"Wenn Apple in China bleibt, sollte es auf Einhaltung von Arbeitsstandards drängen"

Janek Kuczkiewicz, Direktor für den Bereich Arbeitnehmerrechte beim Internationalen Bund freier Gewerkschaften, über die Arbeitsbedingungen in der chinesischen Elektronikproduktion, die Vorwürfe gegen Apple und dessen Möglichkeiten, gegenzusteuern.

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Im Zusammenhang mit dem chinesischen Apple-Zulieferer Foxconn, der unter anderem iPods produziert, sind in den vergangenen Wochen die Arbeitsbedingungen in der Elektronikproduktion in dem Boomland in den letzten Wochen verstärkt in die Schlagzeilen geraten. Janek Kuczkiewicz, Direktor für den Bereich Arbeitnehmerrechte beim Internationalen Bund freier Gewerkschaften in Brüssel, legt den Standpunkt der Gewerkschaften dar.

Technology Review: Herr Kuczkiewicz, wie muss man sich die aktuellen Arbeitsbedingungen in den großen Technologieproduktionsstätten in China heute vorstellen? Das traditionelle "Sweatshop", in dem die Arbeiter nach Strich und Faden ausgebeutet werden, existiert nicht mehr, oder?

Janek Kuczkiewicz: Nein, ich würde sagen, dass wir es nun mit einer Art "Marken-Sweatshop-Modell" zu tun haben. Oberflächlich gesehen sind die Fabriken sauber, mit neuen Maschinen ausgestattet und mit Arbeitern, die Uniformen tragen. Dennoch ergab kürzlich eine Umfrage der chinesischen Arbeitsschutzbehörde, dass immer noch in 37,2 Prozent dieser von Ausländern mitfinanzierten Produktionsstätten unangenehme bis gefährliche Bedingungen herrschen, bei denen man sich Arbeitserkrankungen zuziehen kann. Die Kosmetik, die da in den Fabriken betrieben wird, hat also die Arbeitsbedingungen an sich nicht verbessert. Die Arbeiter in den großen Computerfabriken leben nach strikten, wenig humanen Regeln, die der Arbeitgeber aufgestellt hat - sie dürfen sich beispielsweise während der Arbeit nicht umdrehen oder woanders hinsehen. Fehler werden streng geahndet und es gibt extrem harte Produktionspläne.

TR: Was ist der Unterschied zwischen dem heutigen China und der frĂĽheren Zeit?

Kuczkiewicz: Seit den Achtzigerjahren hat es in China bekanntlich große wirtschaftliche Reformen gegeben. Die gab es unter anderem auch im Agrarsektor, wo den Marktkräften größere Freiheiten eingeräumt wurden und die traditionelle Preisregulierung dann zu Anfang des 21. Jahrhunderts ganz aufgehoben wurde.

Gleichzeitig gab es massive Privatisierungsprogramme. Staatliche Firmen gingen an den Privatsektor und neue private Firmen wurden gegründet, die in den so genannten Sonderwirtschaftszonen entstanden. Das Resultat ist, dass ungefähr 120 Millionen Menschen aus ländlichen Gegenden in die Städte getrieben wurden. Gleichzeitig verloren seit 1995 insgesamt 59 Millionen Menschen ihre Jobs in den staatlichen Betrieben - insgesamt 42,5 Prozent aller Beschäftigten. Krasse Veränderungen gab es auch im Sozialsystem. Die Staatsbetriebe sorgten früher für die Gesundheitsversorgung, die Wohnungen, die Bildung, den Mutterschutz, die Pensionen und vieles mehr. Die Privatunternehmen tun das nicht mehr. Das heißt: Selbst denjenigen, die einen neuen Job in der Wirtschaft gefunden haben, fehlen die früheren sozialen Errungenschaften.

Zwar werden in China durch die privaten Investitionen tatsächlich große Werte geschaffen und einigen geht es wesentlich besser, doch die Einkommensunterschiede haben dabei beträchtlich zu genommen. Das bedeutet, dass es immer mehr Leuten schwer fällt, über die Runden zu kommen.

TR: Wie leben und arbeiten Menschen bei einem groĂźen OEM-Hersteller wie Foxconn, der fĂĽr Apple unter anderem iPods und Rechner herstellt und in den letzten Wochen in die Schlagzeilen geriet?

