zusammenspiel mit Smartphones, so dass die Ohrstöpsel nicht nur als Mikrofon, sondern auch als eine Art Maus bei der Aktivierung von Gerätefunktionen eingesetzt werden können. (nbo)