Mehr Venus als Erde

Ein im April entdeckter erdähnlicher Planet galt als bislang aussichtsreichster Kandidat für lebensfreundliche Bedingungen. Nun haben ausgerechnet Klimaforscher mit Modellrechnungen die Euphorie gedämpft: Die "zweite Erde" ist wohl zu heiß für Leben.

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Von
  • Keno Verseck
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"Erster erdähnlicher Planet in lebensfreundlicher Zone gefunden", meldete die Europäische Südsternwarte (ESO) Ende April: Ein schweizerisch-französisch-portugiesisches Astronomen-Team hatte in 20 Lichtjahren Entfernung um den kleinen, leuchtschwachen Stern Gliese 581 einen Planeten entdeckt, der anderthalbmal so groß und fünfmal so schwer ist wie die Erde. Für die Fachwelt eine kleine Sensation, denn noch nie zuvor war ein so kleiner Planet außerhalb des Sonnensystems gefunden worden. Die Medien wiederum feierten den Planeten Gliese 581 c als "zweite Erde" - hatten Mitglieder des Astronomen-Teams in ihrem Bericht doch geschrieben, er sei vermutlich felsig oder von Ozeanen bedeckt, und die Temperatur an seiner Oberfläche könne auf einen Bereich von minus drei bis plus vierzig Grad geschätzt werden.

Doch der Jubel über die "zweite Erde" war offenbar verfrüht - Gliese 581 c ist aller Wahrscheinlichkeit nach zu heiß für Leben. Zu diesem Ergebnis kommt jetzt eine Studie von Forschern des Potsdam-Institutes für Klimafolgenforschung (PIK) und der Universität Texas. Anders als die Entdecker des Planeten haben sie in ihrem Modell kalkuliert, wie sich die Atmosphäre von Gliese 581 c entwickelt haben könnte. "Der Planet liegt eindeutig außerhalb der lebensfreundlichen Zone", sagt Werner von Bloh, Physiker am PIK und Leiter des Teams, das die Studie veröffentlicht hat. "Er ist zu nah an seiner Sonne, es gibt in seiner Atmosphäre einen starken Treibhauseffekt, und auf ihm dürften ähnliche, wenn nicht viel extremere Bedingungen herrschen wie auf der Venus, die ja immerhin bis zu 500 Grad heiß wird, verursacht ebenfalls durch einen höllischen Treibhauseffekt."

Der Mutterstern der “zweiten Erde”, Gliese 581, gehört zur M-Klasse oder zu den so genannten Roten Zwergen, dem am meisten verbreiteten Sternentyp in der Milchstraße. Rote Zwerge sind massearme, leuchtschwache Sterne; Gliese 581 ist nur rund ein Drittel so schwer wie die Sonne und leuchtet etwa hundertmal schwächer als sie.

Schon vor gut zwei Jahren wurde ein erster Neptun-großer Planet entdeckt, der Gliese 581 in fünfeinhalb Tagen umkreist. Das Team um den Schweizer Astronomen Stéphane Udry gab dann im April dieses Jahres die Entdeckung zweier weiterer, erdähnlicher Planeten um den Roten Zwerg bekannt, darunter jenen, der als “zweite Erde” gefeiert wurde. Er benötigt nur 13 Tage für einen Umlauf. Obwohl er seinem Stern sehr nahe ist, könnte Gliese 581 c aufgrund der schwachen Leuchtkraft des Sterns noch in der lebensfreundlichen Zone liegen, berechneten Udry und seine Kollegen. Ausdrücklich verwiesen die Forscher jedoch darauf, dass die Angaben sehr unsicher seien, da beispielsweise über die Atmosphäre der Planeten nichts bekannt sei.

Präzisere Angaben glauben nun die die Wissenschaftler um Werner von Bloh machen zu können. Ihre Modelle ergeben für die beide jüngst entdeckten Planeten dichte Hochdruckatmosphären. Demnach würde auf Gliese 581 c, der “zweiten Erde”, ein heiße, mit Kohlendioxid angefüllte Atmosphäre Leben wie das irdische gewissermaßen ersticken und erdrücken, eingeschlossen primitives organisches Leben. Allenfalls die “vereinzelte Existenz” von extremophilen Bakterien, wie sie in der Erdkruste oder an heißen Tiefseequellen, so genannten “Schwarzen Rauchern”, vorkommen, könnte sich von Bloh vorstellen. Doch auch das sei unwahrscheinlich.

Dagegen läge der andere, etwas größere Planet Gliese 581 d gerade noch am äußeren Rand der lebensfreundlichen Zone. Er ist dem Modell zufolge “habitabel”, wie Astronomen es nennen. Leben auf ihm müsste allerdings sehr schwerkraft- und druckbeständig sein, da der Planet immerhin die achtfache Masse der Erde besitzt und der Atmosphärendruck ein Vielfaches des irdischen beträgt.

Wie kommen die Forscher auf solche, durch Beobachtungen derzeit nicht nachprüfbare Angaben? Immerhin geht es um Objekte, deren bloße Entdeckung die meisten Forscher zum jetzigen Zeitpunkt kaum für möglich gehalten hatten - Entdeckungen, für die es der ausgefeiltesten Spektrographen-Technologie bedurfte, die bisher entwickelt wurde.