Narzissmus 2.0
Die US-Psychologin Jean Twenge hat mit "Generation Me" einen Bestseller über die Selbstverliebtheit der heutigen Jugend geschrieben: Sie sieht Psychopathologien auf dem Vormarsch, die von Medien und Web 2.0 verstärkt werden.
Wenn Jean Twenge, Professorin am Institut fĂĽr Psychologie der San Diego State University, recht hat, dann ist das Internet in seiner aktuellen Form des "Mitmach-Web" ein einziges groĂźes Experiment an der heutigen Jugend. "Die modernen Technologien sorgen dafĂĽr, dass der Narzissmus zunimmt", meint die Psychologin, "MySpace befriedigt schon aus seinem Namen heraus die Sucht nach Aufmerksamkeit. Und YouTube mit seinem Slogan "Sende Dich selbst!" ebenfalls".
Twenge hat ihre These berreits im vergangenen Jahr in einem Buch namens "Generation Me" verarbeitet, das jetzt in einer Paperback-Neuauflage vorliegt (Verlag Simon & Schuster / Free Press). Darin erläutert sie, warum junge Amerikaner heute selbstsicherer, durchsetzungsfähiger und gleichzeitig anspruchsvoller seien - und sich dennoch unglücklicher fühlten als jede Generation vor ihnen.
In der Tat ist der Gedanke der universellen Narzissmus-Durchdringung verlockend - man braucht ja nur den Fernseher anzuschalten, in dem Möchtegern-Reality-TV-Stars auf B-Promis treffen, die Star-Sein nur aus Star-Sein begründen. Aber sind wirklich zunehmend Jugendliche von diesem Phänomen betroffen? Existieren genügend Spiegel, echte Narzissten aus ihnen zu machen?
Twenge will dies mit Zahlen belegen können. Ihre neueste Studie, passend zur "Generation Me"-Neuauflage im Frühjahr erschienen, wendete das so geannnte "Narcissistic Personality Inventory", eine Skala der US-Gesundheitsbehörden zur Bestimmung entsprechender Psychopathologien, auf mehr als 16.000 College-Studenten im ganzen Land an. Das Ergebnis, das zunächst noch nicht in einem wissenschaftlichen Journal publiziert wurde, klingt erschreckend: 2006 hätten 30 Prozent mehr der Untersuchten erhöhte narzisstische Veranlagungen gezeigt als noch 1982. Schlimmer noch, der durchschnittliche Testteilnehmer habe ähnliche Narzissmus-Ergebnisse wie eine Vergleichsgruppe aus mittelmäßig prominenten Schauspielern, Musikern und Reality-TV-Sternchen.
Wohlgemerkt: eine erhöhte narzisstische Veranlagung heißt noch nicht, dass der Betroffene tatsächlich an einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung leidet, die man sofort behandeln müsste. Persönlichkeitsstörungen sind nur schwer in den Griff zu bekommen, weil sie die gesamte Struktur eines Menschen bilden. "Erlernt" werden sie nur selten.
Trotzdem werden es die "jungen Narzissten" in ihrem späteren Leben der Gesellschaft nicht leicht machen, glaubt Twenge. Wer auf Aussagen wie "Ich bin eine ganz besondere Person" oder "Ich würde am besten die Welt beherrschen" mit "Das bin ich" antwortet, wird spätestens in längerfristigen Beziehungen scheitern. "Narzissmus fühlt sich gut an und hilft, bei "Superstar" teilzunehmen", meint W. Keith Campbell, der zusammen mit Twenge die Studie verfasste. "Unglücklicherweise hat Narzissmus aber auch sehr negative Auswirkungen auf die Gesellschaft, sorgt dafür, dass enge Beziehungen zu anderen zusammenbrechen."
Twenge fürchtet, dass wir uns bald in einer Gesellschaft befinden könnten, in der sich alle gegenseitig schlecht behandeln - egal ob nun auf der Straße oder in Beziehungen. (Fragt sich nur, ob wir nicht längst soweit sind.)
Die Psychologin schiebt die Narzissmus-Neigung der jungen Generation natürlich nicht nur auf das Internet, das den medialen Trend zur Selbstdarstellung aktuell nur aufnimmt. Vielmehr sei die Erziehung - auch in den Schulen - ein entscheidender Faktor. Wer Kindern ständig sage, sie seien etwas besonderes, müsse sich eben nicht wundern.
Fazit: Eltern müssen offensichtlich einen Mittelweg finden - zwischen der Beförderung ihrer Kinder mit guten, positiven Worten und dem klaren Anspruch sozialer Gedanken. Aber geht das überhaupt, wenn sich Kommunikationswelten derart unterscheiden, wie dies heute zwischen Alt und Jung zu sein scheint? Auch Twente weiß darauf keinen Antwort. Sie weist im Grunde nur auf die erschreckenden Resultate hin.
"Generation Me", Simon & Schuster / Free Press, 304 Seiten (bsc)