"Wir brauchen eine grüne Elektronik"

Zeina Alhajj, Kampagnen-Managerin von Greenpeace, über die aktuelle Kampagne für einen besseren Umgang mit Computer- und Elektronik-Schrott und das Ziel einer "grünen Elektronik".

vorlesen Druckansicht 1 Kommentar lesen
Lesezeit: 11 Min.

Die Umweltschutzorganisation Greenpeace setzt sich in einer aktuellen Kampagne für einen besseren Umgang mit den gigantischen Mengen an Computer- und Elektronik-Schrott ein, die Jahr für Jahr entstehen, begleitet von einer Studie über das aktuelle Verhalten der großen Hersteller. Ziel sei eine "grüne Elektronik", bei der Gefahrstoffe erst gar nicht entstünden, wie Kampagnen-Managerin Zeina Alhajj von Greenpeace International im Interview mit Technology Review erläutert.

Technology Review: Welche Ergebnisse hat die Kampagne bisher gebracht?

Zeina Alhajj: Unsere Kampagne "Green the Electronics" begann 2004 mit einem Aktionstag gegen Hewlett-Packard. HP hatte damals die größte Menge an Schadstoffen in ihren Rechnern, wie wir in einer Untersuchung verschiedener Laptops, darunter auch Modelle von IBM und Dell, herausfanden. Mit unserer Kampagne wollen wir "grünere" Produkte erreichen - und eine Industrie, die Verantwortung für den durch sie verursachten elektronischen Abfall – man könnte auch "E-Müll" sagen – übernimmt.

Was wir bislang herausgefunden haben, lässt sich in einem Satz zusammenfassen: Die Elektronikindustrie ist insgesamt noch immer weit davon entfernt, eine umweltfreundliche Branche zu sein. Ende August haben wir ein Ranking herausgebracht, das die Umweltschutzansätze der großen Handy- und PC-Hersteller bewertete. Heraus kam dabei, dass sich keiner davon als "grün" bezeichnen lässt. Es gibt allerdings Unterschiede - manche Firmen stehen besser da als andere. Wir untersuchten, wie bei den Unternehmen mit Chemikalien umgegangen wird - und wie sie weltweit agieren, wenn ihre Produkte schließlich zu E-Müll werden. Es ging uns nicht um Ansätze in einzelnen Ländern, sondern das globale Handeln.

TR: Was ist das Hauptproblem bei Elektronik?

Alhajj: Die Verwendung gefährlicher Chemikalien. Dazu gehören Schwermetalle wie Blei, Kadmium, Beryllium und Quecksilber, der Kunststoff PVC sowie bromierte Flammschutzmittel, kurz BFRs. Schon im Produktionsprozess werden Arbeitnehmer mit diesen Stoffen kontaminiert. Und durch ihr Vorhandensein werden die Produkte zum Ende ihres Lebenszyklus zu Sondermüll.

Hinzu kommt, dass Elektronik heutzutage eine sehr kurze Lebensdauer hat - und sie wird Jahr für Jahr kürzer. So hält ein Handy im Durchschnitt in den Industrieländern nur noch 18 Monate, bevor es durch ein neues Gerät ersetzt wird; bei PCs ist die mittlere Lebenszeit inzwischen auf drei Jahre zurückgegangen. Überall auf der Welt wird E-Müll dadurch zum Umweltproblem - und zu einer Gefahr für die Menschen, die in der Nähe seiner Lagerstätten leben müssen.

Dabei gibt es einen Müllkreislauf: Geräte werden in Ländern wie China hergestellt, in den USA und Europa verwendet und dann weggeworfen, um schließlich wieder in China oder Indien unter schlimmsten Bedingungen endgelagert beziehungsweise zerlegt zu werden.

TR: Wie hat sich die Situation in den vergangenen zehn Jahren entwickelt?

Alhajj: Sie hat sich verschlechtert. Bei den gigantischen Mengen, die auf der ganzen Welt generiert werden, ersticken wir langsam unter diesem E-Müll. Die UNO hat ausgerechnet, dass jedes Jahr 20 bis 50 Millionen Tonnen entstehen. Diese Mengen sorgen für eine zunehmende Umweltverschmutzung auch bei uns.

