Diagnose: World-Trade-Center-Husten
Wissenschaftler der Stadt New York erfassen gesundheitliche Probleme all jener, die sich nach den Anschlägen in der Nähe von Ground Zero aufhielten. Ergebnis: Die Zahl der Erkrankten wächst.
Michael Moore weiĂź, wie er mitten ins Herz der patriotischen Amerikaner trifft. Deshalb nimmt eine Gruppe von schwer erkrankten Helden des 11. September auch eine zentrale Rolle in Moores neuem Doku-Hit "Sicko" ein, der die Defizite des amerikanischen Gesundheitssystems aufzeigen will.
Bei den im Film beschriebenen Personen – Moore schickt sie als Nicht-Krankenversicherte gar zur kostenlosen Behandlung beim US-Erzfeind Kuba – handelt es sich um Menschen, die nach den Terroranschlägen des Jahres 2001 an die Unglücksstelle eilten, um den Rettungskräften zur Seite zu stehen. Als nicht bei der Stadt New York angestellte Freiwillige stehen sie inzwischen weitestgehend alleine da, wenn es um die Behandlung jener gesundheitlichen Probleme geht, die ihr heldenhafter Einsatz offenkundig nach sich zog.
Ganz tatenlos ist New York allerdings nicht. Seit 2003 existiert das so genannte "World Trade Center Health Registry" (WTCHR), eine Computerdatenbank, die möglichst viele Personen erfassen soll, die von Nachwirkungen des 11. September erfasst sind. Die wissenschaftlich geführte Registratur spricht all jene an, die bei den Terroranschlägen vor Ort waren – als Retter, Aufräumarbeiter oder ganz normaler Anwohner von der Canal Street abwärts, die Downtown Manhattan markiert. Auch Schüler und Studenten der Region sollen sich melden. Fragen, die in einem 30-minütigen Telefoninterview gestellt werden, beschäftigen sich unter anderem mit dem Zeitraum, den die Personen Staub, Rauch und Rauchgasen ausgesetzt waren, dem anschließenden Gesundheitsproblem und der allgemeinen psychischen Situation nach den Anschlägen.
Die Antworten ließen nicht lange auf sich warten. Inzwischen sind erstaunliche 71.000 Menschen in der WTCHR erfasst, 30.000 davon absolvierten bereits eine zweite Befragungswelle. Ziel der Datenbank ist es, ein möglichst akkurates Bild der gesundheitlichen Auswirkungen der Anschläge zu bekommen. Die Studie ist als Langzeitforschung angelegt. Noch in 20 Jahren will man bei den Betroffenen nachfragen, ob sich ihr Zustand geändert hat.
Eines steht bereits fest: Insbesondere diejenigen, die an den Aufräumarbeiten beteiligt waren, setzten sich über Wochen einem Cocktail an unbekannten Chemikalien, gefährlicher Asche und problematischen Rauchgasen aus – sie wurden faktisch zu Versuchskaninchen, wie Kritiker aus den Gewerkschaften meinen. Sicherheit kam hinter schneller Hilfe und der Anforderung, das Horrorbild so schnell wie möglich abzuräumen.
In einem Aufsatz für das "New England Journal of Medicine" fasst der Epidemiologe Jonathan M. Samet von der Johns Hopkins Bloomberg School of Public Health in Baltimore zusammen mit zwei Kollegen die Ergebnisse der jüngsten Studien zusammen, die es zu den Gesundheitsauswirkungen des 11. September gibt: Demnach sind allein vom so genannten "World-Trade-Center-Husten" Tausende betroffen. Feuerwehrmänner, die nach den Terroranschlägen im Einsatz waren, entwickelten einen nicht enden wollenden Hustenreiz, der mit einer deutlichen Einschränkung der Lungenfunktion einhergeht, die offenbar nicht mehr zu retten ist. Aber auch Schulkinder in der Region um Downtown Manhattan sind betroffen.
Neben den Atmungserkrankungen steht das Krebsrisiko ganz oben auf der Gefahrenliste. Proben, die nach den Anschlägen genommen wurden, enthalten aus der Verbrennung entstandene Karzinogene, Baumaterialien und auch Asbest. Neben großen Partikeln fanden sich auch viele kleine, die sich tief in die Lunge bohren können – viele davon wurden erst gar nicht erfasst, weil Wissenschaftler erst Tage nach den Anschlägen vor Ort waren.
Das Risiko hängt jeweils von der Dosis ab, die ein Betroffener einatmete. Diejenigen, die sich mitten in der Staubwolke befanden, die beim Einsturz der Gebäude losbrach, dürften Werte im Bereich mehrerer Milligramm pro Kubikmeter abbekommen haben. Aber auch kleinere Dosen können auf lange Sicht zu schweren Schäden führen, heißt es in den Studien.
In den schlimmsten Fällen erwarten die Helden des 11. September Lungenerkrankungen, die in ein hohes Krebsrisiko münden. Es sei allerdings unklar, schreibt Samet in seinem Paper, inwieweit die WTCHR-Datenbank tatsächlich alle Personen erfassen kann. "Auch die Gesamtzahl der aktuell laufende Studien werden nicht genügend Material liefern, um alle Fragen zu klären." Betroffene können also nur eines versuchen: Sie müssen regelmäßig zum Arzt, um ihr erhöhtes Risiko abzuklären. Eine gute Krankenversicherung, so zeigt Moores Film "Sicko" deutlich, brauchen sie dabei ganz bestimmt. Die medizinischen Folgekosten des 11. September sind auch fast sechs Jahre nach den schrecklichen Anschlägen kaum abzusehen. (bsc)