"Das iPhone ist nichts dagegen"

Forscher Jeff Han hat ein großes Touch-Screen-Display entwickelt, das sich mit zwei Händen bedienen lässt. Ist das die Zukunft der Mensch-Computer-Schnittstelle?

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Von
  • Kate Greene

Als Apple-Chef Steve Jobs vor wenigen Wochen auf der Macworld-Messe in San Francisco das erste Handy seines Unternehmens vorstellte, sorgte vor allem ein Merkmal für viel Beifall: Die Bedienung des Gerätes über einen berührungsempfindlichen Bildschirm. Die "Multi-Touch" genannte Technik erlaubt es unter anderem, mehr als nur einen Tastendruck gleichzeitig auszuführen. So ist es beispielsweise möglich, zwei Finger zusammenzuschieben, um in Bilder oder Webseiten hineinzuzoomen.

Diese durchaus beeindruckende Technik dürfte aber erst der Anfang einer ganzen Reihe neuartiger Computer-Schnittstellen sein. Jeff Han, beratender Wissenschaftler an der New York University, hat in den vergangenen Jahren eine Technologie entwickelt, mit der sich eine solche Steuerung kostengünstig auch auf großen Bildschirmen einsetzen lässt - und zwar mit beiden Händen und allen 10 Fingern. Sogar mehrere Benutzer gleichzeitig sind mit dem System möglich. Han denkt an zahlreiche Anwendungen, von denen eine solche Steuerung profitieren könnte - von digitalen Tafeln über Tische mit eingebautem Display bis hin zu "digitalen Wänden". Han ist von der Technik derart überzeugt, dass er nun eine neue Firma gegründet hat: Sie nennt sich Perceptive Pixel.

"Das neue iPhone ist eigentlich zu klein, um ein interessantes Multi-Touch-Gerät zu sein", meint Han. Er glaube, dass sich die Technologie sehr gut für die Nutzung durch mehrere Personen eigne. "Wenn sich mehr als nur eine Person um einen großen Touchscreen gruppiert, wird es spannend." Diese Nutzer könnten dann gemeinsam an etwas arbeiten - von der Brainstorming-Session bis zur Bildschirmkunst. Erste Kunden will Perceptive Pixel bereits haben: Das US-Militär soll einen ersten wandgroßen Touchscreen noch in diesem Monat erhalten.

Die Touch-Technologie an sich ist nicht besonders neu. Ingenieure arbeiten bereits seit den Achtzigerjahren daran. In den Mitsubishi Electric Research Labs entstand mit dem "DiamondTouch" etwa ein berĂĽhrungsempfindlicher Tisch, an dem ebenfalls eine Gruppe von Personen zusammenarbeiten kann. Die Technologie sei "nie ganz fort" gewesen, meint etwa Bill Buxton von Microsoft Research: "Nun kommt sie auf verschiedene Arten zurĂĽck - und einige davon werden kĂĽnftig sehr wichtig werden."

Es gibt viele verschiedene Ansätze, ein solches Display technisch umzusetzen. Erste Modelle hätten Widerstand oder Ladung auf der Oberfläche gemessen, wenn der Finger sie berührte. Dadurch ergab sich aber nur eine geringe Auflösung bei gleichzeitig notwendiger hoher Komplexität. Außerdem sei es schwierig gewesen, diese Technik auf größere Formate zu skalieren, meint Han.

Sein Display nutzt daher einen anderen Ansatz: Er verwendet LEDs, die an den Rändern befestigt sind. Diese leuchten eine sechs Millimeter dicke Acrylschicht mit infrarotem Licht aus. Die IR-Strahlen reflektieren bei Acryl aufgrund eines physikalischen Phänomens auf vorhersehbaren Bahnen. Berührt ein Finger aber die Oberfläche, bricht sich das Licht an genau dieser Stelle, es tritt eine Streuung aus. Diese lässt sich mit einer Kamera erkennen, die hinter dem Acryl angebracht ist. Mit einer einfachen Bildverarbeitungssoftware lässt sich dann in Echtzeit errechnen, wo einzelne Berührungen oder "Striche" erfolgt sind.

Bislang ist unklar, welche Technologie Apple beim Touchscreen seines iPhone einsetzt - es scheint allerdings vom deutschen Anbieter Balda zu stammen. Allgemein wird die Renaissance der berührungsempfindlichen Displays positiv aufgenommen - besonders in Wissenschaftskreisen, die sich seit Jahrzehnten mit dem Thema beschäftigen. "Wir sind nun schon eine kleine Ewigkeit Gefangene unseres Bildschirms, unserer Maus und unserer Tastatur", meint etwa Northwestern University-Professor und Interface-Guru Don Norman. "Es ist schön, dass wir uns davon nun langsam verabschieden."

Inzwischen existieren sogar Forschungsarbeiten, bei denen die berührungsempfindlichen Bildschirme ein haptisches Feedback geben. Eine Idee ist ein Display, das kleine Vibrationen abgibt - je nach Fingerplatzierung mit unterschiedlicher Frequenz. Scott Klemmer, Professor für Informatik an der Stanford University, glaubt, dass diese Technik sich auch für Apples iPhone eignen würde: "Man würde zwar nicht das Gefühl bekommen, echte Knöpfe zu drücken, aber die Vibrationen würden zumindest zeigen, dass die Bedienung erfolgreich war."

Ăśbersetzung: Ben Schwan. (wst)