Kuczkiewicz: Wir wissen, dass die Leute in diesen Fabriken im Durchschnitt 60 bis 70 Stunden pro Woche arbeiten, zusammen mit acht bis 16 weiteren Personen in Schlafsälen leben müssen und etwas mehr oder manchmal sogar weniger als den Mindestlohn verdienen, der bis auf 44 Dollar im Monat hinuntergeht. Sollten sich diese Angestellten bei der Arbeit schwerer verletzten, heißt ihr Schicksal nicht selten lebenslange Arbeitslosigkeit. Das liegt daran, dass China gleichzeitig sein Sozialsystem abgebaut hat. Viele der Angestellten arbeiten oft sehr weit weg von ihrer Familie und sehen sie nur einmal im Jahr, zum chinesischen Neujahrsfest, das auch nur ein paar Tage dauert.

TR: Das Einkommen erscheint einem aus der hiesigen Perspektive sehr, sehr niedrig, selbst wenn man es mit ehemaligen Ostblockstaaten vergleicht, in die deutsche Betriebe gerne auslagern. Wie sind solche Tarife heute noch durchsetzbar? Liegt es an der gigantischen Menge an Arbeitskräften, die in den ländlichen Gebieten Chinas warten? In anderen Regionen des Landes wiederum lebt man bekanntlich nach westlichen Standards - und braucht dafür natürlich wesentlich mehr Geld.

Kuczkiewicz: Der Vergleich mit den ost- und zentraleuropäischen Ländern passt nicht, weil diese Länder inzwischen zumeist vollständig demokratische Marktwirtschaften besitzen. Viele sind bereits EU-Mitglieder oder wollen es werden. Die Kombination dieser Faktoren hat natürlich zu einem vergleichsweise hohen Anstieg bei den Gehältern und vor allem auch beim Lebensstandard geführt.

In China sieht das ganz anders aus, wofür es einige Gründe gibt. Der erste ist ganz klar die Arbeitslosigkeit und die jährliche Wanderbewegung von rund 8 Millionen Menschen aus den ländlichen Gebieten in die Städte, um dort Arbeit zu finden. Der zweite Grund ist das gesetzliche Verbot, unabhängigen Gewerkschaften beizutreten und Gehälter damit organisiert verhandeln zu können. So gibt es einfach keine Handhabe. Dadurch, dass inländische wie ausländische Unternehmen immer billigere Preise und schnellere Lieferzeiten fordern, verbessert sich die Situation natürlich auch nicht. Und genau hier spielt auch der Endkunde seine Rolle.

Was die wachsende Ungleichheit in China anbetrifft, so stimmt das natürlich. Es gibt einige Privilegierte, die viel Geld verdient haben und verdienen - auch durch die noch immer recht weit verbreitete Korruption. Der Reichtum ist so groß, dass europäische Luxushersteller nach Shanghai kommen, um dort diesen Markt zu bedienen. Während dann das Einkommen in Shanghai bei 4500 Dollar liegt, kommen Menschen in ländlichen Gegenden unter optimalsten Umständen dann vielleicht auf 350 Dollar.

TR: Was fĂĽr Menschen arbeiten bei Foxconn und den anderen Zulieferern? Was motiviert sie?

Kuczkiewicz: Ihr Hauptmotiv ist schlicht die riesige Armut in ihren Heimatregionen. Sie sind oft jung und werden dann in entlegene Gegenden geschickt, um Geld zu verdienen, das sie dann zur Unterstützung ihrer Familien nach Hause senden können. Da geht es ganz einfach ums Überleben. Wenn der Staat kein soziales Netz mehr anbietet, haben sie keine andere Chance.

TR: Können sich diese Arbeiter die Produkte leisten, die sie herstellen?

Kuczkiewicz: Das ist eine ganz leicht zu beantwortende Frage. Wenn sie im Durchschnitt monatlich 44 Dollar verdienen und ein iPod 299 Dollar kostet, werden diese Menschen wohl kaum auf die Idee kommen, in den Laden zu gehen, um sich einen Apple-MP3-Spieler zu kaufen. Sie müssen schließlich sich und häufig große Familien versorgen.

