"Ich halte das für ein lächerliches Argument"

Sicherheitsexperte Bruce Schneier sieht große Probleme im neuen Microsoft-Betriebssystem Windows Vista. Der Hersteller habe Kontrollmechanismen eingebaut, die die Nutzungsmöglichkeiten zu stark einschränken.

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Der renommierte Sicherheitsexperte Bruce Schneier sieht große Probleme im neuen Microsoft-Betriebssystem Windows Vista. Der Hersteller habe Kontrollmechanismen eingebaut, die die Nutzungsmöglichkeiten beschränkten – angeblich, um Hollywood zu besänftigen. Tatsächlich drohe aber ein neues Monopol.

Schneier, 44, ist Chief Technology Officer beim IT-Sicherheitsunternehmen BT Counterpane im kalifornischen Mountain View. Er ist bekannt für seine ausdauernde Kritik an der Art und Weise, wie Großkonzerne mit Computersicherheit und Datenschutz umgehen. Der Verschlüsselungsexperte publiziert den bekannten Security-Newsletter "Crypto-Gram".

Technology Review: Herr Schneier, Sicherheitsexperten haben festgestellt, dass die in Vista enthaltenen Komponenten für das digitale Rechtemanagement (DRM) die Nutzung des Betriebssystems beeinträchtigen können. Könnten Sie zusammenfassen, was bislang bekannt ist?

Bruce Schneier: Grundsätzlich sieht es so aus, dass Microsoft große Teile des Betriebssystemkerns überarbeitet hat, um einen Kopierschutz für neue Medienformate wie HD-DVD und Blu-Ray zu ermöglichen. Qualitativ hochwertige Ausgabewege für Audio und Video sind dadurch teilweise nur für speziell geschützte Peripheriegeräte zu verwenden. Manchmal wird die Ausgabequalität künstlich verschlechtert, manchmal ganz verhindert.

Gleichzeitig verwendet Vista ständig CPU-Leistung, um sich selbst zu überwachen. Das Betriebssystem versucht dabei, herauszufinden, ob der Nutzer etwas tut, was er seiner Meinung nach nicht tun sollte. Ist dem so, werden Funktionalitäten eingeschränkt und in extremen Fällen schon mal das Video-Subsystem neu gestartet.

TR: Schränken diese Maßnahmen die Nutzung von Vista tatsächlich ein?

Schneier: Bislang kennen wir die genauen Details noch nicht und müssen erst herausfinden, wie weit das alles wirklich geht. Ich erwarte aber, dass die Security Research-Gemeinschaft dies in den nächsten Wochen tut. Wir dürften in gut einem Monat genauere Informationen haben. Aber bislang sieht es nicht besonders gut aus.

TR: Kann der Nutzer etwas dagegen tun?

Schneier: Nichts. Wenn man Vista installiert, erhält man diese DRM-Funktionen. In Zukunft könnte es Hack-Tools geben, die man sich herunterladen kann, um sie abzuschalten. Bis dahin gibt es aber keine Lösung.

TR: Wie erklärt Microsoft seine verschärfte DRM-Verwendung?

Schneier: Microsoft behauptet, man habe keine Wahl. Hollywood fordere das Rechtemanagement in Windows, damit "Premium-Inhalte", also neue Filme, mit denen sich noch Umsatz machen lässt, auf den Rechner gelassen werden können. Würde Microsoft da nicht mitspielen, heißt es, säße die Firma künftig in der letzten Reihe. Hollywood würde dem Betriebssystem dann die Unterstützung entziehen.

Ich halte das für ein lächerliches Argument. Hollywood beginnt inzwischen, sich von all zu harten DRM-Maßnahmen zu entfernen. Das Plattenlabel Sony BMG hatte großen Ärger, als es vor einiger Zeit unerlaubterweise ein "Rootkit" auf die Rechner der Nutzer spielte. Vertreter des Musikkonzerns EMI haben kürzlich geäußert, dass auch sie überlegen, sich von DRM zu verabschieden – auch andere Medienfirmen bewegen sich in diese Richtung. Gleichzeitig beherrscht Microsoft bekanntlich 95 Prozent des Betriebssystemmarktes. Da wäre es doch wohl ein leichtes, Hollywood zu zwingen, mitzuspielen.

TR: Wie tief sitzen die DRM-Maßnahmen in Vista? Gab es ähnliches bereits zuvor?

Schneier: Wenn ich mir die öffentlich zugänglichen Microsoft-Spezifikationen ansehe, stelle ich fest, dass DRM tief in vielen Bereichen des Betriebssystems sitzt. Und das hat durchaus eine neue Qualität. Natürlich gab es DRM bereits in Betriebssystemen und einzelnen Anwendungen. Aber dies dürfte das bislang böseste Beispiel dieses Konzeptes sein.