In diesem Jahr hat die EU ihre "Restriction of Hazardous Substances"-Direktive (kurz "RoHS") eingeführt, die der Industrie eine Anzahl gefährlicher Chemikalien verbietet - darunter Blei, Kadmium, Chrom, Quecksilber und zwei BFR-Varianten. Dies wird die Branche sicher zu Verbesserungen antreiben, allerdings muss noch viel mehr geschehen. Greenpeace fordert die Industrie daher auf, noch weitere gefährliche Chemikalien aus dem Produktionsprozess zu verbannen. Außerdem wollen wir, dass sie endlich Verantwortung für ihre Produkte übernimmt, wenn sie zu E-Müll werden. Sie sollen nicht mehr unter schlimmsten Konditionen in China und Indien landen.

TR: Durch die "RoHS"-Direktive wurden immerhin diverse Produkte vom Markt genommen. Ist sie damit nicht ein Erfolg?

Alhajj: Dadurch ergibt sich durchaus ein neuer Standard, der grünere Produkte verspricht. "RoHS" ist Teil einer globalen Veränderung, auch in China, Japan und Kalifornien arbeitet man an ähnlichen Ansätzen. Aber das ändert nichts daran, dass die Industrie umweltfreundlichere Produkte herstellen müsste, die länger halten und sich leicht aufrüsten und schließlich ganz einfach recyclen lassen. Das muss weltweit geschehen und nicht nur in Europa. Die Initiative sollte außerdem von der Industrie selbst ausgehen und keine einfache Reaktion auf neue Gesetze sein.

TR: Welche Materialien sind noch zugelassen, die Greenpeace am liebsten verboten sähe?

Alhajj: Bisher werden nur ganze zwei BFRs von der "RoHS"-Direktive erfasst. Es müssten aber alle verboten werden. Ähnliches gilt für andere gefährliche Chemikalien und den Kunststoff PVC. Wir haben hier eine Liste aufgestellt, die wir der Industrie zugeleitet haben.

TR: Wo genau liegen die Gefahren?

Alhajj: Diese Chemikalien lagern sich in der Natur an und bauen sich nicht ab. Die Auswirkungen sind je nach Stoff unterschiedlich. In der Produktion sind die Arbeiter ebenso wie ihre Umwelt betroffen - giftige Materialien gelangen nach außen. Auch beim Recycling des E-Mülls in China und Indien kommen die Arbeiter mit ihnen direkt in Berührung. Dort werden von ganzen Familien mittelalterliche Werkzeuge verwendet, um die High-Tech-Geräte des 21. Jahrhunderts auseinander zu nehmen. Betroffen ist unter anderem die chinesische Stadt Guiyu und die indischen Regionen New Delhi, Mumbai und Bangalore. Es gibt auch Berichte über afrikanische E-Müll-Lager.

Die örtlichen Regierungen verbieten zwar inzwischen teilweise den Import dieses Abfalls - etwa in China. Doch das Material kommt nach wie vor in diese Länder, weil die Gesetze nicht umgesetzt werden. Der einzige Weg, das Problem zu lösen, wäre, wenn die Firmen, die die Geräte herstellen, endlich Verantwortung übernehmen würden.

TR: Mancher Arbeiter in der Dritten Welt lebt aber auch von der Zerlegung dieser Produkte.

Alhajj: Die Gesundheit der Menschen und die Erhaltung ihrer Umwelt sind unbezahlbar. Natürlich verdienen die Menschen dort etwas, wenn sie etwa das Kupfer aus den Kabeln der elektronischen Geräte entnehmen. Aber sie tun es draußen an der Luft, in dem sie die PVC-Schutzschicht einfach verbrennen. Dabei entstehen giftige Dioxine - das geht auf lange Sicht nicht gut.

Die meisten dieser Menschen sind Wanderarbeiter, die einfach nur überleben wollen. Es hilft ihnen aber nicht, wenn man ihre Umwelt noch weiter verschmutzt. Metalle aus E-Müll zu entnehmen und außerdem darin enthaltene Gold- und Silber-Spuren zu recyclen, ist sicher ein guter Weg, die Ressourcen unseres Planeten zu schonen. Doch das muss in richtigen Fabriken und auf umweltschonende Weise passieren - und ohne die gefährlichen Chemikalien, die heute in den Produkten sitzen.

TR: Elektronische Geräte müssen aber offenbar immer auch Materialien enthalten, die nicht gänzlich umweltfreundlich sind. Ist "grüne" Hightech wirklich möglich?

Alhajj: Nun, vor einigen Jahren hieß es ja auch noch, man könnte das Blei in den Lötverbindungen nicht ersetzen. Inzwischen gibt es genügend Produkte, in denen es fehlt.

