"Das muss sich rechnen"
Wo kommt unsere Energie von morgen her? Carlos Härtel, Forschungsleiter des Technologiekonzerns GE in München, spricht im TR-Interview über den Energiemix der Zukunft – und die technischen Potenziale regenerativer Energien.
Carlos Härtel ist seit Juni neuer Leiter des GE Global Research Center Europe in München, in dem der Technologiekonzern verstärkt an neuen Energietechnologien forscht. Zuvor leitete Härtel das Labor für Alternative Energien in dem Forschungszentrum und war unter anderem bei Alstom beschäftigt, wo er Gasturbinen entwickelte.
Technology Review: Herr Dr. Härtel, wie sieht in 10 bis 15 Jahren unsere Energieversorgung aus?
Carlos Härtel: Das ist an sich nicht unbedingt unsere Aufgabe, eine Vision von der Energiezukunft zu entwickeln. Ich könnte Ihnen natürlich sagen, wie es unserer Meinung nach bei Turbinen weitergeht. Ich persönlich – und das ist jetzt keine Firmenposition, sondern die Einschätzung von jemandem, der auf diesem Gebiet viel unterwegs ist – glaube aber, dass sich am Energiemix, so wie wir ihn heute kennen, in den nächsten zehn bis 15 Jahren nur inkrementell etwas ändert.
Fossile Energieträger werden etwas weniger dominant sein, die erneuerbaren Energien werden dazukommen – und dabei wird der Kostenfaktor eine entscheidende Rolle spielen. Also, ich kann mir schon vorstellen, dass es in der Zeit, von der wir dann reden, in 10, 15, vielleicht 20 Jahren eine Menge Lösungen gibt, die heute noch an der Grenze sind und nur in der Nische existieren, die dann plötzlich deutlich breiter im Markt zu finden sind. Gerade bei der Photovoltaik, die heute immer noch sehr teuer ist, könnte ich mir sehr gut vorstellen, dass die in dezentralen Anwendungen im häuslichen Umfeld sehr viel stärker eingesetzt werden wird, weil es dann interessante Gesamtlösungen für das Haus gibt.
TR: Wenn wir über Gas- und Dampfturbinen reden, wie geht's da weiter? Lässt sich der Wirkungsgrad noch weiter steigern oder ist bei 60 Prozent tatsächlich Schluss?
Härtel: Das hängt ein bisschen davon ab, wie mutig man in der Prognose ist. Im Prinzip sind die Grenzen natürlich physikalisch vorgegeben. Ich glaube, die Annahme, dass man auf 65 Prozent hochgehen kann, wäre nicht zu verwegen. Wer höher gehen will, muss sich schon sehr weit strecken. Aber ganz klar, das wären auf das bezogen, was heute der Standard ist, immerhin noch interessante Zuwächse.
TR: Sie haben die Photovoltaik erwähnt. Das Thema hat ja insbesondere hier in Deutschland in den letzten Jahren einen rasanten Boom erlebt. Auf was für Möglichkeiten und Wirkungsgrade kann man sich dabei künftig einstellen?
Härtel: Auf diese Wirkungsgrade würde ich auch keine Prognose wagen wollen. Wir haben ja eine Technologie, wir arbeiten im Augenblick mit Silizium, aber es gibt ja im Hintergrund dazu ein Forschungsgeschäft, und dann ziehe ich mich dann in die Forschungsposition zurück: Ganz interessante Entwicklungen gibt es vor allem in der Kostenfrage.
Es geht ja tatsächlich nicht nur um die Energieausbeute – es geht auch um das, was man an Kosten vorher reinstecken muss. Und der ganze Silizium-Prozess ist sehr, sehr energieintensiv. Wenn man das auf einer anderen Basis machen könnte, mit einer Technologie, die schon bei der Herstellung weniger Grundleistung braucht, dann hätte man auch den entsprechend positiven Effekt, dass es Kosten senkt.
Auf Firmenseite glauben wir auch, dass es interessante Integrationsaspekte gibt: Dass sich verschiedene Technologien so integrieren lassen, dass es im globalen Zusammenhang Sinn macht, vom Haus als Energiebereitstellungssystem zu sprechen. Da kommt dann Solarthermie mit rein, die Stromerzeugung (was man als Co-Generation bezeichnen könnte), und dann die Einbindung in ein Hausnetzwerk mit Energiespeicherung. Und solche Lösungen, glaube ich, sind, wenn die Energiepreise entsprechend steigen, auch für Einzelpersonen und Einzelhaushalte zunehmend interessant.
TR: Das geht dann in Richtung eines intelligenten Energiemanagements fĂĽr das gesamte Haus.
Härtel: Ja. Allerdings ist beim Energiemanagement immer die Frage, was ist mein Bezugsrahmen? Ist das vielleicht eine Einheit, ist das ein Teil einer Stadt, ist es der Einzelhaushalt oder ist es vielleicht ein ganzes Land, bei dem dann der zentrale Energieversorger sagt: anschalten, ausschalten? Ich glaube, damit so ein System attraktiv ist für den Endkunden, muss es so sein, dass er es selber im Griff hat. Also, insbesondere eine Einzellösung in Gegenden, wo ja auch die Alternativen begrenzt sind, wenn man vielleicht eine größere Farm hat. Es kann aber auch sein, dass das ein Shopping-Center ist, das vielleicht etwas außerhalb liegt. Da könnte ich mir das sehr gut vorstellen. Und selbst im Privathausbereich.