Kuh kontra Mensch?
In den USA gibt es Streit um neuartige Antibiotika-Wirkstoffe für Kühe, die Experten zufolge die Wirksamkeit der Bakterienkiller beim Menschen reduzieren könnten. Der Hersteller beschwichtigt: Sie würden nur vereinzelt verabreicht.
Wenn eine landwirtschaftlich genutzte Kuh ernsthaft malad wird, dann betrifft dies in der Regel entweder das Euter oder die Atemwege. Besonders eine Erkrankung der Atemwege Bereich kann lebensbedrohlich sein. Kein Wunder also, dass die viele Bauern häufiger Antibiotika verabreichen, um ihre Herde gesund zu halten. In den USA kann ein Farmer beispielsweise unter mehr als einem Dutzend entsprechender Tiermedikamente wählen, die allesamt als wirksam gegen den "Rinder-Husten" gelten.
Und diese beeindruckende Huftier-Hausapotheke entwickelt sich weiter: Längst werden den Rindern Medikamente verabreicht, deren Wirkstoffe auch beim Menschen zum Einsatz kommen, wenn dieser sich eine gefährliche Bakterieninfektion zuzieht. Das Problem: Je breiter Antibiotika eingesetzt werden, desto schneller bauen Krankheitserreger wiederum Resistenzen auf.
Und: Je mehr Antibiotika weitläufig zum Einsatz kommen, desto weniger verbleiben auf lange Sicht wirksam bei der Ärzteschaft in der Hinterhand, um in Situationen, in denen Standardwirkstoffe nichts mehr ausrichten, dennoch eingreifen zu können. Diese Evolution hin zum "Superbakterium" führt insbesondere in Krankenhäusern zu zunehmend gefährlichen Situationen: Patienten holen sich hier Keime, gegen die schlimmstenfalls überhaupt nichts mehr hilft.
Der Problematik sind sich Wissenschaft und Medizin zunehmend bewusst. So verwundert es wenig, dass derzeit in den USA heftig um die Einführung eines neuen Rinder-Antibiotika-Medikamentes gestritten wird: Der dabei verwendete Wirkstoff nennt sich Cefquinom und wird von Intervet, einer Tochter von Akzo Nobel, hergestellt. In der Diskussion um die Zulassung durch die zuständige Behörde Food and Drug Administration (FDA) meinten beteiligte Wissenschaftler, das Mittel sei schlichtweg zu potent, um Kühe damit zu behandeln.
Auf die Idee könnte man durchaus kommen: Bei Cefquinom handelt es sich um ein Breitbandantibiotikum aus der Gruppe der Cephalosporine – und zwar in vierter Generation. Dieses wird normalerweise als eine Ultima Ratio beim Menschen eingesetzt – Kindern hilft es bei schweren Magen-Darm-Erkrankungen oder gar Meningitis. Die Reaktion der FDA-Expertenausschüsse war dementsprechend schroff: Im September lehnten die Fachveterinäre der Behörde die Genehmigung zunächst ab.
Laut einem Bericht der "Washington Post" half dies allerdings nichts: Die FDA müsse Cefquinom zulassen, solange es keine Beweise für eine Gefährdung des Menschen gäbe. Edward Belongia, Epidemiologe bei der Marshfield Clinic Research Foundation, sah gar Beweise für eine erhöhten menschlichen Sterblichkeit durch die Zulassung von der FDA gefordert: "Die Industrie will hier eine direkte Verbindung sehen, sonst muss die Behörde zulassen."
Louise Slaughter, demokratische Abgeordnete im US-Repräsentantenhaus und von Beruf Mikrobiologin, schrieb der FDA einen Brief, in dem sie die Gesundheitsaufsicht aufforderte, Cefquinom keinesfalls bei Rindern zuzulassen: "Der ganze Zulassungsprozess für Medikamente ist zu hinterfragen." Inzwischen hat sich die Lage etwas beruhigt. Die FDA erklärte, man müsse gar nichts zulassen und nehme sich die Zeit, Cefquinom und seine möglichen Wirkungen ausführlich zu testen.
Bei Intervet versteht man unterdessen die Aufregung nicht: Gegenüber Technology Review erklärte ein Sprecher, Cefquinom werde nur in seltenen Fällen und bei tatsächlich akuten Erkrankungen verabreicht. Die die Leistung steigernde Wirkung, die mancher Farmer mit Antibiotika erreichen wolle, sei mit dem Wirkstoff gar nicht zu erzielen. "Dadurch sinkt auch die Gefahr von Resistenzen", so der Intervet-Sprecher. Wahrscheinlich ist das auch der Grund dafür, dass Cefquinom in Europa im vergangenen Jahr problemlos eine Zulassung erhielt. Eine Diskussion, die womöglich dennoch wünschenswert gewesen wäre, blieb in der Öffentlichkeit aus. (bsc)