"Chinas Finanzsystem ist ineffizient"
Professor Kai-Alexander Schlevogt, Experte für globale Führung an der National University of Singapore im TR-Interview über Chancen und Risiken des chinesischen Wirtschaftswunders.
Als am 27. Februar die Kurse an der Börse von Shanghai in die Tiefe rauschten, bekam das Bild vom Boomland China weltweit Kratzer. Professor Kai-Alexander Schlevogt, Experte für globale Führung an der National University of Singapore und ausgewiesener China-Experte, spricht im Interview mit Technology Review über die Probleme, die dem Riesenreich ohne Reformen noch drohen könnten.
Technology Review: Herr Professor Dr. Schlevogt, hat Sie der starke Kursverfall in Shanghai und das anschließende wilde Auf und Ab der Kurse überrascht? Oder war das eine Entwicklung, die längst überfällig war?
Kai-Alexander Schlevogt: Das Finanzsystem in China gleicht einem Kartenhaus. Wie in einem unausgereiften Computerprogramm gibt es viele Verwundbarkeiten im finanziellen Kreislauf. Im Hinblick auf Schwachstellen in der Bereitstellung, Vermittlung und Verwendung von Mitteln überrascht mich die Achterbahnfahrt der Aktienkurse also keineswegs.
TR: Können Sie kurz erläutern, was da genau in Shanghai passiert ist? Wie viel hatte es tatsächlich mit der Angst vor neuen Aktiensteuern zu tun, die unter chinesischen Kleinaktionären umgeht?
Schlevogt: Deutungsversuche der hochbezahlten Analysten erinnern mich an das Lesen von Teeblättern. Wo es keine Fakten gibt, kann man nie das Gegenteil beweisen. Woher weiß ein Bankier, dass ein Kurseinbruch von fast 9 Prozent an einem Tag nur die Korrektur einer Überbewertung und nicht der Anfang einer langen Talfahrt ist? Viele Anleger fallen leider auf solche pseudo-wissenschaftliche Erklärungen herein.
Letztendlich sind wilde Kurssprünge auf Herdenverhalten zurückzuführen. Dieses begünstigt ein unausgereiftes Finanzsystem, dem es an Transparenz mangelt. Gerüchte, wie etwa Vermutungen über bevorstehende Maßnahmen zur Verminderung spekulativer Aktivitäten, können Panik verursachen.
In weiter entwickelten Märkten sind die Anleger häufig abgebrühter. Sie werden regelmäßig von staatlichen und privaten Stellen über neue Entwicklungen unterrichtet. Investoren setzten die neu gewonnenen Erkenntnisse schnell in ihren Anlagestrategien um. Informationen spiegeln sich somit schnell in Marktpreisen wider. Dies ist ein Zeichen von "Markteffizienz" im volkswirtschaftlichen Sinne. Insgesamt ist die Wahrscheinlichkeit unangenehmer Überraschungen in transparenten Börsen somit geringer als in Märkten, in denen die Informationspolitik sprunghaft ist.
TR: Welche Rolle spielt die Sparquote in China im Finanzsystem?
Schlevogt: China verfügt über ein "Cash-Fettpolster". Aber hinter der hohen nationalen Bruttosparquote, die 49,7 Prozent im Jahre 2005 betrug, verbergen sich strukturelle Probleme. Zurückbehaltene Unternehmensgewinne machen den Löwenanteil der Ersparnisse aus. Außerdem wurde die Hälfte aller Investitionen aus den Gewinnen chinesischer Unternehmen finanziert. Im Vergleich zu der hohen Investitionsquote ist der Konsum in China niedrig.
Im Übrigen ist das Reich der Mitte noch ein gutes Stück von dem Ziel entfernt, eine globale Finanzmacht zu werden. Im Jahre 2004 betrug das gesamte Finanzvermögen der Volkswirtschaft 4,3 Billionen US-Dollar, was nur etwa einem Zehntel der US-amerikanischen Finanzkraft entspricht.
TR: Aber ist eine hohe Eigenkapitalquote nicht eine gute Sache? So manches deutsche Unternehmen würde sich danach die Finger lecken.
Schlevogt: Chinesische Unternehmen können nicht immer profitable Anlegemöglichkeiten ausfindig machen und somit nicht alle ihre Reserven sinnvoll verwenden. Sie bauen deshalb häufig Überkapazitäten auf, die sich im Zuge von Preisschlachten deflationär auswirken können. Die Firmen wären häufig besser beraten, Bargeld beispielsweise in Form von Sonderdividenden an die Anleger zurückzugeben.
Außerdem werden solche Cash-Reserven in Zukunft zunehmend Unternehmensräuber anlocken, die nach einer Übernahme die Schatztruhe plündern und eventuell sogar die Firma zerschlagen. Kredite würden dagegen chinesische Unternehmen disziplinieren, da sie dann regelmäßige Zinszahlungen sicherstellen müssten und von Banken überwacht würden. Dies würde sie davon abhalten, Projekte mit niedrigen Ertragserwartungen und überhöhtem Risiko zu verfolgen.