Die andere Börse
Der US-Aktienhändler Dave Cummings hatte es satt, den US-Börsen-Marktführern dicke Kommissionen zu zahlen. Deshalb gründete er seinen Handelsplatz einfach selbst. Inzwischen wickelt BATS über 10 Prozent des Marktvolumens der NASDAQ ab.
Wenn es nach Dave Cummings geht, dann heißt die Börsenhauptstadt der Vereinigten Staaten in einigen Jahren nicht mehr New York, sondern Kansas City, Missouri. Die Stadt mit ihren knapp 450.000 Einwohnern im eher verschlafenen Mittleren Westen der USA ist Sitz von Cummings' Firma BATS. Die schräge Abkürzung ("Bat" heißt auch so viel wie Baseball-Schläger) steht für "Better Alternative Trading System", sprich: besseres, alternatives Handelssystem. Und dieser elektronische Börsenplatz soll, wenn Cummings weiterhin Erfolg hat, eines Tages genauso bekannt sein wie die NASDAQ oder die NYSE an der Wall Street in Manhattan.
Cummings, der einst am Kansas City Board of Trade Futures auf Weizen oder Schweinebäuche verkaufte, hat mit BATS vor allem eine kostengünstige Alternative für Profitrader geschaffen, die große Aktienblöcke schnell über die Börse schieben müssen. Das kam bislang erstaunlich gut an: Die von einem Minigebäude aus geleitete Firma wickelt inzwischen Über 10 Prozent des Marktvolumes der NASDAQ-Werte ab - vor allem dank aggressiver Preise. Inzwischen hat sich Cummings sogar einst die Nase rümpfende Großplayer aus New York in die Firma holen können - neulich stieg Merrill Lynch mit einem Minderheitsanteil ein.
BATS profitiert von den Auswirkungen einer Monopolisierung, die die elektronischen US-Handelsplätze seit mehreren Jahren plagt. Konnte man früher auf unabhängige so genannte ECNs zugreifen, die mit kostengünstigen Preisen die Leitbörsen überholten, haben sich NYSE und NASDAQ die wichtigsten dieser Mitspieler inzwischen selbst einverleibt. "Genau deshalb wollte ich wieder eine Alternative schaffen", meint Cummings.
Der kostengünstige Standort Kansas City ist auch der breiten Internet-Versorgung geschuldet - im Grunde ist es heute herzlich egal, wo sich ein Wettbewerber befindet, meint Cummings. "Man kann jetzt überall erfolgreich sein, wenn nur die Technologie stimmt." Ganz ohne New York kommt aber auch BATS nicht aus: So hat die Firma ihre Ausführungsrechner in den gleichen Datencentern sitzen wie die NYSE. Bei kurzfristigen Käufen und Verkäufen, mit denen sich schnell Geld über Marktdifferenzen erzielen lassen, zählt jede Hundertstel Sekunde. BATS gehörte als New York-Outsider erstaunlicherweise zu den ersten, denen das auffiel - inzwischen suchen auch immer mehr Handelsfirmen die direkte räumliche Nähe zu den Börsenrechnern.
Technisch scheint BATS den "Großen" jedenfalls kaum unterlegen - so hatte der Handelsplatz beispielsweise am 27. Februar beim letzten großen Absturz der New Yorker Börsen keine Schwierigkeiten, mit dem riesigen Handelsvolumen der Panikverkäufer zurecht zu kommen, während es etwa bei der NYSE zu technischen Problemen kam.
Noch ist allerdings unklar, wie BATS auf lange Sicht Geld verdienen will. Bei der NASDAQ heiĂźt es, man verstehe das aggressive Preismodell des Konkurrenten nicht, wo man zur Kundenwerbung schon mal einen mittleren einstelligen Millionenbetrag in wegfallene Kommissionen stecke.
Cummings, der gerne selbst in Kunden-Emails und auf Symposien über seine alteingesessenen Wettbewerber herzieht, erklärt das mit dem Dienstleistungsaspekt: BATS solle profitabel sein, aber auch der Gemeinschaft der Händler dienen. Dass das Aufgehen kann, zeigen die langsam bei ihm einsteigenden Großplayer. Und dies Herangehensweise ist ziemlich klassisch: Auch NASDAQ und NYSE wurden vor ihren Zeiten als Duopol gegründet, vor allem dem fairen Markt ihrer Mitglieder eine Grundlage zu geben. Vielleicht geht dieser Neustart ja von einer Stadt im Mittleren Westen aus. (bsc)