Wir haben es hier mit einer Industrie zu tun, die aus unserem Planeten ein globales Dorf gemacht hat, in dem sie die Kommunikation erleichterte. Greenpeace ist sich sicher, dass sie es auch schaffen kann, grünere Produkte herzustellen. Wir fordern die Branche dazu heraus. Das geht ganz sicher, auch wenn man dazu etwas investieren muss.

TR: Zu den großen Angriffszielen der aktuellen Greenpeace-Kampagne gehört auch der Hersteller Apple, weil das Unternehmen nach wie vor keine "grünen" Computer und MP3-Spieler der Marke iPod baue. Wieso wurde diese Marke als Kampagnenziel gewählt - auch wegen dem PR-Wert? Ist Apple wirklich weniger umweltfreundlich als vergleichbare Firmen?

Alhajj: Apple ist eine bekannte Marke wie viele andere in dieser Industrie, aber man kennt die Firma vor allem auch deshalb, weil sie ein Trendsetter ist und viel Wert auf gutes Design legt. Deshalb glauben wir, dass Apple etwas tun könnte, dem die restliche Industrie dann folgt. Unschönerweise gehört Apple derzeit noch in die Kategorie mit den schlechtesten Umweltschutzwerten, wenn man dies mit anderen Firmen vergleicht. Das ist der andere Grund, warum wir wollen, dass Apple die erste Firma wird, die wirklich grüne Elektronikprodukte auf den Markt bringt und damit einen Standard setzt.

TR: Apple selbst sieht die schlechte Greenpeace-Bewertung aber ganz anders.

Alhajj: Wie Apple im Vergleich zu anderen Marktführern dasteht, haben wir in unserem Ranking genau dargelegt. Wir haben zuvor die öffentlichen Aussagen und die Umweltrichtlinien des Unternehmens überprüft und sie uns außerdem nochmals bestätigen lassen - ich würde also schon sagen, dass wir hier richtig liegen.

Wie heißt es so schön: Man sollte ein Buch nach seinem Inhalt, nicht nach seinem Umschlag bewerten. Beispielsweise haben wir das jüngste MacBook-Pro-Laptopmodell von Apple mit vier anderen Marken – Dell, HP, Acer und Sony – verglichen und dabei herausgefunden, dass ein bestimmter BFR-Typ die höchste Konzentration hatte. Außerdem steckte PVC in dem Apple-Gerät.

TR: Immerhin hat Apple kürzlich die Verpackung seines "iPod nano" verkleinert und gab dabei explizit Umweltschutzgründe an. Hilft das ein wenig?

Alhajj: Das reduziert eben den Verpackungsmüll, aber wir wollen, dass die gefährlichen Chemikalien aus dem Produkt selbst verschwinden.

TR: Wie würde der ideale "grüne" Computer aussehen?

Alhajj: Das würde ich der Fantasie von Apple-Chef Steve Jobs und seinem Kreativteam überlassen. Dies ist unsere Bitte an Apple und die gesamte Elektronikbranche: Die Innovationsfähigkeit und das Wissen liegen bei ihr, wir wollen nur, dass sie künftig Gefahrstoffe weglässt.

TR: Was können die Endkunden tun? Helfen örtliche Recycling-Gesetze und Rücknahmeprogramme, wie sie in Europa Pflicht werden? Oder landet der E-Müll dann trotzdem in der Dritten Welt?

Alhajj: Die Kunden sollten schlicht grünere Produkte fordern und von den Firmen verlangen, dass sie ihren gefährlichen E-Müll zurücknehmen. Die Steuerzahler sollten nicht für dessen Beseitigung zahlen müssen - das ist die Aufgabe der Firmen. Die USA sind hier ein schlimmes Beispiel: 2002 wurde festgestellt, dass 80 Prozent des E-Mülls, der zum Recycling ging, am Ende in China landete.

Nur wenn die Firmen eine finanzielle Verantwortung für ihren Elektronikschrott übernehmen, werden sich die Vorgänge, die wir jetzt in China und Indien sehen, nicht anderswo wiederholen. Und wenn die Produkte insgesamt grüner wären, wäre auch der Müll nicht so gefährlich und ein sichereres Recycling möglich.

TR: Der Innovationszyklus wird sich aber wohl kaum verlangsamen, Produkte kommen immer schneller auf den Markt. Wie kann das E-Müll-Problem da noch aufgehalten werden?

Alhajj: Nur wenn die Produkte selbst umweltfreundlicher gestaltet werden, länger halten und sich leicht upgraden lassen. Besonders der letzte Punkt ist wichtig, weil sich dadurch die Menge an E-Müll genauso reduziert, wie die natürlichen Ressourcen, die bei der Produktion verbraucht werden. (nbo)