Das ging doch frĂĽher auch ohne
Der Psychotherapeut Wolfgang Schmidbauer findet Computer dumm und unsychronisierte Getriebe toll. Warum?
Der Psychotherapeut Wolfgang Schmidbauer findet Computer dumm und unsychronisierte Getriebe toll. Warum?
Was haben Ampeln, Bleistiftspitzer, Duschen, Drucker, Einbauschlösser, Fernwärme, Geländewagen, Handys, Kühlschränke, Lichtschalter, Reißverschlüsse, Sägen, Toilettenpapier, TÜV-Plaketten und Wasserleitungen gemein? Für den Psychotherapeuten Wolfgang Schmidbauer, Jahrgang 1941, sind sie "dumme Dinge". In seiner kürzlich erschienenen "Enzyklopädie der Dummen Dinge" schreibt er sich von der Seele, was ihm am ganzen modernen Kram immer schon genervt hat. Dumme Dinge definiert er dabei als solche, die "unsere Möglichkeit schwächen, einsichtig zu handeln", uns träge machen, unsere Fähigkeiten verkümmern lassen und uns von neuen Erfahrungen aussperren.
Zum Teil hat er dabei durchaus recht: Klar ist es albern, auf einem Laufband vor sich hinzutraben, wo man das auch in der freien Natur kann. Natürlich sind Geländewagen für die Stadt eine der überflüssigsten Erfindungen seit dem koffeinfreien Kaffee. Und selbstverständlich ist es ein Skandal (wenn auch keine besonders neue Erkenntnis), dass sich so viele Geräte kaum noch reparieren lassen.
Doch diese Gedanken gehen unter in einem kruden Das-ging-doch-früher-auch-ohne-Mantra. Synchronisiertes Getriebe? Hatte mein Käfer früher auch nicht, wo ist das Problem? Dahinter verbirgt sich eine meiner Meinung nach ziemlich versnobte Einstellung: Nur weil ich früher mal gelernt habe, mit Zwischengas zu schalten, sollen sich alle anderen, die das für eine Zumutung halten, mal nicht so anstellen.
Das könnte man alles noch als Generationenfrage abtun – wer weiß, was ich selbst in 30 Jahren alles für neumodischen Schnickschnack halten werde. Richtig aufgeregt hat mich aber eine Passage zum Computer: "Viele der Versprechen, dass Computer die (…) Intelligenz des Menschen fördern, (…) haben sich nicht erfüllt." Stattdessen machen sie, so Schmidbauer, vor allem die Kinder träger, die Geheimdienste schlauer und die Finanzelite reicher.
Welch ein Unfug! Es gibt kaum eine Erfindung, die mehr als der Computer zur Emanzipation des Einzelnen gegenüber der Industrie beigetragen hat. Jeder Mensch kann mit ihm seine eigene Software schreiben, seine eigene Homepage ins Netz stellen, gezielt auf Informationen zugreifen, Bilder und Musik produzieren und remixen, Objekte schaffen und ausdrucken, sein soziales Umfeld pflegen, den Alltag besser organisieren, an jeder Ecke neue Erfahrungen sammeln und austauschen. Die Digitalisierung eröffnet dem Einzelnen ein ganzes Universum an Möglichkeiten und ist damit das genaue Gegenteil eines dummen Dings. Aber wer, wie Schmidbauer selbst zugibt, immer noch seiner Schreibmaschine nachtrauert und den Computer lediglich als überzüchtete, von den Verlagen aufgenötigte Textverarbeitungskiste betrachtet, dem bleibt diese Dimension offenbar verschlossen.
Natürlich muss man ein wenig Zeit und Mühe aufwenden, um die ganzen Optionen eines Computers oder eines Smartphones zu ergründen. Aber das muss man auch, wenn man statt des Rasenmähers eine Sense nutzt, wie Schmidbauer es toll findet. Er wirft den dummen Dingen ja gerade vor, dass sie es dem Nutzer zu bequem machen, ihm zu wenig Zeit und Mühe abfordern. Aber sich mal in eine Software einzufuchsen, das ist ihm offenbar wieder zu viel der Mühe. (grh)