TR: Wie gut ausgebildet sind die Arbeiter? Welche Jobs erledigen sie?

Kuczkiewicz: Man muss bedenken, dass bei einer solch hohen Arbeitslosigkeit auch die beste Bildung nicht hilft, angemessene Jobs zu finden. Firmen wie Foxconn müssen ihre Leute soweit ausbilden, dass sie die Qualität ihrer Produkte unter Kontrolle halten können.

Es kommt hingegen äußerst selten vor, dass es Bildungsmaßnahmen im nichttechnischen Bereich gibt. Die Firmen sind nicht daran interessiert, dass ihre Angestellten autonome Entscheidungen treffen.

TR: Die Elektronikproduktion ist inzwischen nahezu vollständig in den asiatischen Raum abgewandelt. Die großen Konzerne lassen ihre Produkte lieber von OEM-Zulieferern bauen. Wie funktioniert dieses Prinzip?

Kuczkiewicz: Immer mehr multinationalen Firmen gelingt es, die Distanz zwischen sich und der eigentlichen Produktion (und den Arbeitern) mehr und mehr zu vergrößern. Diese Markenhersteller nutzen rechtliche Strukturen, die es ihnen möglich machen, dass sie die Produktion ihrer Waren komplett outsourcen und dadurch nicht mehr für die Arbeitsbedingungen verantwortlich sind, unter denen die Herstellung erfolgt.

Die Firmen suchen sich also einen Mittelsmann, der die Arbeiter dann formal anstellt - und bezahlen ihn wie einen Dienstleister. Diese Mittelsmänner neigen aber auch dazu, wiederum andere Firmen zu beschäftigen. Und je länger diese Supply Chain wird, desto weniger können die Markenfirmen direkt dafür verantwortlich gemacht werden, wenn es dann Umwelt- oder Arbeitsschutzprobleme gibt.

TR: Die Kundschaft scheint sich daran wenig zu stören.

Kuczkiewicz: Doch. Trotz vieler Versuche der Markenhersteller, sich zu distanzieren, merken die Kunden das durchaus - sie sind ja nicht dumm und wissen, wer da an den Hebeln sitzt. Dementsprechend kann man den Firmen schon viele unangenehme Fragen stellen. Entsprechende Kampagnen laufen bereits länger, auch mit unserer Unterstützung, bei denen die Kunden dazu gebracht werden sollen, von den Firmen Verantwortung einzufordern.

Es wäre durchaus möglich, die großen Computerhersteller dazu zu bringen, bessere Arbeitsstandards in die Verträge mit ihren chinesischen Zulieferern zu schreiben. "Codes of Conduct" müssen umgesetzt werden. Man muss den Angestellten außerdem klar machen, dass sie Rechte haben, damit sie erkennen, wann sie ausgebeutet werden.

Natürlich kann keine einzige Maßnahme im Bereich Corporate Responsibility die Bildung unabhängiger Gewerkschaften ersetzen. Dafür muss Druck auf die chinesische Regierung ausgeübt werden. Dies kann auch durch die Unterstützung der Arbeiter in China erfolgen. Die versuchen nämlich trotz aller Gefahren, sich zu organisieren. Der Internationale Bund freier Gewerkschaften und seine Mitglieder wie der DGB in Deutschland wollen ihnen dabei helfen.

TR: Würden sich die Preise für Produkte wie iPods oder Notebooks stark verteuern, wenn die Arbeitskosten höher wären?

Kuczkiewicz: Selbst wenn die Angestellten 500 Prozent mehr verdienen würden entspräche das nur einem Minianteil an dem Gewinn, den die Firmen mit diesen Elektronikprodukten einstreichen. Wer argumentiert, dass die Ausbeutung von Arbeitern in Ländern wie China gut für den Konsumenten im Westen sei, sollte einmal nachdenken. Geht dieser Trend weiter, verdienen die Arbeitnehmer bald überall auf der Welt immer weniger, was wiederum ihre Kaufkraft verringert und dann letztlich die Profite der Markenhersteller schmälert. Es geht darum, diesen Angestellten einen größeren Anteil an den massiven Gewinnen zu geben, ohne dem Endkunden weh zu tun.

