UMTS: "Manchmal dauert es eben etwas länger"

Die Bundesnetzagentur will im nächsten Jahr eine neuerliche UMTS-Frequenzversteigerung wagen. Dass sei trotz aller Vermarktungsprobleme eine durchaus sinnvolle Sache, meint Jürgen Grützner, Geschäftsführer des Betreiberverbandes VATM.

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50 Milliarden Euro haben sich die deutschen Netzbetreiber im Jahre 2000 ihre UMTS-Lizenzen kosten lassen - und fast sieben Jahre danach hat sich die Technik noch immer nicht flächendeckend durchgesetzt. Dennoch will die Bundesnetzagentur im nächsten Jahr eine neuerliche Frequenzversteigerung wagen. Dass sei trotz aller Vermarktungsprobleme eine durchaus sinnvolle Sache, meint Jürgen Grützner, Geschäftsführer des Betreiberverbandes VATM, im Gespräch mit Techology Review.

Technology Review: Herr GrĂĽtzner, Bundesnetzagentur-Chef Matthias Kurth hat in dieser Woche angekĂĽndigt, dass der Staat noch 2008 eine neuerliche groĂźe UMTS-Frequenzauktion plant. Freut Sie das? Oder haben Ihre Mitgliedsunternehmen erst einmal genug in Sachen teure 3G-Netze?

JĂĽrgen [b]GrĂĽtzner:[/b] Ganz im Gegenteil. Die Mobilfunknetze der 3. Generation fangen doch gerade erst richtig an, interessant zu werden! Als im Jahr 2000 die ersten Lizenzen versteigert wurden, wurde zwar viel Geld investiert, man hatte aber keine konkrete Idee, mit welcher Killer-Applikation die Kunden auf die UMTS-Netze gelockt werden sollten. Das stellt sich heute ganz klar anders dar.

Im Festnetzbereich gibt es insbesondere über DSL hohe Bandbreiten, an die sich Verbraucher und Unternehmenskunden gewöhnt haben. Kein Mensch, der einmal DSL hatte, geht freiwillig auf schmalbandige Verbindungen mit Bandbreiten unter 100 Kilobit pro Sekunde zurück. Und diese Breitbandigkeit werden Verbraucher und Unternehmen auf Dauer auch mobil haben wollen. Mobilfunk-Lösungen mit Bandbreiten von über 7 Megabit pro Sekunde werden beispielsweise auf der diesjährigen CeBIT bereits vorgestellt werden.

Auch wenn in der Praxis so große Bandbreiten nicht kurzfristig und flächendeckend zur Verfügung stehen werden, so bedeutet dies doch eine wichtige Perspektive für Verbraucher und Mobilfunkunternehmen. Wenn hierfür zusätzliche Frequenzen benötigt werden, ist die möglichst zügige Durchführung des Vergabeverfahrens von großer wirtschaftlicher Bedeutung.

TR: Was wird die Agentur da genau versteigern?

GrĂĽtzner: Die Bundesnetzagentur wird im kommenden Jahr Frequenzspektrum von ĂĽber 100 Megahertz gepaart, das fĂĽr Mobilfunk der 3. Generation und damit fĂĽr UMTS geeignet ist, versteigern. Zum Vergleich: Vor sieben Jahren wurden insgesamt zwei Mal 60 Megahertz gepaart versteigert. Damals hatten die Netzbetreiber jeweils zwei Mal 10 Megahertz gepaart bekommen.

TR: Wie breitflächig ist UMTS in Deutschland inzwischen tatsächlich zu haben? Insbesondere beim Ausflug ins Grüne fällt die Technik ja noch häufig auf den GSM-Standard zurück.

Grützner: UMTS ist in der Tat in Deutschland noch nicht flächendeckend verfügbar. Allerdings sind die Lizenzauflagen, die die Bundesnetzagentur bei der Vergabe der Frequenzen seinerzeit vorgegeben hatte, von allen Netzbetreibern erfüllt worden. So waren bis Ende 2003 25 Prozent der Bevölkerung, bis Ende 2005 50 Prozent der Bevölkerung mit UMTS zu versorgen. Diese Abdeckung wird - so hat es der Regulierer geprüft - erreicht und in einigen Fällen sogar deutlich überschritten.