Natürlich führt das keineswegs dazu, dass der Kopierschutz dadurch einen Deut wirksamer wird. Einen Tag nach der Vorstellung von Vista gab es bereits Hack-Versuche – teils erfolgreich. Das von Hollywood erfundene DRM-System für HD-DVD und Blu-Ray ist ebenfalls geknackt. Das sind Systeme, in die Millionen von Dollar an Entwicklungskosten über mehrere Jahre geflossen sind. Trotzdem werden sie von Hobby-Programmierern in wenigen Tagen oder wenigen Wochen ausgehebelt. Diese Verfahren funktionieren einfach nicht.

TR: Microsoft hat sein DRM auch auf den Peripherie-Bereich ausgedehnt. Was heißt das?

Schneier: Eines der Features von Vista ist es, dass im verwendeten Hardware-Zubehör ebenfalls Kontrollmechanismen implementiert sein müssen. Dies erlaubt Microsoft im Grunde, die Hersteller von Peripherie vollständig zu kontrollieren – der Softwareriese zertifiziert die Hardware oder auch nicht. Wird sie nicht zertifiziert, läuft sie auch nicht mit Vista.

TR: Vista setzt verstärkt auf so genannte Auto-Updates, bei denen Sicherheits-Aktualisierungen automatisch aus dem Internet heruntergeladen werden. Sehen Sie hier Probleme?

Schneier: Das ist eine komplizierte Sache. Auto-Updates sind gut, wenn es um Sicherheits-Patches geht und Microsoft hat in den letzten Jahren durchaus erfolgreich bewiesen, dass das funktionieren kann. Wir leben alle mit mehr Sicherheit, wenn Microsoft Lücken schließen kann, sobald sie entdeckt werden. Automatische Downloads und Patches erleichtern dies.

Das Problem dabei ist nur, dass Microsoft diese Funktion auch dazu verwenden kann, den Nutzern Funktionen aufzuzwingen, die diese gar nicht wollen. Das haben wir beim Kopierschutzverfahren "Windows Genuine Advantage" erlebt. Das war im Grunde Spyware von Microsoft, die versucht hat, Windows-Raubkopien zu erkennen.

Ähnliches werden wir auch bei der Aktualisierung des digitalen Rechtemanagements sehen. Microsoft kann so die Nutzungsmöglichkeiten von Vista weiter einengen. Das Problem dabei ist nicht nur, dass da unerwünschte Dinge auf den Rechner kommen, sondern dass die Nutzer lernen, dem Upgrade-System zu misstrauen. Dadurch werden sie dann auch seltener wichtige Sicherheits-Aktualisierungen aufspielen, weil sie glauben, Redmond will ihnen wieder etwas Böses.

TR: Glauben Sie, dass die Menschen wegen der verschärften DRM-Maßnahmen das Update auf Vista verzögern werden?

Schneier: Ich persönlich plane nicht, mein Betriebssystem so bald zu aktualisieren. Wer sich einen neuen PC kauft, sollte den Händler auffordern, ihm die alte Version Windows XP mitzugeben anstatt Vista.

Ich dürfte damit nicht alleine stehen. Laut jüngsten Zahlen des Marktforschungsinstituts NPD sind die anfänglichen Verkaufszahlen von Vista deutlich geringer als damals bei XP. Die Nutzer scheinen vor diesem Betriebssystem auf der Hut zu sein.

TR: Im Gegensatz zu früheren Zeiten gibt es heute durchaus konkurrenzfähige Windows-Alternativen im Markt – beispielsweise nutzerfreundliche Linux-Varianten wie Ubuntu oder Apples Mac OS X. Denken Sie, dass Microsoft in diese Richtung Kunden verlieren wird?

Schneier: Es wäre möglich, aber ich bin hier nicht besonders optimistisch. Im Software-Markt gibt es verschiedene Kräfte, die die Monopolbildung beschleunigen. Microsoft müsste sich schon eine ganze Reihe von Fehltritten leisten, bevor Linux oder Mac OS X tatsächlich eine Chance hätten.

TR: Als Microsoft versuchte, in den Neunzigerjahren Netscape aus dem Browser-Markt zu drängen, gab es ein Anti-Trust-Verfahren der US-Regierung. Könnte dem Konzern nun ähnliches mit seiner DRM-Verwendung drohen?

Schneier: Microsoft verhält sich hier ganz sicher monopolistisch und eine entsprechende Klage ließe sich sicher anstrengen. Ich weiß aber nicht, ob dies die US-Regierung tun würde. Was wir aus dem Browser-Krieg gelernt haben, war doch, dass die Gerichte immer langsamer sind als der Markt. Microsoft gewann gegen Netscape einfach viel zu schnell. (wst)