"... RFIDs unter den Teppich kleben ..."

Professor Dieter Rombach, Leiter der Gruppe Information- und Kommunikationstechnik in der Fraunhofer Gesellschaft, im TR-Interview über Risiken und Chancen des "unterstützten Wohnens" in intelligenten Umgebungen.

vorlesen Druckansicht
Lesezeit: 7 Min.
Inhaltsverzeichnis

Die Fraunhofer-Institute haben auf der diesjährigen CeBIT besonders ihre Arbeiten zum Thema Ambient Intelligence herausgestellt. Die "intelligente Umgebung" ermögliche die unaufdringliche Unterstützung des Menschen an jedem Ort, zu jeder Zeit und in jeder Situation. Schwerpunkt seien dabei Projekte zu Assisted Living wie digitale Einkaufs- oder Reiseassistenten und vor allem der auch auf der CeBIT gezeigte digitale Gesundheitsassistent, der das selbstbestimmte Leben durch Überwachung von Risikopatienten länger möglich machen und gleichzeitig Kosten im Gesundheitswesen senken soll. "Das ist ein Thema, wo wir Forscher uns besonders wohlfühlen", sagte Heinz Gerhäuser, Leiter des Fraunhofer-Instituts für Integrierte Schaltungen IIS. "Da wissen wir, dass es gesellschaftlich relevant ist und dass es ein Exportschlager werden könnte." Professor Dieter Rombach, Leiter der Gruppe Information- und Kommunikationstechnik in der Fraunhofer Gesellschaft, spricht im TR-Interview über Risiken und Chancen des "unterstützten Wohnens" in intelligenten Umgebungen.

TR:Professor Rombach, Ambient Intelligence ist eines der klassischen Beispiele für ein Schlagwort, das immer wieder auftaucht und von dem es dann heißt, in 20 Jahren sind wir so weit. Warum glauben Sie, die Probleme auf diesem Feld nun doch lösen zu können?

Dieter Rombach: Ich glaube, dass wir einen Switch vorgenommen haben, zwischen Technology Push und Technology Pull. Ambient Intelligence ist ja eine Technologie-Basis. Die können Sie überall einsetzen. Wir hatten damals die Vision, dass wir den Menschen intelligenzmäßig wirklich ersetzen können. Das ist heute nicht mehr die Vision – jedenfalls bei den meisten nicht mehr. Heute geht es darum, uns von den trivialen Dingen des Lebens zu befreien. Und ich bin vollkommen davon überzeugt, dass wir dadurch ein qualitativ hochwertigeres Leben bekommen. Ich geben Ihnen mal ein Beispiel: Wenn ich heute in mein Büro komme, dauert es zehn Minuten, bis das blödsinnige Windows hochgefahren ist. Warum eigentlich? Unten an der Pforte ist bekannt, ich komme rein – und dann könnte das System hochfahren. Dass heißt, ich kann meine quality time dadurch erhöhen. Nur, dazu muss das System wissen: Aha, da kommt jetzt der Dieter Rombach, und der will gleich in seinem Büro arbeiten.

TR: Sie haben gesagt, das System muss wissen, wo jemand ist, und was er gerade tut. Das ist aber nun auch nicht trivial. Wie ist da der Stand der Technik?

Dieter Rombach: Wenn sich jemand zehn Minuten nicht bewegt und nicht gerade auf dem Bett liegt, dann könnte beispielsweise der Arzt aus dem Notfallzentrum sich aufschalten. Sie haben immer mehrstufige Möglichkeiten. Ich bin überzeugt, so wie es jetzt die Pflegestufen 1, 2, 3 gibt, gibt es vielleicht in Zukunft Unterstützungslevel 1, 2 oder 3. Stufe eins könnte dann sein, dass ich für einen Patienten RFIDs unter den Teppich klebe, damit ich immer weiß, wo der ist. Für jemanden auf Stufe zwei oder drei baue ich vielleicht eine kleine Kamera mit ein.

Damit sind wir auch beim Thema Datenschutz. Wir würden es nie durchkriegen, und auch nicht wollen, dass die Kamera die ganze Zeit läuft. Das ist ja keine Überwachung. Aber wenn der Arzt sich nicht sicher ist, kann er reinschauen, den Patienten ansprechen.

Oder ein anderer Fall. Das, was ich hier trage. Ich bin heute auf 20 Treffen. Meine Mitarbeiterin würde durchdrehen, wenn sie mich immer suchen müsste. So kann sie das auf einem Schirm sehen. Die weiß immer, wo ich bin. Alle fünf Sekunden wird das upgedatet, und sie weiß auf 1 bis 2 Meter genau, wo ich bin. So kann sie mich sofort holen, wenn irgendetwas Wichtiges ist. Denn Sie glauben ja gar nicht, wie oft man bei diesem Lärmpegel das Handy überhört. Das ist auch Überwachung – dem Herrn Seehofer würde ich das nicht empfehlen – aber ich trage das Ding ja nicht rund um die Uhr. Und in diesem Fall hier, überwiegt der Vorteil.