TR: Wird China eines Tages "zu teuer" für die Konzerne sein, die dann in andere Länder wie Bangladesch weiterziehen?

Kuczkiewicz: Ich glaube nicht, dass China zu teuer wird. Es geht eher darum, dass andere Länder es noch unterbieten und die Kosten damit noch weiter drücken. Das passiert bereits: Firmen schauen sich nach noch leichteren Bedingungen in anderen Ländern um. Seitdem China 2001 der WTO beigetreten ist, haben gleich mehrere Länder begonnen, Ausnahmeregeln bei den Arbeitnehmerrechten zu kreieren, um "mithalten" zu können. Bangladesch verbietet beispielsweise Gewerkschaften in seinen Zonen für die Exportproduktion explizit. Die Regierungen dieser Länder wollen China offensichtlich auf dem Weg nach unten überholen, was zu mehr und mehr Druck auf die Gehälter und die Arbeitsbedingungen führt. Natürlich gibt es da noch Faktoren wie der Bildungsstand oder die aktuelle Integration der Supply Chain, die man dann umändern müsste, aber der Trend existiert bereits, beispielsweise im Textilsektor.

TR: Viele groĂźe chinesische Zulieferer werden von taiwanesischen Firmen gefĂĽhrt. Ist das gut oder schlecht?

Kuczkiewicz: Es hat weniger mit der Nationalität des Firmenbesitzers als mit der Behandlung der Arbeitnehmer zu tun. Doch in Ländern wie Taiwan sind die Kunden nicht besonders sensibilisiert, was bedeutet, dass auch kaum Druck auf die Konzerne erfolgt. Es gab außerdem Berichte, nach denen besonders Investoren aus bestimmten asiatischen Ländern wenig Respekt für die örtlichen Arbeitnehmer zeigten.

TR: Was könnte eine Firma wie Apple konkret für die Arbeitnehmer in China tun?

Kuczkiewicz: Das Grundproblem ist, dass die Konzerne glauben, sie könnten ethisch sauber Produkte aus einem Land beziehen, dessen Regierung die Menschenrechte nicht respektiert. Apple würde sich also am besten dazu entscheiden, nicht in Ländern produzieren zu lassen, die die Standards der International Labour Organisation nicht unterschrieben haben, die unter anderem die freie Gewerkschaftsbildung und Tarifverhandlungen fordern. In China haben die Arbeitnehmer kaum Möglichkeiten, legal ihre Interessen zu verteidigen.

Wenn Apple in China bleibt, sollte man sich aber zumindest in die Verträge schreiben lassen, dass die Zulieferer Arbeitsstandards einhalten. Außerdem könnte die Firma die Arbeitnehmerrepräsentation erlauben, in dem sie demokratisch gewählte Gremien in den Fabriken einsetzt. [Gemeint ist damit nicht die staatliche chinesische Gewerkschaft, die die chinesische Regierung derzeit bei Foxconn einsetzen will, Anm. d. Red.] Außerdem wichtig wäre eine medizinische Versorgung und eine Kompensation bei Arbeitsunfällen und Krankheiten. Zum Schluss wäre da noch das Pochen auf eine Erhöhung der Gehälter. Firmen wie Apple sitzen schließlich an der Spitze der Supply Chain und kontrollieren sie damit auch.

TR: Apple selbst hat kĂĽrzlich einen PrĂĽfbericht ĂĽber die Bedingungen bei Foxconn vorgelegt. Was sagen sie zu diesem?

Kuczkiewicz: Man muss sich klar werden, dass dieses "Social Auditing" inzwischen eine richtige Industrie geworden ist. Viele Zulieferer haben gelernt, welche Taktik sie anwenden müssen, um dabei durchzukommen und eine gute Bewertung zu erzielen. In vielen Fällen werden die Arbeitnehmer vorher ausführlich trainiert, was sie sagen sollen. Arbeitschutzprobleme werden kurzzeitig abgeräumt, so lange die Inspektoren da sind. Oftmals verbessern sich die Bedingungen danach kurz. Nimmt der Druck dann wieder ab, geht es ganz normal weiter. Deshalb müssen wir Gewerkschaften da immer ein Auge drauf haben. Auch die Medien müssen sich das ansehen - auf lange Sicht. (nbo)