Eine größere Netzabdeckung darüber hinaus liegt aber auch im Interesse der Mobilfunker: Die Verbraucher wollen möglichst flächendeckend auf schnelle Datenverbindungen zugreifen können, egal, wo sie sich gerade aufhalten. Dafür ist eine möglichst vollständige Netzabdeckung nötig. Wir gehen aber davon aus, dass eine Fahrt ins Grüne mit einem UMTS-Notebook auch mittelfristig relativ genau im Vorfeld geplant werden sollte und der Kunde nicht wirklich überall mit einer entsprechenden Netzabdeckung rechnen kann.

TR: Was hat die Mobilfunkbranche aus der gigantischen Geldverschwendung, als die sich die erste UMTS-Auktion anno 2000 inzwischen zu erweisen scheint, gelernt?

Grützner: Die Ersteigerung der UMTS-Lizenzen im Jahr 2000 war für die Mobilfunkunternehmen aus unserer Sicht eine wichtige Investition in einen Zukunftsmarkt, der immer mehr an Fahrt aufnimmt. Gerade in der schnelllebigen Telekommunikationsbranche gehören Investitionen in zukunftsfähige Anschlusstechnologien zu den wichtigsten Aufgaben nachhaltiger Unternehmenspolitik.

Allerdings werden die Unternehmen die möglichen Geschäftsmodelle und insbesondere die Zeiträume, die diese für eine Markteinführung benötigen, auf der Basis der Erfahrungen der vergangenen sechs Jahre etwas vorsichtiger bewerten.

TR: Was könnte aus einer solchen Auktion demnach noch finanziell für den Staat herausspringen? Doch kaum 50 Milliarden?

Grützner: Dazu lässt sich zum heutigen Zeitpunkt noch nichts sagen. Die Höhe der Erlöse der Auktion im nächsten Jahr wird von mehreren Faktoren abhängen. Dazu gehören zum Beispiel die Bieterregeln, die vom Regulierer noch festgelegt werden, das ebenfalls von der Bundesnetzagentur zu benennende Mindestgebot, die Anzahl der Unternehmen, die sich an der Auktion beteiligen und letztlich auch das gesamtwirtschaftliche Umfeld im nächsten Jahr.

TR: Zwei Frequenzbereiche wurden aus der 2000er-Versteigerung zurĂĽckgegeben, bzw. sind mit Mobilcom- und Group 3G/Quam-Crash wieder "in den Topf" gekommen. Werden die nun erneut versteigert?

GrĂĽtzner: Unseren Erkenntnissen zufolge mĂĽsste die ehemalige Mobilcom-Lizenz mit "im Topf" sein. Ăśber die Lizenz, die die Group 3G seinerzeit erworben hatte, scheint es noch juristische Auseinandersetzungen zu geben.

TR: Matthias Kurth kündigte auch Versteigerungen im "technologisch und ökonomisch hochinteressanten" 2,6 Gigahertz-Bereich an. Was heißt das konkret? Sind hier UMTS-Nachfolgetechnologien möglich?

Grützner: An der Mobilfunktechnologie der 4. Generation wird heute schon intensiv gearbeitet. Ob der Frequenzbereich, der im nächsten Jahr versteigert wird, dafür auch verwendet werden kann, hängt von den Lizenzvorgaben ab, die die Bundesnetzagentur dazu ausgibt. Eine konkrete Aussage ist daher heute nicht möglich.

TR: Die Bundesnetzagentur hat kĂĽrzlich bundesweite WiMAX-Lizenzen versteigert - das Interesse groĂźer Player war gleich Null. Ist UMTS da etwas anderes?

GrĂĽtzner: Der Vergleich mit WiMAX hinkt insofern, als sich der Markt fĂĽr BreitbandanschlĂĽsse via Funk gerade erst entwickelt und gleichzeitig mit DSL, Kabel und Breitband via Satellit alternative Anschlusstechnologien bereits vorhanden sind.

Dabei wird WiMAX eher als Nischen-Technologie angesehen, mit der bislang unversorgte Gebiete ans Breitband angeschlossen werden sollen. UMTS hingegen ist bereits etabliert und wird künftig mit einer ähnlichen Breitbandigkeit aufwarten. Aus heutiger Sicht ist daher vorstellbar, dass sich an der UMTS-Versteigerung wohl alle vier deutschen Mobilfunk-Netzbetreiber beteiligen.

TR: Ist der Trend, mit den Übertragungsverfahren HSDPA und HSUPA bestehende Netze intelligent auszubauen, neuen Frequenzeinkäufen vorzuziehen?

Grützner: Diese Frage stellt sich in der Form gar nicht. Die Netze müssen intelligent ausgebaut werden, um HSDPA in vollem Umfang nutzen zu können.

TR: Das heißt - ohne neue Frequenzen kein flächendeckender Ausbau von HSDPA?

Grützner: Die Frequenzen, die die Mobilfunkanbieter heute bereits haben, decken die gesamte Bundesrepublik ab. HSDPA kann bereits heute in ganz Deutschland verfügbar gemacht werden. Voraussetzung: Die Mobilfunknetze werden entsprechend flächendeckend ausgebaut.

TR: Erwarten Sie den Antritt eines fĂĽnften Providers? In den letzten Jahren war es in Sachen Netzbetreiber in Deutschland ja eher ruhig.

GrĂĽtzner: Zurzeit sehe ich das eher nicht , aber der Markt ist immer fĂĽr Ăśberraschungen gut.

TR: In den USA ist mit AT&T nach zahlreichen Aufkäufen ein neuer Telekomgigant entstanden, der sich in seinem Heimatmarkt unter anderem ausländische Konkurrenz in Form von T-Mobile gefallen lassen muss. Glauben Sie, dass die Amerikaner kommen?

Grützner: Die Amerikaner müssen ja eigentlich nicht erst kommen, sie sind bereits hier. Blackstone bei der Telekom ist da nur das prominenteste Beispiel. Zudem gibt es bereits eine Vielzahl von Beteiligungen an TK-Unternehmen, die auf dem deutschen Markt tätig sind. Auch bei der Versteigerung der Frequenzen für WiMAX Ende vergangenen Jahres waren sie bei einigen Bietern bereits mit im Boot.

TR: Aktuell wird UMTS nur ansatzweise flächendeckend zum drahtlosen Internet-Zugang genutzt - sechs Jahre nach den Versteigerungen. Einer der Gründe dürften die teils unfasslichen Tarife sein, die die Netzbetreiber verlangen, Flatrates sind die Ausnahme. Wird sich das ändern? Oder existiert hier ein Henne Ei-Problem a la "wir reduzieren erst, wenn genügend Nutzer vorhanden sind"? Wer macht den ersten Schritt?

Grützner: Sicherlich sind die Tarife derzeit noch sehr hoch und wirken sich als Hemmschuh für eine größere Penetration von mobiler Datennutzung aus. Aber wie im Festnetz und bei den Gesprächsminuten im Mobilfunk wird es sicherlich auch hier in absehbarer Zeit zu Flatrates kommen. Ein anderer Grund ist der, dass der Netzausbau noch nicht flächendeckend erfolgt ist.

TR: Bedeutet das, die Netzbetreiber hätten noch gar nicht die notwendige Infrastruktur, um all die möglichen mobilen Surfer aufzunehmen?

Grützner: Ja. Die heute zur Verfügung stehenden Frequenzen reichen nicht aus, um jedermann einen mobilen Breitbandzugang zu ermöglichen, insbesondere wenn es sich um besonders hochbitratige Breitbandanschlüsse handelt. Auch aus diesem Grund stellt die Bundesnetzagentur nun zusätzliches Frequenzspektrum zur Verfügung.

TR: In Japan funkt man bereits mit nochmals deutlich höheren Datenraten, während hier zu Lande noch nicht einmal HSDPA von allen UMTS-Netzbetreibern verwendet wird. Warum dauert es bei uns länger?

Grützner: Nicht nur in Japan, sondern beispielsweise auch in Südkorea hat sich die mobile Datennutzung bereits deutlich stärker durchgesetzt als bei uns. Ein Grund dafür könnte in einer grundsätzlich größeren Technikaffinität der Südostasiaten liegen, ein weiterer darin, dass gerade in den Ballungsgebieten die Nutzung mobiler Devices die einzige Möglichkeit darstellt, die oftmals langen Fahrtwege zur Arbeit sinnvoll zu nutzen. Hier unterscheidet sich der deutsche Markt doch deutlich vom asiatischen. (nbo)